Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 1892
- Issue
- 2 (2. Probennummer) (6.10.1892)
- Date
- 1892-10-06
- Page
- Seite 24 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 24. -sh 3 t f tj u r u n. Nr. 2 kein Erbarmen finden, und die Weisheit der Gottesgelehrten wird gering geschätzt, und die Gottesfürchtigen werden verachtet werden, und cynische Schamlosigkeit wird überall herrschen; die Wahrheit wird schwinden, und wer vom Bösen läßt, den wird man für einen Starren halten." Was haben nun die Talmndlehrer mit diesen und ähnlichen Sätzen im Sinne? Wirft doch die ausgehende Sonne vorher ihre Strahlen über die Landschaft, und dem messianischen Reiche sollte nach dieser Meinung eine Zeit der Zerrüttung und der Zerstörung vorangehen? Run es hat zu allen Zeiten eine Betrachtungsweise gegeben, die sich kurz ungefähr so ausdrücken läßt: „Es muß recht schlecht werden, damit es gut werden kann." . . . Auch die Geschichte lehrt, daß die Erhebung und Verjüngung mancher Nationen gerade dann erfolgt ist, wenn sie am tiefsten in Sittenlosigkeit und Elend verfallen waren. So meinen jene Talmudlehrer, daß Sünde und Schande erst ihre größten Triumphe feiern müssen, bevor der Messias kommen kann. Andere Talmndlehrer meinen, die messianische Zeit werde mit helleren Zeichen sich nahen. Einer sagt: „Der Messias wird kommen, wenn die unwürdige Herrschaft über Israel anshören wird"; Israel ist gering und wehrlos; wenn man das Recht des Wehrlosen ehrt, dann ist der Messias da. Ein anderer Meister sagte: „Die messianische Zeit kommt, wenn die Hochmütigen ans Israel schwinden werden." Der Hochmut ist in der That der e;gcnttid)c Feind des Menschengeschlechts, er entfacht zumal die Völker wider einander und nationale Eifersucht ist der Engel mit feurigem Schwert, der uns den Einzug in das Reich des Friedens wehrt. — Der Talmud spiegelt nur den Streit wieder, den unser eigenes Nachdenken erzeugt, wenn wir an die Zukunft des Menschengeschlechts denken. Bald hoffen wir, daß in ruhigem, allmählichem Fortschritt die Menschheit sich dem hohen Ziele nähern wird; bald fürchten wir, es werde die Gesamtheit erst in die Schnle der schwersten Leiden geführt werden, erst die härtesten Prüfungen erdulden müssen, bevor sie sich aufrafsen und dauernd das Joch der Sünde b rechen tverde. Von der Hoffnung aber ans die messianische Zeit kann kein Denkender lassen; das Leben wäre auch nicht zu ertragen, wenn wir nicht die Zuversicht hätten, das gegenwärtige Geschlecht arbeite für die Wohlfahrt des künftigen. . . . Was Israel von der Zukunft erwartet, es ist keine Herrschaft, keine Macht, sondern die Wahrheit und der Frieden. Wie einst der Schosar im alten Israel je nach Verlauf von fünfzig Jahren im Jubeljahr durch's Land ging und Freiheit kündete und jedem seinen Anteil wiedergab am heimatlichen Boden, so hoffen wir, wird der Schoiar des Messias die Gegensätze der Völker, die Gegensätze innerhalb der Völker, ausgleichen und versöhnen." -I- -i- * vr.J. Babad berichtet in der Neujahrsnummer des AZdJ. unter dem Titel „Die Inden in Rom" über einen Besuch, den er an einem Nenjahrstage dw Synagoge in Rom abgestattet: Die römischen Inden gleichen den deutschen darin, daß sie ebensowenig wie diese Hebräisch verstehen; dabei seien die Pijutim, die sich mit denen unseres Machsor nicht decken, in reinstem Hebräisch abgefaßt, ungekünstelt und wahrhaft