Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 1892
- Issue
- 4 (20.10.1892)
- Date
- 1892-10-20
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 4. Königsberg i. Pr., den 20. Oktober. 1892. mmm M Israelitisches Hemeiaöe Herausgeber: A. Uesin in Tilsit. Erscheint jeden Donnerstag. Zn beziehen durch die Post oder die Expedition. Spr. d. Baker 1, 2. rr«ö AaMilie«-Ia«rsal. Verlag: G. Moser, Königsberg. Preis vierteljährlich 2 Mark. Anzeigen die viergespaltene Petitzeile 20 Pfg. Inhalt: Wochenübersicht. Höre, Israel! I. Bon Jbri Anochi (Königsberg i. Pr.) Leon Gordon. Bon R. Brainin (Wien). Drei Rätselbücher. Bon Rabb. Dr. Rosenthal (Rogasen.) Zum hebr. Sprachunterricht. Bon Oberrabb. Dr. Jellinek (Wien). Homiletische Briefe. Bon Dr. H. S. Revue der Presse. — Kleine Chronik. — Gedicht. Das böse Masel- — Drei weise Sprüche. Kritische Blätter. — Bereinsbote. — Lose Blätter. — Brief- und Fragekasten. — Anzeigen. WocheMerßcht. „Nichts ist seit Jahrhunderten in solchem Maße der Verachtung, Verspottung und Verlästerung preisgegeben, als das Werk mehr denn eines halben Jahrtausends, das Werk großer Lehrer, weiser, opferfreudiger Männer, vieler Märtyrer, die ihre Seele unter grausamer Henkerhand ausgehaucht haben, als der Talmud. Was Bosheit und Böswilligkeit, Haß und Feindseligkeit, Verlogenheit und Verkommenheit \e ersinnen konnten, das wurde und wird ihm aufgebürdet, von ihm erzählt und verbreitet. Unwissenheit, Verleumdung und Schlechtigkeit haben sich gegen dieses umfangreiche Werk, dessen Studium Jahrzehnte erfordert, verbunden und verschworen und werden nicht müde, es als eine Schmach, als eine Schande und ein Scheusal zu verschreien." — Diese herben Ausdrücke tiefster sittlicher Entrüstung, die einer unserer gefeiertesten Kanzelredner*) vor einem Jahrzehnt den Verleumdern Israels entgegengeschleudert, könnten noch heute wiederholt werden, ohne sich der Aktualität zu entäußern. Denn wiederum hatte ein deutscher Gerichtshof sich mit dem „Archiv der jüd. Religionsgeschichte, mit den „Protokollen scharfsinniger Gerichtsverhandlungen, in denen die Gerechtigkeit den Vorsitz führt," mit dem Talmud zu beschäftigen. Auf der Anklagebank saß der Redakteur der „Ulmer Schnellpost" und — unsichtbar aber unleugbar.— dicht an seiner Seite der Talmud. Der Redakteur war von der Staatsanwaltschaft wegen Beleidigung der israelitischen Religionsgesellschaft angeklagt, *) Jellinek „Der Talmudjude." weil er versucht hatden Talmud vor dcm Fvruni der Öffentlichkeit derGemeingeführlichkeit anzuklagen. Beide Angeklagte brachten ihre Verteidiger mit; der Redakteur wurde von Juristen, der Talnkud von Theologen verteidigt. Die Theologen — Kirchenrat v. Wassermann-Stuttgart und Pfarrer Pressel- Kaunstadt erklärten übereinstimmend, daß die von Rohling, auf den der angeklagte Redakteur sich berufen und aus dessen „Werke" er seine antisemitische Weisheit geschöpft, angeführten Zitate im Talmud ni ht Vorkommen. Und die Juristen behaupteten, daß nur die jüdische Sittenlehre angegriffen sei und daß da irgend eine jüdische Gemeinde noch nicht das Recht — wenn auch die Pflicht — habe, einen Strafantrag wegen öffentlicher Beleidigung zu stellen. Zwar der Staatsanwalt war einer andern Ansicht, indem er auseinandersetzte, daß die jüdische Religionsgesellschast durch den Artikel des Redakteurs zweifellos beschimpft worden sei, allein die Geschworenen verneinten die Schuldfrage und so wurde denn nicht bloß der Talmud, sondern auch sein Lästerer freigesprochen, allerdings jener aus sachlichen, dieser aus formellen Gründen. -i- * * Sie haben einmal kein Glück in Talmudprozessen, unsere Antisemiten, und darum wühlen sie manchmal der Tapferkeit bessern Teil. Monate sind verstrichen, seit die ,,Führer der Berliner Bewegung" der gesamten antisemitischen Welt verkündet haben, daß sie den Dr. Hirsch Hildesheimer, der sie aus einem bestimmten Anlaß — auf den wir später einmal zurückkommen werden — „niederträchtige Fälscher, Ehrabschneider und Verleumder" genannt, verklagen wollen; seit mehr als drei Monaten wird in der gesamten antisemitischen Presse unter der Spitzmarke „Talmud" um Geldbeiträge zur Durchführung dieses Prozesses in rührseligen Worten geschnorrt, allein bis heute war von der Klage nichts zu vernehmen; es gewinnt somit den Anschein, als ob die bisher gesammelten ca. 520 Mark — wie das so manchmal vorkommt — für andere Zwecke verwendet werden und die Herren die schweren Beleidigungen ruhig auf sich sitzen lassen wollen. * * * Diesem Gelichter geht selbst das in Konstatinöpel erscheinende Organ der römisch-katholischen Deutschen, die „Osmanische Post" hart zu Leibe. „Wenn es einer der