Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 1892
- Issue
- 3 (13.10.1892)
- Date
- 1892-10-13
- Page
- Seite 43 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Nr. 3. J t f 4 « r tt r. *4* Seite 43. * In Warschau soll ein großes jüdisches Hospital errichtet werden dessen Kosten auf eine halbe Million Rubel veranschlagt sind. Mit den Vorarbeiten hat man bereits begonnen. Das aus mehreren Gebäuden bestehende Hospital wird 500Kranke anfnehmen können. Das alte Hospital, welches 150000 Rubel wert ist, wird verkauft werden. * Der größte hebräische Dichter der Gegenwart, Leon Gordon, ist nach langer Krankheit am 15. Sept. in Petersburg gestorben. Gordon hat nur ein Alter von 54 Jahren erreicht. Er wurde 1838 zu Wilna geboren und lebte seit 1872 in Petersburg, bis 1881 als Sekretär der jüd. Gemeinde, von 1881 — 1888 mit geringer Unterbrechung als Redakteur des „Hamelitz". * Die neue Synagoge in Moskau soll laut Beschluß der städtischen Behörde in einen — Circus umgewandelt werden. * Am 2. Oktober starb zu Paris Ernst Renan, der berühmte Verfasser des „Leben Jesu und der Apostel", sowie der „Geschichte des Volkes Israel", von der drei Bände bereits erschienen, der 3. und 4. drucksertig zurückgelassen sind. Er war der Nachfolger Munk's am „College äs France", Professor und später Rektor der orientalischen Sprachen und Mitglied der Akademie der Inschriften. In seinen zahlreichen Schriften hat er auch die Resultate der jüd. Forscher berücksichtigt. Er strebte nach Wahrheit und förderte sie, darum sei sein Andenken auch in Israel gesegnet. * Unter den palastähnlichen Tempeln New Iork's ragen 5 besonders hervor. Es sind dieses: der Tempel Emauel, der Tempel Israel, 2 Tempel in der Lexington Aven. und der Tempel Beth El. Letzterer ist das großartigste und eleganteste Bauwerk unter den modernen Gotteshäusern, dessen Baukosten sich auf ungefähr 600,000 Dollars beliefen. Als Rabbiner fungieren Dr. Gottheil und Silvermann am Tempel Emanuel, Dr. Alex. Ko Hut und Dr. Aaron Wise all den 2 Tempeln der Lexington Aven. Dr. Harris, am Tempel Israel und Dr. Köhler und Rabbiner Groß mann an Tempel; Beth El. Bemerkenswert find auch die Kantoren der beiden Tempel Beth El und Emanuel, welche, nach amerikanischen Blättern zu den hervorragendsten Sängern gehören, die je in einer Synagoge oder im Konzert oder in der Oper gehört wurden. Ein wenig amerikanische Reklame dürfte schon noch dahinter stecken, indem wir den einen dieser Kantoren kennen. Er amtierte vor etwa 12 Jahren in einer Winkelsynagoge in Breslau und war herzlich wenig bedeutend. — Die Zahl der konservativen und orthodoxen Tempel beträgt ungefähr 3 00 und rangieren diese von den gewöhnlichen Minjanim bis zu den respektabeln Gemeinden der portugiesischen, englischen, französischen, holländischen, ungarischen und polnischen Juden. Amlienzeituns. Das böse Masel. Erzählung von Moritz Scherbe!. Fortsetzung. Röschen hatte bereits Toilette gemacht. Das üppige Haar sauber geordnet, stand sie jetzt in dem sie eng umschließenden Rattunkleide vor dem Spiegel und hielt strenge Musterung über ihre äußere Erscheinung. Da pochte es an die Thür. Röschen!fuhr erschrocken zusammen, denn das pflegte sonst hier nickst zu geschehen. In die Wohnung Leiser Mayers trat jfoitft alles unangemeldet, man zeigte in eigener Perfon, dcvß man da fei — wozu das Anpochen? — Röschen hatte sich indes bald gefaßt und „Herein!" — tönte es klangvoll von ihren Lippen. j Wie sie sich nun, die Tochter des bösen >Masel, der Thür zugewandt, öffnete sich dieselbe und in ihrem Rahmen erschien ein gar stattlicher Herr, groß, schön wornehm — und nach der Meinung Röschens ein Doktor, einer vom Gericht wenigstens. jj Nachdem er gegrüßt, sprach er: „Sie verzeihen, mein Fräulein, wenn ich nur die Frage erlaube, ob ich hier recht bin bei." Hier hielt der Sprechende inne. Warum? Hatte er den Namen desjenigen vergessen, nach den: er sich erkundigen wollte? Das war in der That nicht recht anzunehmen, denn man sucht nicht jemanden auf, dessen Name man nicht fest im Gedächtnisse hat. — Aber warum stockte der Herr in der Rede? Röschen mochte es wohl wissen, warum, und sie wußte es in der That. Der Armen war nur zu gut bekannt, daß ihr Vater in der Gemeinde und in der Umgegend nur das böse Masel genannt wurde, und der Fremde — wie rücksichtsvoll, wie gut! — er nahm Anstand diese garstige Bezeichnung auszusprechen. Dieses alles ermaß die Tochter Leiser Mayers klug und verständig und ergänzte daher di-» Rede des Fremden dahin, daß sie sagt.-tz „Mein Vater heißt Weiser Mayer Bänkemacher." „Ganz recht, ganz recht, ihn möchte istoben sprechen. Mein Name ist Wollheim. Ich bin Grundbesitzer, meine Wirtschaft liegt in der Nähe der Stadt." m- „Aber mein Vater," — sagte sie unter dem Blicke errötend, den Wollheim auf sie richtete, — „mein Vater ist, wie Sie sehen, nicht zu Hause." — „Doch, ich würde ein Viert.lstündchen warten, vielleicht kommt er inzwischen, ich habe geschäftlich mit ihn: zu reden." — „Vielleicht kommt er" sagte auch sie und bot ihm einen der massiv gearbeiteten Stühle an, die umherstanden. „Ich bitte Platz zu nehmen. Wie aber wenn der Vater länger ausbliebe?" wagte sie schüchtern zu bemerken. „£), das weitere Warten würde mir in Ihrer werten Gegenwart nicht schwer werden." Sie sah ihn mit ihren großen schönen Augen verwundert an, sie schien nicht zu verstehen, was er;' damit meinte. Was wußte sie auch von dergleichen galanten Redensarten! Aber Wollheim war ganz entzückt von diesem naiven, unwiedergeblichen Wesen des Naturkindes^— er hätte sie stundenlang so sehen mögen. Sie schwieg noch immer und er versuchte das Gespräch auf die Blumen, auf die Nelkenkelche zu bringen, die unter ihrer Pflege zum Aufbruch gekommen waren. Sie bedauerte, nickt inehr Platz im Zimmer zu haben, um eine größere Anzahl ihrer Lieblinge un^ sich zu sehen. So bewegte sich das Gespräch einige Zeit fort um die Rinder Floras. — Geradeüber dem kleinen Hause Leiser Mayers wohnte Rüben Ietteles, ebenfalls ein GeflügelhändlHr, einer der bösartigsten Konkurrenten von jenem.