Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 1892
- Issue
- 3 (13.10.1892)
- Date
- 1892-10-13
- Page
- Seite 37 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Nr. 3. t f th u r n it. Seite 37. - «* Betrachtet man aber den Bericht des Josephus genauer und! vergleicht man damit den talmudischen Bericht, so wird es! bald klar, daß es sich hier um etwas ganz anderes handelt, j nämlich um den beginnenden Kampf der Pharisäer gegen das i herrs chende Priestertum. Zuerst sieht man, daß der Bericht | des Josephus nicht nur unwahrscheinlich ist, sondern auch an j einem innern Widerspruch leidet. Unwahrscheinlich oder j vielmehr sicher unrichtig ist die Angabe: daß die Pharisäer! neidisch auf die Siege des Hyrkan geblickt hätten. Einmal! waren es Gelehrte, die ihren Ruhm in dem Wissen suchten! und gewiß gerne andern den Kriegsruhm überließen, sodann , dienten Hyrkans Siege zur Verherrlichung des Reiches und j des Judentums, deren sie sich als gute Patrioten nur freuen! konnten, und wegen deren sie gegen Hyrkan ebensowenig Neid empfinden konnten, wie gegen seinen Vater und dessen große Brüder *). Ein innerer Widerspruch aber ist es, wenn Josephus von diesem feindseligen Neide der Juden spricht und in demselben Atem erzählt, welch ein Freund Hyrkan von den Pharisäern gewesen, und zugleich deren Milde rühmt und wie sie das ganze Volk hinter sich hatten bemerkt. Betrachtet man aber den talmudischen Bericht, so wird alles klar. Hier erscheint die Ursache des Streites nicht in dem Neide der Juden, sondern zunächst in der Aufhetzerei eines elenden Denuncianten, der dem Hyrkan die Phariäer als! dessen heimliche Feinde denuncierte, und ihm riet, sie dadurch! auf die Probe zu stellen, daß er an der Tafel mit einem der j ausgezeichnetsten Teile des hohenpriesterlichen Schmuckes, dem z Stirnbleche mit dem heiligen Gottesnamen, erscheine und so j sie vor diesem Schmucke aufstehen ließe. Das that Hyrkan,! und das mußte die Pharisäer aus doppeltem Grunde gegen; ihn aufbringen. Einmal mußte es ihnen als eine Profanierung des hohenpriesterlichen Schmuckes erscheinen, den er wohl nur im Tempel bei seinen hohenpriesterlichen Verrichtungen tragen sollte, und sodann, und das war wohl die Hauptsache, hatte jenes Stirnblech nach Josephus Angabe, der als Zeitgenosse in Bezug auf die Form des Schmuckes mehr Glauben als der Talmud verdient, der nicht einmal die Ordnung der Inschrift mehr genau kennt, die Form einer Krone, in welcher Form wohl die Herrschaft des Hohenpriesters über die übrigen Priester angedeutet werden sollte, oder vielmehr noch aus der Zeit stammte, in welcher die Herrschaft überhaupt mit dem Hohenpriestertum vereinigt war; womit der Streit! noch einen weit Liefern Hintergrund erhielte, indem die I Pharisäer in dem Tragen der Priesterkrone außerhalb! des Tempels und dem Zwange, sich hier vor jenem erheben j zu müssen, die Ausdehnung der Piesterherrschast auf das Leben erblickten, was auch wohl die Absicht Hyrkans und seiner Ratgeber war. Nun erst verstehen wir auch den weitern Bericht im Talmud. Die Weisen Israels, heißt es, entfernten sich in der höchsten Aufregung, indem sie Hyrkan zuriefen: „Laß dir genügen an der Königskrone, und überlaß die Priesterkrone einem andern!" Der Bruch war jedenfalls unheilbar geworden. Hyrkan (Alex. Jan.) fiel vom Pharisäismus ab und verfolgte die Pharisäer aufis grausamste — darin stimmen mit dem Unterschiede der Namen, beide Berichte überein — und diese vergalten ihm seine Feindseligkeit, wo sie es vermochten, und kämpften um so heftiger gegen die Priesterherrschaft. Wie ein roter Faden zieht sich dieser Kampf durch die ganze Geschichte, bis in die fernsten Enden