Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 1892
- Issue
- 3 (13.10.1892)
- Date
- 1892-10-13
- Page
- Seite 39 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Seite 39. Nr. 3. | f f i| u r 11 i!. K- Mädchen-Konfirrnations-Unterricht. Von Dr. M. Grünwald. (Fortsetzung.) Erstes Kapitel. Pflichten gegen Gott. Alles was wir sind und was wir haben verdanken wir, der Güte Gottes. Es wird daher nicht so sehr eine Pflicht gegen Gott, als vielmehr eine Pflicht gegen uns selbst sein die göttlichen Gebote, die ja doch nur das menschliche Wohl zum Zwecke haben, in Treue und Liebe zu erfüllen. Verdanken wir aber der Güte Gottes das, was wir sind und was wir haben, so liegt es an uns, an unserem eigenen Hinzuthun, das, was wir werden, zur möglichsten Vollkommenheit zu entwickeln. Wenn es, wie es in der heiligen Schrift zu wiederholten Malen hervorgehoben wird, des Israeliten Aufgabe ist, Gott, den Herrn zu lieben mit zusammenhängend über die Lippen hervorbringen kann, und! dergestalt mit seiner schönen Rede scheitern muß?! Überhaupt hat es mit dem „Predigen" eine eigentümliche! Bewandnis. Seine Grundlage ist strenge, ernste Wissenschaft, l voller eiserner Konsequenz und geschlossener Regeln, — seine! Spitze ist freie, heitere Kunst, umschwebt von den Genien ' der Phantasie, durchweht vom Hauche schöpferischer Geistes-! kraft. Nicht nur der öffentliche Vortrag allein, sondern das; ganze Schaffen einer Predigt ist Kunst. Nicht umsonst! preist die Kritik an den Meistern des Wortes den Schwung? der Sprache, die leichte Bewältigung und richtige Behandlung! des Stoffes die kunstvolle Anordnung der Gedanken. Jede! gute gelungene Predigt ist ein Kunstwerk, das von einer höhern Inspiration die Weihe erhalten hat, um einen hinreißenden, mächtigen, begeisternden Eindruck hervorzurufen. Stümper und Pfuscher muß sich ja jede Kunst gefallen lassen, warum nicht auch die Predigerkunst? Wäre sie wirklich nur Wissenschaft allein, wäre ihre Vollendung nur von den Ergebnissen des Forschens und Erkennens allein abhängig, dann müßten wir bei weitem mehr tüchtige Prediger aufweisen können, als in der Thal vorhanden sind. Wissenschaft ist immer frei von Manier, aber keineswegs die Kunst. , Ünd giebt es nicht Prediger, die sich zur Schule dieses oder jenes j Meisters bekennen? Aber nicht in dem Sinne, wie z. B. der Arzt! oder der Jurist einem gewissen Systeme folgt. Nein, beim! Prediger und seiner Schule ist es nur die Kunstform, die j als Schibolet gilt. Mit der Wissenschaft sieht Regellosigkeit : im offensten Widerspruch, in der Kunst hingegen kann auch | das Regellose noch genial sein. Und auch dort, wo der Prediger aus dem allgemeinen rhetorischen Gesetze hinausschreitet und den gewohnten Weg der Regel verläßt, auch dort, ja gerade dort bekundet er den Meister. Wie in der Kunst geistige Konzeption und technische Ausführung zwei! einander ergänzende Faktoren sind, und nur der ein wahrer! Künstler ist, bei demselben gleichmäßig zu finden, so müssen! auch bei dem Prediger der Entwurf wie der Vortrag seiner j Schöpfungen den Stempel ebenbürtiger Vollendung tragen, ' wenn er den Ruhm eines Meisters ernten will. Wohl läßt! sich auch an der geschriebenen und gedruckten Predigt der! Grad der Meisterschaft erkennen; aber sie gleicht dem Karton; des Malers, der Partitur des Tonkünstlers. Es mangelt s ihm die Farbe und der Glanz, sie ist ohne Klang und j Leben.! (Schluß dieses Briefes folgt.)