Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 1892
- Issue
- 2 (2. Probennummer) (6.10.1892)
- Date
- 1892-10-06
- Page
- Seite 28 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Seite 28. I e s ch stilistische Toilette gemacht hat. Dafür ich selbst desto mehr! ' Ich habe zwar nicht wie meine Komilitonen meine Bücher! verkitscht, um die erste Rate für einen schwarzen Anzug aufzubringen— das nicht, und deshalb nicht, weil meine Bibliothek! auf zwei ältere Jahrgänge Postbüchel und ein Exemplar i „Judenspiegel" von Ehren-Brimanus reduciert ist. Letzteren nimmt kein Antiquar mehr, nicht eimnal ein antisemitischer mag in den Spiegel hineinsehen. So ein Spiegel ist arrogant genug, dem hineinschanenden Arier sein eigen Bild zurückzuwerfen. Also ich mußte mir erst ein Paar Bände Pandekten ausbvrgen, um dieselben zu verschachern, mit) jetzt bin ich in schwarzem Wichs, wie ans dem Schachterl — dem Wichsschachterl nämlich. Auf zwanzig Schritt sieht mir ein Blinder den Leidtragenden an. Wir trinken den Stoff nur mehr aus Gläsern mit schwarzer Einfassung, — Tarvckkarten mit Trauerrand sind schon bestellt — wir haben unser Biltardbrett mit schwar^m anstatt grünem Tiu^e überziehen lassen — und ich j sewst stabe eigenhändiß zum Zeichen des allergrößten Schmerzes bereits drei Löcher a fl. 5. — hineingestvßen. Die Semiten zerreißen als Symbol der Trauer ihre Kleider, wir rassenreinen Arier jedoch die Billardtücher. Wir sind inwendig zerrissen, einige behaupten gar boshafterweise — geflickt. Jammer herrscht bei uns, eitel Jammer! Wir sind tot Bruder, tot und begraben! In Frieden ruhten wir zwar schon lange, > aber nun ist es ganz aus mit uns. Nach dem lauten Suff > ergeben wir uns dem stillen. Früh trinke ich nur etliche! Schwarze; — keine Schale Braun mit oder ohne Haut benetzt! mehr meine Lippen und dann Bier aus obig bemeldeten Gläsern vom Morgen bis zum — Morgen. Es ist noch ein Glück, daß die Hochweisen und Wohlmögenden nicht für gut befunden haben, uns den Trunk des Stoffes zu wehren und zu verfügen, wir müßten eitel saure Milch in unsere Kadaver flößen. Das ist noch Trost! — Ich frage Dich, was ist jeder einzelne von uns, wenn er keiner antisemitischen, keiner deursch-nationalen Verbindung angehört? Ich will Dir die Antwort auch gleich verraten: Minus null sind wir, eine Ohrfeige von vorgestern, ein Landesverrat von übermorgen, eine ungehaltene Brandrede, ein wandelndes „Nichtgenügend," ein aus der Wählerversammlung hinausgeworfeuer Krakehler, das Spundloch eines bodenlosen Bierfasses, eine nicht verlesene Interpellation und eine geräumte Gallerie,-ich glaube, die Verzweiflung wird uns noch dem Ltudium in die Arme treiben. Das verhüte Teut! Es fahre Tonar mit seinem Keil dazwischen und bereite dem! ganzem Elend ein schleuniges zermalmendes Ende! Zeit habe ich nun allerdings noch weit mehr, als früher- Ich glaube, mein Tag hat mehr als 24 Stunden, der reine lange Tag, da sah ich mir denn dieser langen Tage von der Gallerie aus eine Vorstellung im Valuta-Circus*) an, wo jeder! auf seinem Steckenpferd die hohe Schule reitet. Aber wie ' der Sueß loslegte, ergriff ich. die Flucht — ich kann keinen Professor reden hören! Das macht mich nervös.! Aber Lueger hörte ich mir an und ich wäre bald geräumt j worden, so entzückt war. ich. Und nun gar Liechtenstein.! Auch