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Jeschurun · 1892-10-20 · 4 (20.10.1892) · p. Seite 53

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jeschurun
Volume
1892
Issue
4 (20.10.1892)
Date
1892-10-20
Page
Seite 53 (sequence 5)
Language
German
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Nr. 4. ^Jeschurun. Seite 53. Da sangen sie Dich in den Tod Mit Psalmenklang, die Mitleidsvollen! O, schön're Rache ward Dir nie: Der Psalmen heil'ge Melodie, . Von Deinen Dichtern singen sie Die Hymnen, wenn sie beten wollen. Die Sänger aller Völker dichten An Deiner ew'gen Elegie, In Stein und Farben frommen sie Die ewig heiligen Geschichten. Es rst unsterblich nur allein. Wen sanft umfließt der Myte Schein - Und ist die Gegenwart nicht Dein, Es muß sich Deine Zukunft lichten, O Volk, auf Deinen Dornenpfaden! Du hast der Denker bleichen Ruhm, Du hast purpurnes Märtyrtum Und einen Bund mit Gottes Gnaden! Zerstreut auf Deiner Erde hier, Wir beten, ew'ger Gott, zu Dir; Gedankenscharen weiden wir, Jhv's heilige Nomaden. (L. A. F r a n k l, Nach Jerusalem, 18561.) Jhvh stört der Völker Beschlüsse, wendet der Nationen Gedanken. (Ps. 33.) Wenn nicht so, wenn nicht Befreiung und Rettung Euch „von einem anderen Orte" erstanden wäre — sie hätten in ihrem blinden Wüten Euch lebendigen Leibes zu Grabe getragen. Ihr wäret aber von altersher und seid gewissermaßen jetzt noch der welthistorische Dornstranch, der brennt, aber nie verbrennt. Dieses überflüssige" und mißachtete Gewächs, das seid Ihr, seine Stacheln, das ist Euer ätzender, scharflaugiger Geist, der gährende Sauerteig oder das Salz in der Menschheit Geschichte. Während Eure Bedränger nach achtzehnhnndert Jahren Sysiphusarbeit ermüdeten, ermatteten, wurdet Ihr in Euren Hoffnungen auf den Helfer aus allen Nöten, ans den nie schlummernden und nie schlafenden Hüter Jsrals, nicht getäuscht. Ihr wechseltet die Kraft, höbet die Schwingen wie Adler, liefet und wurdet nicht müde, Ihr wandeltet und wurdet nicht matt. Und dereinst, an jenem „Tag," da „Ein Gott" mit Einem! Namen einziger „König" sein wird auf dem ganzen Erdball, j wenn seiner „Erkenntnis die Erde voll sein wird wie Wasser | auf dem Meeresgrund" und die solidarische Menschen- und Völkerverbrüderung beendet unter Alleinherrschaft von Wahrheit, Recht und Frieden (Jes. 2, 2—4. 11, 6—9. 25, 5—8. 66,15 ff; Micha 4, 1—7; Hab. 2,13—14.); an jenem großen Tage, da „zur Abendszeit Licht anbricht," wird es im Anschluß an die Vollbringung der Sendung Israels heißen: Frühvermeldetes — siehe, es ist eingetroffen! Darob singet Jhvh neuen Sang, Seinen Ruhm am Ende der Erde, Die Ihr das Meer befahrt, und was es füllt, Eilande und ihre Bewohner; aufjnblle die Wüste und ihre Städte!" . . . Leon Gordon. Ein Gedenkblatt von Rüben Brainin. Unser größter Dichter, Jehnda Leb Gordon, ist dahin ♦ Welcher Verlust, welches Uuglück! Solche und ähnliche Ausrufe hört man jetzt von allen Seiten innerhalb der russichjüdischen Intelligenz. Wir wissen, daß diese gewaltige Klage der jüdischen Geistesaristokratie Rußlands unseren westeuropäischen Brüdern fremdartig und unverständlich erscheinen wird. Sie können zur Not noch begreifen, wenn die russischen Inden über das Versiegen ihrer Brotquelle, über die Austreibung ans Jnnerrnßländ, über