Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 1892
- Issue
- 3 (13.10.1892)
- Date
- 1892-10-13
- Page
- Seite 40 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Seite 40. 3 t f rfj « r u it. Nr. 3. des Dichters Worten: „Riesengroß, — hoffnungslos," — die den größten Gegensatz in sich enthalten, ließe sich am besten der geistige und sittliche Zustand der Welt vor und nach der Verkündigung des ersten der Zehngcbote schildern. War nämlich der Zustand der Welt vor der Verkündigung der Zehngeboteeinhoffnungsloser, weil jedes höhere Streben geradezu unmöglich war, und Ungebundenheit und Zügellosigkeit die persönliche Sicherheit sogar gefährdeten; so war der Übergang zur völligen Freiheit, die nur die Unterwerfung unter das göttliche Gesetz fordert, ein riesengroßer, von den damaligen Menschen unübersehbar. War der Mensch bis dahin nicht nur ein Sklave der Scholle, auf der er sich bewegte, sein Beruf ein engbegrenzter und beschränkter, rechtlos und vogelfrei, sobald er oeu heimatlichen Boden verlassen wollte; so war er nun durch das erste Gebot ein Weltbürger in des Wortes schönstem undumfasseudsten Sinne. Daß jeder Mensch ein Weltbürger im guten Sinne des Wortes lei, lehrt uns die heilige Schrift schon dadurch, daß sie das gesamte Menschengeschlecht von einem einzigen Meuschenpaare Adam, und Eva, nämlich ableitet. Unsere alten Weisen bemerken hiezu ebenso innig als sinnig, daß als Gott die Menschen erschaffen wollte, er hiezu den Staub aus allen vier Weltgegenden, dem kalten Norden, dem heißen Süden, dem Hellen Osten und dem dunklen Westen entnommen habe, damit der Mensch — wo er immer sei, sich auf heimatlichem Boden fühle und überall gleiche Rechte zu beanspruchen befähigt sei. Der Abstammung des gesamten Menschengeschlechtes von einem Menschenpaare folgt nun naturgemäß der Glaube an einem einig - einzigen Gott. Es enthält daher dieses erste Gebot gleichzeitig die Pflicht, jeden Menschen — welch Stammes und Glaubens er auch sei — aufrichtig zu lieben. Aufrichtige Liebe jedoch besteht darin, wenn wir unserem Nebenmenschen, soweit dies in unserer Macht liegt, nützlich und angenehm zu sein uns bestreben. Daß dieses Streben nützlich und angenehiu zu sein nur auf rechtlicher Grundlage beruhen muß, das heißt, daß wir zu keinem Unrechte die helfende Hand reichen dürfen, ist bei dem Gotte Israels, der ja der Gott der gesamten Menschheit ist und nicht nur Schöpfer und Erhalter, sondern auch Richter der ganzen Welt genannt wird, wohl selbstverständlich. Fassen wir nun die Lehren, die das erste Gebot uns kündet, kurz zusammen, so lautet die erste Lehre: „Glaube an einen ewig einzigen Gott imi^blnd überall; und dein Leben wird, wenn auch nicht immer, ein beneidetes, sicherlich ein zufriedenes, das heißt wahrhaft glückliches sein. Die zweite Lehre lautet: Liebe deinen Nächsten wie Dich selbst und hasse niemanden, hasse die Sünde und nicht die Sünder." (Fortsetzung folgt.) Rerue der Presse. Einen instruktivm Aufsatz, wiederum aus der Feder des oft citierten Obwrabb. Dr. Jellinek finden wir in der „Neuzeit." Der Aufsatz beschäftigt sich mit dem Tempel in der Seitenstettenzasse in Wien, dem Gotteshause, „das nicht bloß eine Stätte ist, wo die Bekenner des Judentums zum Gebete und zur Belehrung sich versammeln, sondern auch ein ehrwürdiges Denkmal in