Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 1892
- Issue
- 3 (13.10.1892)
- Date
- 1892-10-13
- Page
- Seite 36 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Seite 36. I e s ch u r u n. Nr. 3. Daher kehren sie wieder zurück. Wieder zu fließen. Was gewesen ist, wird wieder sein. Was geschehen ist, wird wieder geschehen. — Nichts neues unter der Sonne. Kein Gedächtnis bleibt von den Ahnen uns. Kein Gedächtnis wird einst den Später» sein, Bei spätester Nachwelt. So stellt sich dem weisen Könige eilt stetes Wiederkommen früherer Verhältnisse im Leben der Menschheit dar, was j wir mit unserer Mühe schaffen irnd für die Ewigkeit hinj zustellen wähnen, verfällt dem vernichtenden Schritte der Zeit; j unerschöpflich ist er darin, zu zeigen, wie verschiedenartig dies Zerstörungswerk vor sich geht, wie die Schwäche und der Leichtsinn späterer Geschlechter preisgeben kann, was die Mühe der Ahnen geschaffen. Sollte die Menschheit an sich den Weisen befriedigen? Auch er sieht sich selbst und seine Mitmenschen ihrer ursprünglichen Einfachheit entkleidet, oder vielmehr umgeben fremde Hüllen Menschensinn und menschliche Empfindimgen — wie viele Zerrbilder malt er uns davon vor, um den Satz zu rechtfertigen, der sich auch wörtlich im Hamlet findet: Einfach und schlicht schuf Gott die Menschen, Sie nur suchten die Grübelei. Wie's im Hamlet heißt: Gott gab Euch ein Gesicht, und ihr macht Euch andere. j X, Das entfremdet auch Hamlet der Menschheit. Wenn! er ficht ans Claudius und Gertrud, ans seinen närrischweisen Polonins, ans die wedelnden und bedeutungslosen! Rosenkranz und Güldenstern, ans den geckenhaften Osrick,! so begreifen wir die Hamletfichen Worte: „Welch herrliche Schöpfung ist der Mensch! Wie! erhaben seine Vernunft! Wie unendlich in Fähigkeiten! In Gestalt und Bewegung wie herrlich undbewundernswert! Im Handeln eugelgleich! Und doch — was ist diese Ansammlung von Staitb! Mich kann der; Mensch nicht erfreuen!"! Und das sagt er in Gegenwart der beiden Höflinge, die freilich nur die Gestalt von Menschen haben. Dieser j entarteten Menschheit gegenüber sucht er ein unverfälschtes, > wahres Menschenwesen, er drängt, wie Faust seinem Wagner! gegenüber, bei den Schauspielern auf Ungezwungenheit und! Wahrheit — freilich ahnt er kaum, welche Falschheit und j Verzerrung sich in ihm selbst findet j Blickt er, der zum Herrscher Geborene mit seinem finstern! Auge in die Welt, so wird sich bei der Frage nach dem Zwecke! des Daseins dasselbe Herausstellen wie bei Koheleth. Das : bemerken wir bei seinem Gange über den Friedhof. Hier > ist er auf seinem Gebiete und weiß in erschütternder Weise! die Nichtigkeit des Irdischen darzustellen. Der Rechtsgelehrte, tvie der Künstler, der ernste Denker itnd der Spaßmacher Asorrik — hier haben sie alle dieselbe Gestalt, und es kann soweit kommen, daß die Asche des großen Cäsar dazu benutzt wird, eine Matter zu flicken. So fliegen dem fürstlichen Denker an dieser ernsten Stelle lustige und ernste Bilder zu •— er befindet sich hier am Orte, wohin Salomo die Menschheit schickt, um zu sehen, wo das Ende des Menschendaseins zu suchen ist und es sich zu Herzen zu nehmen. Würden wir in den drei Büchern nicht den reinen Schopenhauer vor uns