Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 1892
- Issue
- 4 (20.10.1892)
- Date
- 1892-10-20
- Page
- Seite 51 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Nr. 4. -s^Ieschurun. Seite 51. Dieser Mahnruf an Israel erscholl zn einer Zeit, da die fortbildungsfühigen Glieder der großen Adamitenfamilie nur zum kleinsten Teil von den gröbern Ur- oder Naturzuständen entwöhnt waren. Seitdem ist die Kulturmenschheit in ihrer Entwickelung der Höhe und der Breite nach vorwärts geschritten. Sie hat ihre Kinderjahre und ihr Jugendalter zurückgelegt; sie hat in diesen langen Zeiträumen ihres bisherigen Erziehungsganges all das sich erworben, woran eines jeden denkfähigen Sterblichen Herz und Gemüt hienieden Freude und Gefallen hat, und wonach sein aufwärts strebender Geist Verlangen trägt. — Jene Stimme aus grauen Zeiten aber, sie erschallt heute noch, sie ist noch lange nicht verklungen, sie tönt, so oft Gefahr droht, immer wieder zn Euch herüber: „Höre, mein Volk!" — „Höre, Israel!" Prüfet Euch und was Euch umgiebt mit psychologischem Blick, Ihr späten Nachkömmlinge des Semiten aus Ur-Chaldäa am Euphrat, schauet um Euch und in Euch, Ihr regsamen und bewegsamen Pfadfinder für den Fortschritt des menschheitlichen Fleißes und für Erweiterung der materiellen Kultur. Was sehet Ihr da? In Politik und Wissenschaft, in Volks¬ und Weltwirtschaft: alles vereinigt sich, wie ein guter und trotz verneinender Gegenströmungen, deren Toben nur noch mehr Leben erzeugt, zu gemeinschaftlichem Handeln, zu einheitlichen Zielen und Zwecken. Es ist ein humanitär und kosmopolitisch nivellierender Solidaritätsdrang aller zivilisierten Menschen und Völker. So thuet desgleichen! Gehet zusammen, Ihr rings um die Erde zerstreuten Kinder Israel!. Nicht daß Ihr Euch mit einer chinesischen Mauer einzuhegen und äußerlich unabhängig zn werden trachtet, nach politischer Selbständigkeit begehret. Nicht das kommt hier in Erwägung. Selbst wenn Ihr die heutigen, dem universalhistorischen Harmonisierungsgesetze scheinbar zuwiderlaufenden, Absondernngsversuche der Nationalitäten Euch zum Exempel nehmen und ihnen folgen wolltet — Ihr vermöchtet es nicht. Das Zeitalter Eurer Rückkehr in das Jordanland däucht dem Geschichtsknndigen und Beobachter der noch nirgend fertigen und gefestigten Kultur-Verhältnisse, des nun bereits hundertjährigen Rüstens der Menschheit die Schwelle zn ihrem Mannesalter zn überschreiten, noch nicht angebrochen; eine geraume Weile noch werden, menschlicher Voraussicht nach, die Zedern des Libanon, die schon so viele Staats- und Kultur-Umwälzungen nah und weit rrm sich her geschaut und solche auch ferner erleben dürften, wehmütig ihre altersmüden Häupter schütteln, bis Ihr sie ihrem Endzweck weihet. Vielmehr habt Ihr überall, wo Ihr hinlängliche Freiheit hierzu genießt, Euch mit allen Euren Kräften der Wohlfahrt des Staats, in dessen Schatten Ihr Euch berget, zu widmen, sein Heil zu suchen und für ihn zu beten*); und Ihr thut dies auch ohnehin aus iunerm Drange. Also „nationalistische" Bestrebungen im gewöhnlichen Sinn sind nichts für Euch. Auch werdet Ihr Euch nimmermehr Eures Natnrrechts begeben und vor der Völker geistigem Leben und Weben verschließen. Was darin Bein von Eurem Bein und Fleisch von Eurem Fleisch, -- so manchenDenker-, Dichter-und Forschernamen von internationalem Klang solltet Ihr verleugnen? — verleugnen, daß Ihr auch im letzten Jahrhundert wieder in jedem Kreise nach Eurer Weise zum Aufschwung des Geistes in der Litteratur und Sozialpolitik, in den