der Geschichte des jüdischen Kultus. Der Tempel wurde im Jahre 1826 vom Prediger Mannheimer und vom Oberkantor Sulzer eingeweiht. Hier wurde zum erstenmale in Österreich der jüd. Gottesdienst würdevoll und ästhetisch geordnet. Der eigentliche Ritus wurde nicht angetastet. Man begnügte sich einen Teil der Pijutim oder mittelalterlicher hebräischer Dichtungen, die schwer verständlich sind und nichts zur Hebung der Andacht beitragen, zu eliminieren. Sonst wurden keine Veränderungen der Gebetslücke vorgenommen. Mannheimer, ein Meister des Wortes, predigte. Sulzer, ein unvergleichlicher Sänger und wahrhafter Künstler, riß das Publikum zur Andacht und Bewunderung hin. Beide verstanden es, die alte mrd die neue Zeit durch Übergänge mit einander zu verbinden und dadurch zu vermitteln, Mannheimer benützte die Schütze der Hagada und gewann durch dieses jüdische Kolorit seiner Predigten die Herzen seiner Zuhörer. Sulzer war kein Öpern-Sänger, sondern ein Vorbeter im schönsten Sinne des Wortes, der überkommene jüd. Melodien in moderne kunstgerechte Formen umprägte. Was die Melodien betrifft, so erzählte mir Mannheimer, daß diese ihm manchen harten Kampf verursachten. Einige Vorsteher, welche den Bau des Tempels ausführten und einen geschmackvollen Kultus im Gegensätze zur alten Jndenschule einführen wollten, beharrten darauf, daß ein unbedeutendes Gebetstück wegen seiner Melodie beibehalten werde und hierin hatten diese praktischen Männer nicht ganz Unrecht. Denn liturgische Melodien, woran man seit Jugend an gewöhnt ist, spielen eine große Rolle im öffentlichen Kultus. Dieser Tempel in der Seitenstettengasse glich einer Sonne, welche ihre Strahlen weithin in alle Gemeinden der österreichischen Monarchie aussandte. Er war Muster und Vorbild für den sogenannten geregelten Gottesdienst, der allmählich den alten und hergebrachten in Österreich verdrängte. . . . Der alte Tempel in der Seitenstettengasse ist ein Monument aus den Anfängen der Kultusgemeinde in Wien und auf dem historischen Boden des jüdischen Gottesdienstes. In diesem Tempel ist demnach eine Örgel durchaus nicht an ihrem Platze. ... Ich selbst schwärme nicht für eine Orgel- Begleitung in der Synagoge. Die langgestreckten Orgeltöne entsprechen nicht meinem Gefühle und meinem wisfenschaftlichen Bewußtsein, dem Charakter des Judentums. Die Erhabenheit desselben besteht in seiner Einfachheit, Schlichtheit, Gradheit, Klarheit, die von allen mystischen Nebeln frei ist. Das Wesen des Judentums läßt sich durch drei Worte ausdrücken: Gott, Mensch, Welt. Gott ist das Einfachste, das jeder menschlichen Ergründung sich entzieht und daher seine Anhänger vor dem Dämmerlichte mystischer Grübeleien behütet. — Der Mensch soll sein göttliches Ebenbild entwickeln und vervollkommnen durch Liebe, Gerechtigkeit, Demut und eifrige Wahrung seiner Menschenwürde. — Die Welt ist kein Ausdruck des Bösen, sondern der Güte, und sie erscheint auch gut,, wenn man ihren Gang nnd ihre Einrichtungen nicht vom kleinlichen Standpunkte des Einzelnen, sondern sub specie aeternitatis betrachtet, oder, wie die Schrift sagt: Gott überschaute alles, was er geschaffen hatte, und siehe, es war sehr gut, d. h. inan muß die Gesamtheit der Erscheinungen überschauen können, um sie in ihre Totalität zu beurteilen und sehr gut zu finden. . . .