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Jeschurun · 1892-10-13 · 3 (13.10.1892) · p. Seite 38

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Journal
Jeschurun
Volume
1892
Issue
3 (13.10.1892)
Date
1892-10-13
Page
Seite 38 (sequence 6)
Language
German
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I e s ch u r u n. Nr. 3. Seite 38. Wendung, weniges allerdings auch ost gewaltsam und übertrieben ausdehiite, für das Leben aus und erhielten deshalb auch den Namen Joph’rim, gauparsTp, den auch Esra und seine Nachfolger,^ „große Synagoge", führten. Durch die zu Tausenden und aber Tausenden zählenden Schüler, die siäuuter das ganzeVolk zerstreuten, hatten sie eben so viele Wächicr und Lehrer des Gesetzes ausgesandt, das Lehramt an sü genommen und an die Stelle des pnesterlichen und arMkratischen Einflusses die Aristrokratie des Geistes gesetzt Äimmer mehr zur Geltung gebracht. Und nun erst wurden U Priesterlichen Reinheitsgesetze, welche die „Frommen", M Teil wenigstens, schon früher auf sich genommen, immer metrauf alle Nichtpriester ausgedehnt, und wurde jene Ausdehnung alsVaffe benützt gegen die Herrschaft des Priester-! tums, dem leMen sein Nimbus genommen und damit gleich- | sam die Gelehm umgeben, was freilich wieder eine neue Kluft! im Volke selbf bildete, aber auch ein mächtiger Antrieb für j alle werden mf, der Bildung, dem Wissen sich zuzuwenden,; da schon zur Machtung jener Gesetze eine gewisse Kenntnis! vorausgesetzt md; was aber den demokratischen Gedanken nicht störte, da einml, wie bereits bemerkt, die Herrschaft des Geistes, die Mars Staudesvorrechten beruht, nur fördernd im gesellschaftlckn Leben wirkt und sodann jeder das Wissen erringen, nich^er dem Priestergeschlechte sich einfügen konnte.! Und gegen daNetztere, das seine bevorzugte Stellung so oft : mißbraucht, gal!es den Männern des Geistes vor allem Front l zu machen. Bc daher die Speise- und andere Gesetze immer j mehr ausgedcht wurden, um das Volk von jeder Berührung! mit dem Heidkiitume fern zu halten und dadurch den Gottesj gedauken in feiner Reinheit zubewahren, so wurden die Priester- > lichen Reinhiitsgesetze auf alle Nichtpriester gesetzlich! ausgedehnt, iß dem Priestertum seine kastenmäßig sich über- ‘ hebende BesoMheit zu nehmen und den andern Grundgedanken der Offenbarn:zslehre: das allgemeine Priestertum, immer j mehr zur Geldig zu bringen. Mit unwiderstehlicher Gewalt! schreitet dieser Gedanke durch das ganze geschichtliche Leben, i Ganz wie un;:r Mose dem Hohenpriester Aron gegenüber der j Ruf laut war: „Die ganze Gemeinde ist heilig!" „warum; erhebt ihe cii4 über die Gemeinde Gottes?" sv tritt wieder in den Makkabierkriegen, wo fromme Priester selbst gegen die ' Entarteten irden Plan traten, dieser Grundgedanke hervor,! „daß Gott a en das Erbe und das Königreich und das! Priestertum r:d die Heiligkeit gegeben", und so ward später! als Glund deAusdehnuna der Reinheitsgesetze, der übrigens! aus den Gesell selbst hervortritt, ausdrücklich die Heiligkeit > des ganzen ^lkes, das allgemeine Priestertum angegeben. j R. Gamaliel gte: „Auch das Gemeine (nicht bloß das Heilige) > muß in Reiqeit genossen werden. Nicht dem Priester! allein, sorrern ganz Israel wurde die Heiligkeit j vom Siuai gegeben. Möge man daher die außerj ordentliche Strenge und Ausdehnung der äußern Formen ' loben oder ^deln: eine gedankenlose Askese waren sie nie! und sollten re sein, sondern die Förderer der tiefsten gött-! lichen Offenbrungsgedanken. j Das alsomar der Pharisäismus, und muß als Resultat j unserer Forstung festgehalten werden: z 1. Der charisaismus kämpfte für die Reinhaltung des | Gottesgedanlns dem Heidentum gegenüber; daher auch! gegen jede httnische Unsittlichkeit mit unerbittlicher Strenge. j 2. Er kmpfte mit derselben Strenge im Innern gegen! herrschendes Priestertum. 