haben! Vor unfern Augen zersetzen und entwerten sich alle Dinge, die unfern Stolz ausmachen — unser Wissen entpuppt sich als Täuschung und als Veranlassung unserer Elends; unsere Biloung ist unzertrennlich mit Entartung und alle unsere Mühe dem bloßen Untergange geweiht. Ans einem Jahrhundert ragen immer nur wenige Namen in's nächste Zeitalter hinein, mit weiterer zeitlicher Entfernung vermindern sie sich bis zuletzt aus einem Jahrtausend nur wenige Häupter noch in die Ferne leuchten, die in weiter Entfernung sich auch verlieren. (Fortsetzung folgt.) Das Pharisäertum. Von Dr. E. Grünebanm. UI. In dem Kampfe des Pharisäismus gegen das herrschende Priestertum ist uns auch der Schlüssel zum Verständnis des sowohl von Josephus wie vom Talmud erzählten ersten Streites der Pharisäer mit Hyrkan gegeben. Der Talmud versetzt nur die Geschichte in eine spätere Zeit, weil ihm Hyrkan noch in voller Übereinstimmung mit den Pharisäern erscheint. Der Streit kennzeichnet genau das pharisäische Streben nach dieser Seite hin, und wir wollen ihn daher nach dem Berichte des Josephus, mit welchem der des Talmuds im wesentlichen übereinstimmt, kurz hier anführen. „Die glücklichen Erfolge, erzählt Josephus, hatten dem Hyrkan den Neid der Juden zugezogen und besonders der Pharisäer. Diese waren von so großem Ansehen bei dem Volke, daß alles angenommen ward, was sie gegen den König oder den Hohenpriester sagten. Auch Hyrkan gehörte zu ihnen und war ihnen besonders wert. Bei einem Mahle fragte er sie einst, ob sie ihm nicht eingeständen, daß er ganz in ihrem Sinne handle, nämlich Gerechtigkeit übe und alles thue, was Gott wohlgefällig sei; sie möchten es ihm aber offen sagen, wenn sie einen Makel an ihm wüßten. Da sprach einer der Gäste zu ihm: Wenn Du in der That gerecht sein willst, so entkleide Dich des Hohenpriestertums und laß Dir an der fürstlichen Krone genügen. Auf Befragen gab er als Grund seiner Forderung ein Gerücht an, wonach Hyrkans Mutter eine Gefangene der Heiden gewesen (wodurch ihm das Hohenpriestertum zu bekleiden nicht gestattet gewesen wäre, da sie als solche in Bezug auf jungfräuliche Reinheit als Verdächtige galt). Daraus entstand nun, wie Josephus weiter erzählt der von jetzt an sich immer mehr erweiternde Riß zwischen Hyrkan und den Pharisäern, weil diese den Kalumnianten — denn das Gerücht hatte sich als unwahr erwiesen — bloß zur Geißelung und nicht zum Tode verurteilten. Diese ganze Erzählnng wäre unbegreiflich, sowohl daß einer der Pharisäer, zu welchen der Ankläger als geladener Gast des Königs doch wohl gehörtes, auf ein vages Gerücht hin die unerhörte Forderung: daß Hyrkan dem Hohenpriestertum entsagen solle, gestellt habe, als daß Hyrkan allen Pharisäern so feindselig gesinnt worden, weil sie nicht die Todesstrafe gegen den Ankläger ausgesprochen, da Hyrkan als Koryphäe des Pharisäertums, zu welchem er sich selbst bekannt, wissen mußte, daß eine andere Strafe als die Geißelung gesetzlich über denselben gar nicht verhängt werden konnte. J) Der Talmud nennt ihn ausdrückkich einen „Alten" Saken was mehr sagen will als daß er von hohem Alter war, vielmehr vielleicht sogar ein Mitglied des Synedrions. Jedenfalls wird er Kosri III, 65. mit Recht „Einer von den Weisen" genannt.