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Jeschurun · 1892-10-13 · 3 (13.10.1892) · p. Seite 41

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jeschurun
Volume
1892
Issue
3 (13.10.1892)
Date
1892-10-13
Page
Seite 41 (sequence 9)
Language
German
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Nr. 3. ->• | t f ilf um n. k- Seite 41. Kleine Chronik. Bürgerliche Berhältnisse. * Zu dem konservativen Parteitag sind jetzt die Einladungen an konservative Vereine und hervorragende konservative Parteigenossen erfolgt. Die Einladung enthält keinen bestimmten Termin für den Parteitag, sondern nur die Aufforderung an die konservativen Vereine u. s. w., die Delegierten für den Parteitag dem Gesamtvorstande der Partei mitzuteilen. Ein neuer Plogrammentwurf ist der Einladung nicht beigesügt; dieselbe nimmt vielmehr, wie die Kreuzzeitung bereits angedeutet hat, auf das konservative Programm, von 1876 Bezug, erwähnt yber nicht die beabsichtigten Änderungen des konservativen Parteiprogramms, insbesondere nicht die Judenfrage. * Zum Nachfolger unseres Gönners Theodor Fritsch (Leipzig) in der Redaktion der Deutsch-Sozialen Blätter und der Fabrikation judenseindlicher Flugblätter ist ein Dr. Tesdorpf erwählt, der für dieses Amt wie geschaffen scheint, indem er dem Berichtigungs-lüsternen Kanonikus Rohling ähnlich sieht, wie ein Antisemit dem andern. Das Organ der sächsischen Konservativen: „Das Vaterland" nämlich wußte zu berichten, daß Dr. T. bis vor kurzem freisinniger Agitator gewesen. Letzterer druckt diese Notiz in seinem Blatte nach und bemerkt pathetisch: „Daßdiese unwürdige Verdächtigung unserer monarchischen und patriotischen Loyalität von konservativer Seite ausgeht, ist überaus betrübend". Das heißt also zu Deutsch, die Mitteilung des „Vaterland" ist unrichtig. Nun folgt aber ein Nachsatz, der selbst Rohling alle Unehre gemacht haben würde: „Wir haben allerdings früher in dem bodenlosen Sumpf der jüdisch-liberalen Allerwelts-Duselei gesteckt. Daß wir aber die Kraft gehabt haben, uns aus dem Sumpf heraus auf den festen Boden des deutsch-sozialen Gedankens zu retten, ist ebenso sehr ein Beweis für die werbende Kraft der deutsch-sozialen Idee wie für unsere persönliche Besserungs-Fähigkeit." — Wie gesagt, Dr. T. ist für einen Antisemitenführer wie geschaffen. Oder auch nicht, denn er hat manchmal Anwandlungen von Ehrlichkeit. So stößt er folgenden Seufzer aus: „Das große Mundwerk — sagen wir es offen heraus — spielt noch eine größere Rolle in unserer Bewegung als ihrem Gedeihen förderlich ist. Unsere Massen sind noch zu sehr für rhetorische Knall-Effeckte empfänglich. Sie verlangen kernige Schlagwörter und große Trümpfe, eine Forderung, der überall in dem gewünschten Maße nachzukommen einem ehrlichen Redner überaus schwer fällt. Wer aber der rechte Mann ist, dieser Neigung der Menge zu schmeicheln, der , vermag leicht so Hinzureißen, daß darüber Vernunft und Überzeugung flöten geht." — Aber schadet nichts, der Mann wird sich schon noch einarbeiten! *Das Disziplinarverfahren gegen den Rektor Ahlwart ist seinem Abschlüsse nahe. Das Ergebnis wird noch geheim gehalten. — Am 4. Oktober ist die Anklage gegen A. wegen Beleidigung des Berliner Magistrats in der Revisions-Instanz verhandelt und das erstinstanzliche, auf vier Monate Gefängnis lautende, Urteil bestätigt worden. Von seinen Freunden soll nun dem großen Phantasien eine Genugthuung gewährt werden in Gestalt einer Durchfalls- Kandidatur in