3. Eben daher auch für den zweiten Grundgedanken der Offenbarung: das allgemeine Pristertum und die Heiligkeit und Gleichberechtigung des ganzen Volkes. 4. Er vertritt darum im staatlichen Leben auf den Grund der Intelligenz und des Wissens den wahrhaft demokratischen Gedanken nach allen Richtungen. Katheder und Kanzel. Homiletische Briefe. Zweiter Brief. Hinter Deiner, nur so nebenher gemachten Bemerkung: „ob ich denn schon die erforderliche Anzahl schlechter Predigten gehört habe, um mit gutem Gewissen über Kanzelberedsamkeit schreiben zu können," habe ich etwas mehr als den paradoxen Schalk gesucht und — gefunden. Du willst damit sagen, es müsse bei allen Ratschlägen und Fingerzeigen auf dem Gebiete der Homiletik mehr von den Dingen die Rede sein, die der Prediger zu vermeiden habe; es soll dieser weniger auf die sich anzueignenden, in sein Fach einschlägigen Vorteil«' sehen, sondern er lerne vielmehr die Fehler kennen, die er nicht machen darf. „Zeigt mir das Gute, was ich kann, lehrt mich das Schlechte, was ich soll" — die Regel gilt allerwegen! Das für den Prediger günstige Fahrwasser ist weit und breit genug, daß man es jedermann, der nur irgendwie das oratorische Steuerruder geschickt zu führen versteht, getrost selbst überlassen kann, einen beliebigen Kurs einzuhalten, und es ist nur notwendig, daß man ihn mit den hie und da verborgenen Klippen und Sandbänken bekannt mache. — Wie einem doch zuweilen die treffendsten Vergleiche ganz unabsichtlich gelingen! Der Lotse ist wirklich ein in jeder Beziehung passendes Bild des Predigers. Ist es nicht ein weites, unendlich weites Meer, hin und wieder von unergründlicher Tiefe, in das der jüdische Prediger mit seinen Gedanken und Forschungen hinaussteuert? Kömmt er da nicht manchmal in Regionen, wo fast immer Stürme zu befürchten sind? Muß er nicht auch gewisse „Wendekreise" passiert haben, wenn er als erfahrener, wetterfester Prediger gelten soll? Ist es nicht seine Lebensaufgabe, die seiner Leitung sich anvertrauende Gemeinde durch die Wirbel und Brandungen der Zeit unversehrt hinwegzusteuern? Behält er nicht seine Berufsausbildung auch „über Bücher und Papier", um sich dann später im Kampfe mit Fluten und Wogen zu bewähren? — Der ist eut schlechter Lotse, der wohl auf den Seekarten aller Breitegrade genauen Bescheid weiß, aber den Mut nicht hat einer tobenden, brausenden See den Durchgang abzuzwingen; den Scharfblick nicht besitzt, um sein Schiff über Untiefen und gefährliche Stellen sicher hinweggleiten zu lassen. Und was frommt dem Prediger die ausgebreitetste theoretische Kenntnis und der gesamten homiletischen Litteratur, wenn es ihm an der nötigen Freimütigkeit und Geistesgegenwart fehlt, wenn er angesichts so manchen unvermeidlichen Themas, das mit feinem, sicherem Takte behandelt sein will, ratlos dasteht, wenn er beim Eintritt mancher Zeitläufe nicht weiß, soll er sich nach rechts oder nach links wenden? — Oder, was nützt es auch dem Prediger, in seiner Studierstube, in einsamer Stille auf dem Papier die trefflichste Rede entworfen zu haben, wenn ihn auf der Kanzel, angesichts der harrenden Gemeinde jedesmal Angst und Zagen ergreift, sv daß er keinen Satz

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