Wissenschaften und Künsten, im Gewerbe- und Verkehrswesen, zur Bereicherung, Erweiterung und Vertiefung der menschlichen Gedankenwelt und Weltgedanken bereits allgemein anerkannte Scherflein beigesteuert? Eine solche fanatische Verstoßung Eurer Geisteskinder fordert ans Eurer Milte niemand, der logisch richtet und sachlich schlichtet. Und niemals haben Eure berufeneil Führer an Euch das Ansinnen gestellt, sich dem Kulturleben der Mitwelt fern zu halten. Vielmehr, wie in nuferer Zeit schon tausendfach darauf verwiesen wurde: Jafa talmud thora im derech erez. „Thorakenntnis sei mit Weltbildnng harmonisiert." So heißt es in Eurem soviel geschmähten und heutzutage so wenig gekannten Talmud. Überhaupt seid Ihr zu keiner Zeit von dem engherzigen Absondernngsgeist beseelt gewesen. Wann immer Ihr außer allem Zusammenhang mit der übrigen Menschengesellschaft gestanden seid, spielten weittragende Beweggründe die bestimmende Rolle. Schon Eure Urahnen mußten ein Wanderleben führen und durften sich mit den sittenlosen Kanaanitern nicht verschwägern, vermischen, sollten sie nicht ihrer großen Zukunft verlustig gehen. Darauf im Pharaonischen Pyramidenland konntet noch mochtet Ihr in die blutschänderischen Tiervergötterer anfgehen. Ihre Despoten ließen es dazu gar nicht kommen; sie zeigten Euch über kurz ihre innerste Natur; sie stellten die Wahrheit auf den Kopf und sahen Euch für; die verächtlichste ihrer Kasten an, so daß später herüberkommende antike Geschichtsforscher allerhand Ammenmärlein über Euer Sittenleben für echte Münzen auffingen und zur Weiterverbreitung hinübertrugen. Nachdem Eure Abhärtungszeit, die Eurem Nationalgeist allen künftigen Drangsalen gegenüber gestählt, um war und der Leidenskelch so voll, daß es Euch ans Leben ging — „ins Wasser mit den Knaben!" (ll 1, 22) — da fuhr ein Stern vom Himmel herab zn Eurer und der Menschheit Erleuchtung und Befreiung. In dem bis auf btefeu Tag | größten und zugleich bescheidensten Meuschengeist, in dem! unerreichten Mnstermenschen, der nur aus Gerechtigkeitsgefühl und wider tyrannische Gewaltthat znm Zorn anfwallen konnte, ward Euch Euer Lehrer und Erzieher geschenkt. Er ward wunderbar vom Ertrinken gerettet und durch ihn wurdet! Ihr nun vom Untergang errettet, wurdet wunderbar her- > ausgeführt aus dem Haus der Knechtschaft. Ihr zöget hinaus in die Ferne mit frohem Mut; mit freudigem Gesang der Freiheit, als das gerechte Strafgericht, welches Eure Verfolger ereilte — „ins Wasser sanken sie, von den Fluten verfolgt, wie die Steine" (11 15), — Eure damalige (und noch oftmalige!) schwankende Zuversicht auf den allwaltenden Vater des Menschengeistes gestärkt hatte. Durch die Wüste zvget Ihr nun und empfinget da die ewigen Worte der Wahrheit, des Lichts und der Liebe, die unerschöpfliche Labung, welche Ihr späterhin in der Völkerwüste verteilen solltet, und an der in fernen Zeiten noch die Nachgebornen sich erquicken werden. Im Libanonland, wo lebendige Gewässer einem toten Meer zueilen, hattet Ihr, im Besitz der himmlischen Weltperle, die Heranweisung Eurer damit zn schmückenden Schwesternationen abzuwarten; denn anderthalb Jahrtausende sähet Ihr die Welt ringsum teilnahmlos, tot für den Lebensborn, der sich Euch erschlossen hatte, keines der Völker kam, das schöpfen wollte; nur selten einzelne Geister vielleicht, derer zu allen Zeiten in Eurer Umgebung erstanden. Ihr aber durftet die in den Naturbanden schlummernde Menschenwelt nicht wecken, es war nicht Eures Amts ihr gewaltsam *) Jer. 20, 7; vgl. Talmud P. Ab. 3, 2.