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Jeschurun · 1892-10-20 · 4 (20.10.1892) · p. Seite 50

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Journal
Jeschurun
Volume
1892
Issue
4 (20.10.1892)
Date
1892-10-20
Page
Seite 50 (sequence 2)
Language
German
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Seite 50. I e s ch u r u n. Nr. 4. Vorzüge des Deutschen ist, so führt das Bl. u. a. aus,! wahr und ehrlich zu sein, dann haben die Antisemiten wohl! kaum etwas mit dem Deutschtum gemein, denn schon ihr > Name ist eine Lüge und undeutsch. Sie behaupten gegen! die semitische Rasse anzukämpfen, stehen aber nicht den Semiten, sondern den Juden feindlich gegenüber. Wären die Antisemiten wenigstens ehrlich und aufrichtig, dann müßten sie sich einfach Judenfeinde nennen, denn das find sie, nnd nicht! Semitengegner, allerdings klingt aber der Ausdruck „Inden-! feinde" so unendlich roh, daß selbst diese Herren ihn zu be-; nutzen sich scheuen. Wenn wir gegen die Antisemiten aufi treten, so geschieht es im Sinne der Verurteilung, die j dieselbe von der höchsten autoritativen Stelle, vom Heiligen; Vater selbst erfahren hat, der diese ganze Bewegung als unchristlich verwarf. Wer aber, wie es die Antisemiten thun, den Juden wegen dessen Abstammung verdammt, wer behauptet, daß der Jude von Natur aus der Inbegriff des Schlechten sei, beleidigt die Mutter des Stifters unserer Religion, die Jüdin war, der beschimpft die Apostel, die als Juden geboren wurden, der Rasse nach aber immer Juden bleiben. Und darum haben wir recht, wenn wir behaupten, daß niemand Antisemit sein nnd ans den Ehrennamen eines Christen Anspruch machen kann." * * * I Auch ein in Triest erscheinendes Journal („11 Natckino")! bringt einen bemerkenswerten Aufsatz über den Antisemitismus, welcher desto interessanter ist, als in der Redaktion des Blattes kein einziger jüdischer Mitarbeiter sich befindet. Anknüpfend an die jüngsten Judenverfolgungen in Galizien wird bemerkt,wieerniedrigend und beschämend diesesPhänomen von Rassenverfolgnng, Haß und Neid am Ende des 19. Jahrhunderts ist, da man doch in unseren Zeiten des Fortschrittes und der freiheitlichen Bestrebungen erwarten dürfte, daß alte Vorurteile geschwunden, welche uns wie eine bleierne Kappe bedecken? Was bezwecken die Antisemiten? Sie appellieren an die niedrigsten Gefühle der Menschen, an die verwerflichsten Vorurteile, an die unlautersten Leidenschaften, an die unsauberste Rachsucht. Ja, sogar in Frankreich, „1a terra naaclre ckella liderta"' dem Mutterlande der Freiheit, regt sich der Antisemitismus unter der Maske der politischen, finanziellen, ökonomischen oder sozialen Frage. Man will ihn mit dem Sozialismus vergleichen. Nein, der Sozialismus wendet sich gegen das Kapital, nicht gegen den Glauben. Was sind die Antisemiten? Spekulanten auf den niederen Volkssinn, welche im trüben fischen und nur im Gerichtssaale entlarvt werden können. Hiuzugefügt wird, daß im freien Italien man den Antisemitismus nur vom Hörensagen kennt und im Lande diese häßlichste der Leidenschaften nie festen Fuß gefaßt. * So sonderbar es auch klingen mag, aber es ist Thatsache, daß ähnliches wie von Italien man von — Rußland sagen könnte. Das russische „Volk", d. i. der Kleinbürger und der Bauer, kennt keinen Judenhaß; unterdrückt und ausgesogen von jedem „offiziellen" Organe, erblickt er in dem Juden zumeist einen Leidensgefährten. Selbst an manche Eigenart des russ.