Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 1892
- Issue
- 2 (2. Probennummer) (6.10.1892)
- Date
- 1892-10-06
- Page
- Seite 21 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Nr. 2. ^Jesckurnn. Seite 21. Das Pharisäertum. Von Dr. G. Grünevanm. II. Eine genauere Betrachtung des geschichlichen Ganges der jüdisch-religiösen Verhältnisse wird uns die angegebene Entstehung und Bedeutung des Pharisäismus völlig klar legen. Unter der syrisch-griechischen Herrschaft sollten die Inden bald, obgleich ihnen Antiochus d. Gr., der Besieger des Ptoleinäns Philopator, anfangs wohl wollte (Jos. Ant. 3, 3.), mit List und Gewalt zu dem Heidentum bekehrt werden. Manche gingen auf den Wunsch der syrischen Könige ein und begünstigten den Abfall: „Sie erbauten ein Gymnasium za Jerusalem nach dem Gebrauche der Heiden; sie fielen ab von dem heiligen Bunde; sie verbanden sich mit den Heiden und verkauften sich zu Schandthaten." „Sie opferten den Götzen und entweihten den Sabbats." Es sind dies „die Frevler am Bunde, die sich durch Schmeicheleien zu Schandthaten verleiten ließen", „die verlassen den heil. Bund", „mit denen der Feind sich versteht^)". Der Gottesgedanke und mit ihm die Sittlichkeit stand wieder in Gefahr, von dem Heidentum und seinem sittenlosen Wesen verschlungen zu werden. Und an der Spitze dieses neuen Verderbens und als die eifrigsten Helfershelfer stand, wie schon früher, ein verderbtes Priestertum, ein Alkimos, Jason, Menelaos so daß das heidnische Wesen überhand nahm und die ausländischen Sitten sich immer mehr verbreiteten, „die Priester sich nicht mehr um den Dienst am Altar bekümmerten, sondern verachtend den Tempel und die Opfer vernachlässigend, an den ruchlosen Spielen in d'r Ringschule und an dem Werfen des Diskus teil zu nehmen sich beeilten. Es kann nach den Quellen keinem Zweifel unterliegen, daß unter dem reichen Patriziat Unterstützer des abtrünnigen Priestertums waren. Diese Religionsschändung fachte die Glut der Begeisterung für den Glauben der Väter auf's neue an. Nicht bloß fromme Priester, wie die Hasmonäer, auch die angesehensten Lehrer des Volkes trotzten den ruchlosen Forderungen der heidnischen Tyrannen und gaben sich den grausamsten Martern für ihren Glauben hin. Diese Lehrer (Nustrils Am, später Chachamim, ypafAfiareiZ) waren offenbar Mitglieder der bestehenden Religionsbehörde, wie ja einer der bedeutendsten Lehrer, Jose b. Joeser, ausdrücklich im Streite mit Alkimos von der Überlieferung angeführt wird. Dennoch sind diese Maskhilim (die Verständigen) bei Daniel nicht bloß als die Gelehrten aufzufassen; sie scheinen vielmehr in den Drangsalen der Syrerkriege dieselbe Rolle gespielt zu haben, welche die „Nibhdalim“, „die von der Unreinheit der Heiden sich absondernden Frommen" unter. Esra und Nehemia b 1 Makk. 7, 14, 15, 43. Die letztere Zusammenstellung beweist , die Wichtigkeit, die man dem Sabbat beilegte, und daß er als der! Ausdruck des Gottesgedaukens und seine Entweihung als Ableugnung Gottes galt. Nur dadurch läßt sich auch die außerordentliche Strenge seiner Feier erklären, so daß man sich im Anfang der syrischen Kriege sogar der Verteidigung des eigenen Lebens am Sabbat enthielt (1 Makk. 2, 34 - 38), bis man wenigstens die Verteidigung bei bem Angriffe ausdrücklich gestattete, über welche hinaus man auch in dein Römerkriege nicht ging. (Jos. Ant. XIII. 8, 4. Bell. Jud. I, 7, 3. u. s. w.) 2). Dan-11, 38. 