Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 1892
- Issue
- 3 (13.10.1892)
- Date
- 1892-10-13
- Page
- Seite 42 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 42. ^Jeschurun. Nr. 3. den Tagen, M angesichts der stets heftiger werdenden sozialistischen Ltrömungen die Pflege der Religion und Veredlung der «Sitten in erhöhter Weise notwendig wird, auf dem Pfade seiner Vorgänger wandeln wird." Die Rede des Rabbiner» war von überraschender Wirkung. Der Bischof erhob sich von seinem Sitze und eilte zu dem Rabbiner, den er küßte und dem er erklärte, daß jedes Wort ihm bis ins Herz drang. Die Gesellschaft aber feierte den Rabbiner in der auszcichncndslen Weise für seine männliche, der Aktualität licht entbehrende Rede. * Bei der limtennarfeier der französischen Republik war der isr-e iche Kultus offiziell durch das Konsistorialmitglied 9J?uaj den Oberabbiner Ab. Cahen und den Oberrabbiner Dvh Lehman, Direktor des israelitischen Seminars, vertl. u * Ein Berlincr Blatt schreibt sich ans Kasan Gouv. Kowno in RuMzd: „Bekanntlie können die Juden im Gouv. Kowno rhr kümmerliches Dein fristen, jedoch diese Freiheit haben die! Juden nur in eiädten zu genießen; dagegen ist ihnen der Aufenthalt auf km Lande, wo sie ihr Brot leichter erwerben lönntemnt denk Jahre 1882 streng verboten. Nun giebt es manche iirave Russen, welche die Unglücklichen auch j aus br.i Städri verbannen möchten. Rußland ist aber! ein Reich, wo u gesetzlich verfahren wird. Eines dunklen > Morgens ersahen denn die Einwohner der Stadt Kasan, daß die Stadt fetzlich in ein Dorf verwandelt worden ist, und auf solche Weise sind die vom Unglück Betroffenen gesetzlich gezwuym, ihre Häuser für die Hälfte des Preises den guten Rum zu verkaufen und ihren Wohnort zu verlassen." — I: Gouv. Kowno giebt es keine Stadt Kasan, noch ist in den letzen Jahren irgend eine andere in ein Dorf verwandeli worden. Es ist eben ein schwierig Ding, in Berlin zu whnen und „aus Rußland" zu „korrespondieren." * Der Gouvmenr von Woly n ien hat verfügt, daß alle Juden, welche, den gesetzlichen Verordnungen zuwider, Immobilien in!en Dörfern seines Gouvernements besitzen, unverzüglich zm Anzeige gebracht werden sollen. Im genannten Gouverrment wohnen fast 315,000 Juden. * Berliner Rtungen bringen Berichte, welche den Anschein erwecken, rls wolle man jüd. Ausländern für den Besuch Rußlands wiederum Erleichterungen zugestehen. Hiernach sollen nistrussische Juden — gleichviel welcher Staatsangehörigkeit, — ohne Weiteres ein Visum nach Rußland mit der Erlaubnis sich dort drei Monate aufhalten zu dürfen, erhalten, falls si Inhaber oder Bevollmächtigte, Angestellte, Agenten re einerhandelsgerichtlich eingetragenen Firma sind. Jüdische Ausländr, die in Rußland erste Gildesteuer zahlen, genießen in Bezlg auf das Reisen nach Rußland und den Aufenthalt daselfft dieselben Rechte wie die ausländischen Christen. Leider stimmen diese Berichte mit anderweitigen Nachrichten nicht überein. Gemeirde, Synagoge und Schule. * Dem Oberlehrer der israelitischen Realschule (Philanthropin) Herrn I. Blum in Frankfurt a. M. wurde gelegentlich seiner Versetzung in den Ruhestand der Kronenorden 4. Klasse verliehen und ihm durch eine Deputation des Schulrats überreicht. * Der Magistrat in Elbing hatte im laufenden Steuerjahr die jüdischen