-jüdischen Gemeindelebens hat der griechischorthodoxe Nachbar sich gewöhnt; er nimmt sie als natürlich und selbstverständlich hin. Anders die Leiter des Argentinischen Ansiedelungs - Projektes; immer wieder sind es innere Schwierigkeiten, die den segensreichen Fortgang des Projektes hemmen, immer mehr wächst die Unzufriedenheit auf beiden Seiten. Neuerdings wird in englisch-jüdischen Zeitschriften ein Brief des Kolonell Goldsmith veröffentlicht, der sich sehr ungünstig über die seiner Pflege und Leitung anvertrauten russischen Emigranten äußert. „Der Kolonisationsplan des Baron Hirsch, schreibt G., nimmt immer mehr, wenn auch nur langsam und Schritt vor Schritt, eine greifbare Gestalt an. Die Schwierigkeiten und Hindernisse gegen die ich anzukümpfen hatte und noch habe, auch nur annähernd zu beschreiben, fehlen mir die geeigneten Worte. Leute, die zuverlässig und zugleich arbeitsfähig sein sollen, sind leider selten zu finden. Trotzdem sind in den Kolonien bereits Häuser erbaut, die von arbeitsamen, dem Ackerbau obliegenden jüdischen Kolonisten bewohnt werden. Als ich hier anlangte, fand ich Mauricia als eine von circa hundert Familien bewohnte Stadt vor. Leider befanden sich unter denselben viele Faulenzer nnd Nörgler, die ihren schädlichen Einfluß auch auf die Nüchteren und Strebsamen geltend zu machen suchten. Es gelang mir aber, insofern Remedur zu schaffen, als ich die Familien getrennt von einander ansiedelte, damit sie nicht allzu oft mit einander verkehren können, und sie zur Arbeit anhalte. In einem jüdischen Blatte las ich eine abfällig gehaltene Kritik über die Administration der Kolonie. Diese Mitteilungen aber beruhen zum Teil auf Übertreibungen und zum Teil auf Lug und Trug. Wahr ist nur, daß 120 Familien nach Europa zurückgekehrt sind und zwar nur solche, die in Argentinien zu verbleiben keine Lust hatten oder nicht arbeiten wollten, oder solche, welche ihren rebellischen Einfluß auf die Soliden und Arbeitsamen auszuüben bestrebt waren . . DerZ Bau von Gotteshäusern und Schulen wird recht bald in Angriff genommen werden. Ich hielt es für meine Pflicht, zuvörderst für die Fertigstellung von Häusern für die Frauen und Kinder der Kolonisten, die sich früher in Zelten und Hütten aufhielten, Sorge zu tragen. Was die mich betreffenden Anschwärzungen nnd Verleumdungen anbelangt, so wundere ich mich gar nicht darüber: Jeder Aufseher, den ich, gewiß, weil er es verdient, seines Amtes entsetze, und jeder Kolonist, den ich wegen seiner Faulheit und wegen lüderlichen Lebenswandels aus den Kolonien verweise, sind selbstverständlich nachher meine Feinde." Hoffentlich werden die in voriger Nummer mitgeteilten neuen Maßnahmen den rechten Erfolg haben! Höre, Israel! Von Jbri Anochi. „Was Du ererbt von Deinen Vätern hast, Erwirb es, um es zu besitzen." Goethe. 1. Rückblicke und Ausblicke. Frag' Deinen Vater, er kündet's Dir; Deine Ältesten, sie sagen's Dir. V 32, 7. Job. 8, 8. Ps. Eine Stimme ruft: „Höre, mein Volk, ich warne dich; Israel, daß du „mir gehorchest! Nicht sei in dir ein fremder Gott nnd „beug' dich nicht anderem Gott . . . Würde mein Volk „auf mich hören, Israel in meinen Wegen wandeln: „wie bald seine Feinde demütigte ich, und widerseine „Dränger kehrt ich meine Hand." (Ps. 81.) —

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