22. DieAbfaffungszeit wenigstens des zweiten Teils des Buches Daniel von c. 7 — 12, mit dem wir es allein zu Ihn» haben, während der Makkabäerkämpfe kann keinem Zweifel unterliegen, s. Philipvson, Israel. Bibel, Einleitung in das Buch Daniel: vgl. die scharfsinnige Erklärung der betr. Stellen bei N. Krochmal More Neb. Hasra. inne hatten und mit den „Chasidüern", den „Frommen" in den Makkabäerbüchern, welche sich ja eben Juda anschlossen, gleich zu sein. Nimmt man nun die unter Hyrkan schon, also gleich nach den Syrerkriegen, hervortretenden Pharisäer, die ebenfalls nicht von ihrer Gelehrsamkeit, sondern von ihrer „Absonderung von der Unreinheit der Heiden", ihren Namen hatten, und nicht allein Gelehrte waren, wie der ausgezeichnete Forscher auf diesem dunklen Gebietes den Namen der Pharisäer (syr. Usriselliu „Abgesonderte" indem angegebenen Sinne dem der Nibhdalim gleich erklärt, so haben wir hier dieselbe Erscheinung ununterbrochen in der Geschichte des Judentums von Esra an aufgefunden: es waren überall dieselben Männer, die für dieselben Prinzipien: die Erhaltung des Gottesgedankens dem Heidentum gegenüber und die Absonderung von dessen Unreinigkeiten, Ünsittlichkeiten gekämpft und unter verschiedenen Namen, aber mit derselben Grundbedeutung, wiederkehren: Nibhdalim bei Esra und Nehemia, Naiskhilirn bei Daniel, Chasidüer in den Makkabäerbüchern, Perischin, Pharisäer, in den späteren Schriften. Allerdings haben die Pharisäer die Entwickelung der äußeren Gesetze immer weiter ausgesponnen, besonders als nach der Zerstörung des Tempels und noch mehr nach dem Bar Chochba'schen Kriege die Römer zu wirklichen, und zwar den schwersten, schrecklichsten Religionsverfolgungen übergingen und diefe die Sorge um die Erhaltung des geistigen Erbes inmitten des von allen Seiten die Inden bedrängenden und beherrschenden Heidentums den Fanatismus auf dasHöchste steigerte und Tausende dem Märtyrertvde zuführte. Erst in dieser Zeit haben auch die Reinheitsgesetze ihre außerordentliche Ausdehnung erhalten. Aber alles dieses war nur sekundär, aus dem Boden, auf den man sich einmal gestellt, fast mit Notwendigkeit sich entwickelnd. Der Grundgedanke des Pharisäismus blieb immer derselbe: der Kampf gegen das Heidentum zur Erhaltung des reinen Gottesgedankens und für die Heiligkeit des ganzen Volkes, das allgemeine Priestertum. Diese eine und bedeutendste Seite des wesentlichsten Strebens des Pharisäismus: sein Kampf gegen das Eindringen des Heidentums und für Erhaltung des reinen Gottesgedaukens tritt überall klar hervor und wird vom Talmud selbst von mehreren talmudischen Ritnalgesetzen als Grund angegeben. Der ganze talmudische Traktat, der von dem Götzendienste handelt, und dessen Gesetze zum Teil tief in das praktische Leben eingreifen, giebt Zeugnis von jenem Streben. So verboten sie den Wein der Heiden, auch den, welcher nicht zu Opfern diente, das Öl, selbst das Brot derselben, bloß um eine um so stärkere Scheidewand zwischen Juden und Heiden aufzuführen. — Nicht minder zieht sich durch den ganzen Pharisäismus der Kampf gegen das Priestertum. Mit diesem letzteren Kampfe verband sich bald der Kampf gegen die vornehmen vom Volke sich hochmütig abschließenden Geschlechter, und auch nach dieser Richtung vertritt der Pharisäismus den in der Offenbarung schon aufgestellten demokratischen Grundsatz von dem allgemeinen Priestertum, von der gleichen Berechtigung und Heiligkeit aller in seiner Konsequenz. (Ein Schtußartikel folgt.) 1) Geiger, Urschrift. Auch Maim. Com. in Misch. Sota 3, 4 giebt eine ähnliche Erklärung des Wortes, nur daß er sie allgemein faßt und auf die alten „Abgesonderten" zurückführll