der sprach! Aber schon wie, Bruderherz! Und doch; beschlich mich während seiner, wie ich annehme überaus! geistvollen, Auseinandersetzungen wieder jenes geheimnisj volle, ahnungsreiche, quälende und drückende Gefühl, das! mich immer überkommt, wenn ich einen reden höre, der! *) Gemeint ist der Reichsrat, wo über die österr. Valuta-Frage! verhandelt wurde. . , „Jeschurnu." i u r n n. Nr. 2. gebüffelt und geochset hat. Ich kann Fleiß selbst bei andern nicht vertragen. Was sagst Du zu bauten? Sprachen die den Juden frei! Ist so was erhört? Weil er unschuldig ist! Ja eben deswegen hätten sie doch den Semiten nach jahrtausend altem Gewohnheitsrechte in Grund und Boden hinein verurteilen müssen. Das ist mir eine saubere, weltliche Gerechtigkeit! Lassen die den seltenen Vogel laufen! Wann kriegen wir denn wieder einen echten, wirklichen Schächter zu fassen? In diesem Jahrhundert vielleicht gar nicht mehr. Die Zeugen haben uns die Suppe versalzen. Ich weiß nicht, hat man denen zu viel oder zu wenig zu trinken gegeben. Sie sagten durch die (Geschworenen-)Bank alle judcnknechtisch aus. Sie halten keine Ahnung von der Bedeutung des Falles für uns. Und die Geschworenen dachten nur an Buschoff und vergaßen uns. So schön war der Ort gewählt, geradezu meisterhaft: bauten. Das ist die rechte Lokalität. Am Rhein! Die schöne, mittelalterliche Szenerie, das düstere, gotische, engwinkelige Städtchen, wie zum Schächten geschaffen. In Lauten durchzufallen! Wie schön sich nur das L allein in dem Namen der Stadt machte. Es ist zum Zerbersten. Schmachvoll! Womit ich verbleibe mit unverfälscht deutschem Gruße, Dein „aufgelöster" Teütobold. Kritische Wttkr. * Ludw. Philippson, gesammelte Schriften. — Von dieser, im Verlage der Schles. Kunst- und Verlags-Anstalt zu Breslau, erschienenen Sammlung liegen uns die 10 ersten Lieferungen vor. Die Sammlung wird lediglich die belletristischen Schriften des verewigten Autors umfassen, und sind auch die meisten derselben bekannt, so wird doch manches bisher ungedruckte zur Veröffentlichung gelangen. Wir beschränken uns auf diese unkritische Notiz, weil über des Autors litterarisches Schaffen die Akten geschlossen sind und eine Kritik füglich nicht am Platze wäre. Nur eines sei bemerkt, nämlich: daß die Schriften Philippsons, inbezug auf ihren dichterischen Wert und ganz besonders auf ihr jüd. Empfinden, trotz ihres Alters gar manchem zum Vorbilde dienen könnten, der sich in der Gegenwart herausnimmt, das jüd. Leben der Vergangenheit zu schildern. * „Schiddach (sie!) und Schiddnchim." Humoresken von E. Rossi. Hamburg, G. Fritsche. — Das ist just so ein Produkt der modernen jüdischen Belletristik, bei deren Lektüre man nicht recht weiß, ob man schadenfroh lachen oder wehmütig lächeln soll. Diese neue, von Sacher «.Masoch begründete, Schule arbeitet nach einem bestimmten Rezept: sie giebt einer gehalt-, saft- und kraftlosen Fabel einen drastisch klingenden Titel, stattet die handelnden Personen mit. jüd. Namen aus, „würzt" den Dialog mit den gewagtesten Judendentsch-Floskeln und setzt uns dann diesen Brei als gute jüd. Kost vor. Solch eine Kost können wir in der Gegenwart nicht vertragen; wir brauchen Kräftigung, religiöse und geistige. Und sind auch Pfeffer und Salz als Würze unentbehrlich, so sind sie, allein genossen, ungesund und widerlich.