Arnswalde-Friedeberg. * Über Leop. Caro, mit dem wir uns in der vorigen Nr. beschäftigen mußten, schreibt der in Lemberg erscheinende „Israelit" u. a.: „Mehr mit Fleiß als mit Verstand ansgestattet, absolvierte C. hier das polnische Gymnasium und widmete sich auf der hiesigen Universität den juristischen Studien, die er vermöge des einzigen jüdischen Stipendiums auch rechtzeitig absolvierte. Wie der überwiegende Teil der jüdischen Juristen wählte er die Advokatur zu seinem künftigen Berufe, erntete aber in dieser Praxis keine Lorbeeren, denn er wanderte anfangs von Kanzlei zu Kanzlei, bis es erst einem seiner Gönner aus dem Vereine „Agudas Achim" gelang ihn in eine Advokaturkanzlei unterzubringen, wo ihm jedoch genug Zeit gelaffen wurde seinen Geist in anderer Beziehung zu schärfen. Herr Caro versuchte es, auch schriftstellerisch thätig zu sein, aber gleich seine erste in der hiesigen „Gazeta Narodowa“ veröffentlichte Arbeit wurde als Plagiat attaquiert und er übte"dieses Fach gleich nach dem ersten Versuche nicht mehr aus." — Man sieht, der Mann gehört dahin, wohin sein „Genius" ihn geführt: — unter die Äntisemiten. * In Leer in Ostfriesland hat ein reformierter Geist-' licher kürzlich von der Kanzel herab gegen den Antisemitismus protestiert. Er sagte unter anderem: es wahr ist, daß die Juden ihre Eltern mehr ehren fuud lieben als die Christen, so weiß ich nicht, wie mau' in aufhetzenden Versammlungen und in der fanatischen Presse gegen die Juden Vorgehen kann. Ich begreife auch nicht, wie evangelische Geistliche jener Partei beitreten können, die den armen bedrängten Juden keinen Platz auf der Erde mehr gönnt, wenn man bedenkt, daß es heißt: „Liebe deine Feinde." * Die Verwaltung des jüdischen Waisenhauses in Odessa hat beschlossen, die Weltausstellung in Chicago mit Arbeiten der männlichen und weiblichen Zöglingen dieser Anstalt zu beschicken. * Von einer jüdischen Geheimlehre spricht die „Kreuzzeitung" in einem neuerlichen Hetzartikel und fordert zu einer behördlichen Prüfung dessen auf, was, in den jüdischen Religionsschulen und in den jüdischen Katechismen gelehrt wird. Das Junkerblatt nimmt die Behauptung der antisemitischen „Forscher" auf, daß das heutige Judentum mit dem alten Testament fast garnichts mehr'ffzu thun habe, sondern daß die Quelle der jüdischen Glaubens- und Lebens- Anschauung einzig der Nichljuden ganz unbekannte Talmud sei. Wenn das wahr wäre, müßten doch alle Juden gründliche Talmudkenner sein. Thatsüchlich aber ist der übergroßen Mehrzahl der Juden der Inhalt des Talmuds nicht mehr bekannt als den Nichtjuden. Der jüd. Religionsunterricht wird nach Katechismen erteilt, die nicht etwa mit hebräischen Lettern, sondern in deutscher Schrift geschrieben sind. Diese Katechismen sind nichts weniger als Geheimlehren, sondern auch der Redaktion der „Kreuzzeitung", lcknn sie dazu ein Bedürfnis zur Stärkung ihres Gewissens fühlt, zugänglich. * Der Csander Bischof Alexander DesseWy weilte jüngst drei Tage in Arad. Bei einem Banket, zu welchem auch die Vertreter aller Konfessionen geladen waren, richtete der Oberrabbiner Dr. Rosenberg an den K rchenfürsten eine Ansprache, worin es u. A. hieß: „Die katlolischen Bischöfe glänzten immer durch ihre Vaterlandsliebe sie ehrten stets die Selbständigkeit und Konstitution des ungarischen Staates und verteidigten dieselbe nicht nur nach untm, sondern auch nach oben. Wir sind überzeugt, daß Bischof Dessewffy in

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