i) Dies erkennt Josephus A. XIII, 15, 5 selbst an, wo er den Alexander die Salome damit trösten läßt, daß sie als Siegerin heimkehrend, die Pharisäer um so leichter für sich gewinnen werde. des ritualgesetzlichen Gewebes, und wen» er Äuch nach dem Tode d-s Hyrkan, durch den Sieg de» Pharisäismus im Gerichte und in der Leitung der religiöin Angelegenheiten, äußerlich nicht mehr so heftig entbrannte» so wirkte er doch im stillen fort und tritt endlich unter M-rodes gegen die Bosthusen, die eben wieder ihren priestertichen Hochmut und ihre Herrschsucht überall hervorkehrten, mit erneuter Gewalt auf. Das Streben des Pharisäismus, die Macht des Priestertums für das Leben zu brechen, wurde bald mit dem vollständigsten Siege gekrönt und die Gleichheit des Volkes in allen Verhältnissen des Lebens nach dem Geiste des Mosaismus immer mehr zu voller Wahrheit.. Die Beherrschung des Gerichtswesens wurde den ^Priestern entrissen; die Vorrechte, welche sie früher im Leben offenbar besaßen, wurden immer mehr aus leere Höflichkeitsformen beschränkt, wie z. B. daß der Ahronide zuerst zur Thora vorgerufen ward, und selbst darin wurde wenigstens der Gelehrte dem unwissenden Priester vorgezogen. Noch unter Alexander Jannai, der sicher nie selbst mehr den Vorsitz fiihrte, denn es wird erzählt, daß er mit der Königin den Sitzungen oft beiwohnte. an welchem Vorsitz er übrigens auch jedenfalls durch seine langen auswärtigen Kriege verhindert war, wie dies wohl aus diesem Grunde auch schon unter Hyrhin nicht selten vorkam, scheint das ganze Synedrium in den Händen der Priester gewesen zu sein, die diese Priesterfürsten jedenfalls begünstigten. Doch hat schon unter jenem der geistreiche, energische Gelehrte Simon b. Schetach, der wohl ein naher Anverwandter der Königin Salome Alexandra gewesen, und besonders nach dem Tode des Königs während der Regentschaft der Salome, den Vorsitz in Synedrium selbständig inne gehabt, und mochte damit wenigstens diese Würde des Priestertums ihr Ende erreicht haben. Welche Wichtigkeit der Pharisäismus diesem Siege des Geistes über Priester- Bevormundung beilegte, geht schon daraus hervor, daß er den Siegestag als einen Festtag einsetzte, der bis in das dritte Jahrhundert unserer Zeitrechnung gefeiert ward. Die Priester als solche wurden jedoch keinesfalls aus die Dauer ausgeschlossen, man hat sogar später einen Teil der Synedrial- Mitglieder nur aus diesen genommen und war darauf bedacht, daß der Gerrchlshof aus Priestern (Khohanim), Leviten und Israeliten aus guten Familien bestand, wohl aber waren die Sadducäer, die dem abschließenden Kastenwesen hul digten, ausgeschlossen, und wurde besonders von Hillel an^ in dessen Hause das Synedrial-Prüsidium herrschend ward, vielleicht eben aus diesem Grunde, kein Priester mehr Vorsitzender des Synedriums nnd begünstigte dies eben die Herrschaft des Hillelffchen Hauses. Das eigentliche Lehramt war schon früher immer mehr von den Priestern auf die Gelehrten, d. i. auf das Volk übergegangen, und dies war ohne Zweifel die hauptsächlichste Waffe gegen die Priesterherrschaft, wie es überhaupt überall erste Bedingung des Sieges über ein herschsüchtiges Priestertum ist, ihm den Jugendunterricht zu entwinden, und diese Herrschaft auch überall aufhören muß, wo die Intelligenz im Volke sich ausbreitet. Dem alten, von ihren Vorbildern, den Männern der großen Synagoge, ihnen als heiliges, bedeutungsvolles Erbe überkommenen Grundsätze „Stellt viele Schüler aus!" getreu, eröffneterü die Pharisäer immer mehr Lehrhänser und zogen so das ganze, nach Wissen strebende Volk in ihre Kreise; durchdrangen, verarbeiteten lehrten mit lebendigem Geiste das Gesetz, bildeten seine An