Knltusbeamten zu den Kommnnalabgaben herangezogen. Auf eine Beschwerde, welche die Betroffenen dieserhalb an die Stadtverordneten-Versammlung richteten, beschloß letztere, die Veranlagung niederzuschlagen und den Magistrat zu ersuchen, diesem Beschluß beizntreten. * Beamten-Elend! Die katholische Frankensteiner Zeitung schreibt unter Redaktionszeichen: In der hiesigen jüd. Gemeinde sind schon seit längerer Zeit zwischen dem Kultus- Beamten und einzelnen Mitgliedern Zwistigkeiten ausgebrochen, die zu einem sonderbaren Auftritt führten. Aus Anlaß des jüdischen Neujahrs fand Gottesdienst statt und wurde der Kultusbeamte, als er das Betpult zwecks Eröffnung des Gottesdienstes betreten wollte, durch die jüdischen Gemeinde- Mitglieder daran gehindert und schließlich aus der Synagoge, hinausgewiesen. DerKnltusbeamte, welcher erfahren hatte, daß ein Vorbeter aus Breslau bereits eingetroffen sei, hatte, nichts Gutes ahnend, sich vorher schon polizeilichen Schutz erbeten, und schritt dann der anwesende Polizist auch bald ein. Der Vorgang hat in unserer Stadt begreiflicher weise Aufsehen erregt und wird allenthalben besprochen. Da der jetzige Kultusbeamte der dritte ist, welcher infolge Konflikts mit den Gemeindemitgliedern die Stellung hierfelbst aufgeben muß, so mißt man demselben in der Bürgerschaft keine Schuld bei. Die ganze Sache wird vor dem Strafrichter ein für die Beteiligten unangenehmes Nachspiel haben, denn es liegt Störung einer gottesdienstlichen Handlung vor." js* Aus Ostviecin meldet der Telegraph unter dem 8. Oktober: „Während des gestrigen Gottesdienstes in oer Synagoge hat die strenggläubige israelitische Sekte(I) der Chassidim gegen die Mitglieder der Reformgemeinde große Ausschreitungen begangen. Die Gendarmerie schritt ein und verhaftete mehrere angesehene Kaufleute." — Die Sache wird wohl auf einen Streit zwischen Chassidim und „Mithnagdim" (Nichtchassidim) hinauslaufen, der in gewissen Provinzen durchaus nicht selten ist. * Der algerische Rabbiner Stora hat vor einiger Zeit in der Synagoge zu Bona eine Predigt über den hebräischen Unterricht gehalten, in welcher er das Studium des Hebräischen ausschließlich empfahl, weil das Studium der französischen Landessprache und der modernen Wissenschaften den jungen Israeliten schade, aus ihnen untüchtige, herzlose Menschen mache. Diese paradoxe Predigt rief von seiten der Gemeinde einen solchen heftigen Wortwechsel und lärmenden Auftritt hervor, daß der Gottesdienst aufgehoben werden mußte. Nach stattgehabter Untersuchung wurde der Rabbiner von dem Kultusminister durch zeitweilige Gehaltsperre bestraft. Diese Strafe nennt nun der „Gaulois" für den Rabbiner „die Ehre, gleich einem Pfarrer behandelt zu werden." * An seinem 15. Geburtstage starb am ^ouidockaig'uLandrabb. Dr. Buchlolz in Emden. Der Heimgegangene war ein Gelehrter uni Wohlthäter zugleich, eine Stütze der Armen, Witwen und Weisen in seinem Bezirk. An seinem Grabe sprachen Landrabö. Dr. Gronemann-Hannover und die Hauptlehrer Dr. Finck aus Aurich und Levy-Norden. * Von dem jüdischen Gelehrten Professor Frederico Console in Florenz ist jetzt ein Werk über die Musik der alten Israeliten erschienen, zu dem Professor Castelli eine Studie über die jüdischen Musiknoten geschrieben hat. Das Werk hat in Italien eine recht günstige Aufnahme gefunden.