! ganzem Herzen, mit ganzer Seele und Imit dem ganzen Vermögen und diese Liebe zu Gott Selbstverleugnung und freiwilliges Entsagen und Entbehren von uns fordert, weil sich nur darin wahre Liebe kund thnt, so ist dies gerade die mächtigste Säule unseres Glücks und der Möglichkeit andere zu beglücken durch das Glück unseres Nebenmenschen wird uns reine, ungetrübte Freude Zu tell. — Die Pflichten gegen Gott sind in den ersten vier der Zehngebote, die von Gott am Berg Sinai in Gegenwart von 600000 erwachsenen, urteilsfähigen Männern und Frauen dem gesamten Volke Israel verkündet worden, enthalten. Nicht wie bei andern Religionen, wo die meisten und wichtigstenLchren im Dunkel der Nacht, in Höhlen und Schluchten, in Gegenwart einer oderzweier Personen bekannt gemacht worden, sondern am hellen Tage in Gegenwart des gesamten Volkes wurden die göttlichen zehn Gebote, die seither nicht nur die religiöse, sondern auch die sittliche Grundlage der gesamten zivilisierten Menschheit bilden, gegeben. Ja noch mehr, das letzte der zehn Gebote, das Verbot nämlich, nach dem, was einem andern gehört, nicht zu gelüsten, und das der Urgrund fast sämtlicher Sünden gegen unseren Nebenmenschen ist, wird sehr selten und da nur von bevorzugten Geistern und wahrhaft edlen Naturen befolgt und beobachtet. Ünd dennoch ist das zehnte Gebot, obwohl der Reihe nach das letzte der ^ehn Gebote, vollwichtig und gleichwertig dem ersten der^ehngebote, welches lautet: Erstes Gebot. Ich bin der Ewige, Dein Gott re. Erklärung. Die Verkündigung der Einheit Gottes knüpft hier augenscheinlich an den Auszug aus Ägypten; sie'will den Israeliten dadurch lehren das Gefühl der Dankbarkeit in seinem Herzen stets rege zu erhalten. Danken und denken, es war und ist des Menschen Aufgabe, insofern er einem hohen Ziele entgegenstrebt. Israel soll es nie und nimmer vergessen, daß es 400 Jahre die goldene Jugendzeit in Ägypten, der Heimat der Knechte, hat zugebracht und durch Gottes Gnade allein aus dieser Knechtschaft ist befreit worden. Oder war nicht das ganze Ägypten ein Haus der Knechte, wo jeder einzelne, vom königlichen Prinzen angefangen bis zum ärmsten Bettler hinab, vom Staate gezwungen war, den Beruf seines Vaters zu üben? War dieses nicht die ärgste Tyrannei, wo nbkHjede freie Regung des menschlichen Willens, jede Selbstbe» (/.imung in eherne Fesseln schlug, und den Zufall der Ävurt zum obersten Gesetze des Menschen stempelte? In solcher Weise war jeder Einwohner Ägyptens von seiner Gebürt an ein Knecht, willenlos, dem Berufe seiner Eltern und Großeltern verfallen. Ägypten ist der Herd und die Heimat des Kastenwesens, der ärgsten Sklaverei, die überhaupt denkbar ist. Aber so wunderbar sind die Wege Gottes, daß er gerade aus der Heimat der Sklaverei sich das israelitische Volk hat erwählt, um es zum Verkünder der menschlichen Freiheit und Selbständigkeit zu machen.! Denn wenn es einerseits wahr und anerkannt ist, daß wir das Gute in der Regel erst bumij erlernten, wenn wir es besessen und verloren haben, so ist tes andererseits nicht minder fest und sicher, daß das Bekreitwerden aus dem Zustande der Knechtschaft uns die Freiheit und Selbstbestimmung um so eher uiib so mehr, schätzen läßt. Mit