die Unmöglichkeit, Karriere 311 machen, weinen — aber daß sie Ströme von Tyränen vergießen und wehklagen über den Tod eines gewissen Gvrdon, das ist ihnen unverständlich. Wer war denn eigentlich dieser Gordon? Wir haben den Namen nie gehört, weder unter den russischen Generälen, noch unter den Banquiers oder Eisenbahnunternehmern. Auch unter den großen Professoren Rußlands findet er sich nicht, j Warum weint also das Volk?! Ja, meine lieben westeuropäischen Brüder, Gordon i war kein General, kein gewaltiger oder reicher Herr, kein ' Professor der alter: Sprachen — Ihr habt vielleicht auch heute zum ersten Male seinen Namen gehört, — und dennoch trarrern wir alle an seinem Grabe. Denn dieser Gordon war der größte hebräische Dichter der Gegenwart und die jetzt lebende Generation der rrffsisch - jüdischen Intelligenz, so rveit sie Israel und seiner Sprache treu ist, verliert in ihm ihren Meister, der sie mit seinen Schriften erzogen hat. Wie weit ist doch das kalte Nvrdland, in welchem Gordon geboren wurde und starb, in welchem er seine schönsten Lieder saug, vom sonnigen Lande Israels, wie ferne doch die Zeit, irr der irnsere Propheten und Seher lebten, von der Gegenwart! Und doch hat uns Gordon in seinen wunderbaren Dichtnngen die Stimme der Propheten in aller ihrer Macht, Schärfe und Pracht hören lassen. In ihm war ein neuer Jesajas erstanden, der die Sprache fast noch anmutiger und lauterer zu gei stalten wußte, als der alte Jesajas; ein zweiter Jeremias, der es verstand, fast noch herzbewegender, verzweislungsvoller zu klagen, als der erste; ein neuer David, der fast noch sehnsüchtiger und erhabener zu singen wußte, als der königliche Psatmist. Der Stil der Lieder Gordons ist eine Elite der poetischen Stile aller Propheten. Gordons viele und verschiedene Dichtungen zeichnen sich nicht bloß durch ihre wunderbare Form, ihre vollendete Technik, ihre Schärfe, ihre ästhetische Feinheit, ihre Anmut aus, sondern noch mehr durch ihren Inhalt, ihren Gedankenreichtum und ihren kühnen Geist. Viele dieser Schöpfungen Gordons verdienen einen ersten Platz in der Weltliteratur. Doch nun etwas ans seinem Leben. Gordon wurde am 21. Kißlew 1830 in Wilna geboren. Seine Eltern waren Besitzer eines Hotels, in welches der polnische Adel einkehrte. Jehnda siel schon als Kind durch seine Fähigkeiten auf; man bestimmte ihn zum Rabbiner. Mit siebzehn Jahren hatte er den ganzen Talmud durchstudiert. Damals lernte er schreiben. Ungefähr zwei Jahre später vervollkommnete sich Gordon im Russichen und in einigen allgemeinen Kenntnissen. Im Jahre 1852 wurde er zum Lehrer an der Krvnschule in Poniwesh im Gouv. Kowno, ernannt. Im Jahre 1859 wurde er Schullehrer in Schawel im selben Gonv. und fünf Jahre später Oberlehrer und Leiter der Schule in Telschen. Im Jahre 1871 wurde Gordon von dem Vorstande der jüdischen Gemeinde in Petersburg zum Gemeinde-Sekretär gewählt. Gleichzeitig erhielt er das Sekretariat des „Vereines zur Verbreitung von Aufklärung unter den Juden in Rußland". In diesen Stellungen verblieb der Dichter sieben Jahre, worauf er sechs Jahre in der Redaktion des hebräischen Blattes „Hamelitz" und zwar die ersten drei Jahre als ständiger Mitarbeiter, die letzten drei Jahre als Mit-

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