ergreifend. Das Unesaimeli tokef fehlt in dem römischen Machsor; der „Trvp" beim Vorlesen ans der Thora ist ein ganz anderer als bei uns und die Melodien der Gebete eintönig. ,,Mit derselben langweiligen, wahrhaft einschläfernden Monotonie wurden sowohl der Kol Nidre wie die Awodah und Ne'ila am Jom-Kippur in Rom gebetet." Zum Schluß seiner Skizze erwähnt der Vers, noch einer schönen und einer unschönen Sitte im Gottesdienst der römischen Synagoge. Es ist nämlich dort Brauch, daß während des p*n der Kohanim das älteste Mitglied der Familie, natürlich, soweit sie männlichen Geschlechts und in der Synagoge anwesend ist, seine Hände auf die Köpfe seiner Angehörigen legt, während er den Segen mit dem Kohen mitspricht. „Das hatte für mich etwas Patriarchalisches und Ehrwürdiges. Unschön dagegen war es, daß an den drei hohen Feiertagen nicht ein Kantor, sondern deren vier, die nicht etwa „Sänger", „Begleiter" waren, wie in den polnischen Synagogen, vorbeteten, und zwar entweder alle vier zusammen, oder drei oder wenigstens zwei zugleich, aber nie einer allein. Es gab übrigens nur einen Al-Memor, aber keinen Omad, was, wenn ich nicht irre, auch bei den Juden in Spanien der Fall war. Daß der geschilderte eintönige Gesang durch die oben genannte Art des Vortrages nicht gerade schöner wurde, kann man sich denken. Kurz, tvas wir heutzutage einen geregelten Gottesdienst nennen, war in der römischen Synagoge nicht im entferntesten zu finden." Kleine Chronik. Bürgerliche Verhältnisse. * Eine Beschönigung des Stöckerschen Antisemitismus wird im „Volk" in einer Polemik gegen die „N. D. Ztg." versucht. Das Leiborgan des verflossenen Hofpredigers meint, Stöcker und die christlich-soziale Partei stehe nicht auf dem Boden des Rassenantisemitismus und der Nadaumacherei. Die Christlich-Sozialen bekämpfen nur diejenigen, welche den Juden ein Justizprivilegium einräumen wollten, indem sie jüdische Verbrechen aus Aberglauben für unzulässig erklärten. — Sonderbar! Uns ist es so, als hätten die sog. Christlich-Sozialen auch bevor man uns ein „Justizprivilegium" einznräumen gesucht, gegen die Juden gehetzt. In jedem Falle beweist diese Polemik, daß St. nebst Anhang allgemach anfangen, sich des ihnen entstammenden Nachwuchses zu schämen. * In Leipzig befolgen etliche wackere Glaubensgenossen eine nachahmenswerte Taktik. Da diese Stadt mit antisemitischen Preßhelden in überreichem Maße bedacht ist, die dort das Publikum terrorisieren und die öffentliche Meinung vergiften, so nahmen einige opferfreudige „Bürger jüdischen Bekenntnisses" — wie sie sich richtig nennen — den Kampf auf, u. zw. in der Presse. Und da ihnen der redaktionelle Teil der gelesensten Leipziger Blätter nicht offen steht, scheuen sie die Kosten für seitenlange Inserate nicht, um die Angriffe der Gegner abzuwehren. Diese sehr geschickt zusammengestellten Abwehr-Inserate haben allseitige Zustimmung gefunden, und es ist auch ein Erfolg wahrzunehmen. Damit nun ein gleicher Erfolg auch an anderen Orten erzielt werde, sollen jene Aufsätze in einer Broschüre herausgegeben und so billig hergestellt werden, daß sie von den einzelnen jüdischen Gemeinden oder Personen in Massen angekauft werden und gratis verbreitet werden können. Die Broschüre wird außer jenen sechs Aufsätzen auch die „15 Glaubenssätze", über die an anderer Stelle und von anderer Seite im „Jeschurun" referiert wird, enthrlten.