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Jeschurun · 1892-10-06 · 2 (2. Probennummer) (6.10.1892) · p. Seite 20

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Journal
Jeschurun
Volume
1892
Issue
2 (2. Probennummer) (6.10.1892)
Date
1892-10-06
Page
Seite 20 (sequence 4)
Language
German
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Seite 20. ~3* JJ * f df u r u n. «- Nr. 2. geleistet, wenn auch mit dem Opfer des Rächers selbst. Weiteres enthält der Stoff des Hamlet nicht, denn alles andere ist nnr scheinbare Handlang, mir Verzierung des Ganzen. Greifen wir in das biblische Schrifttum hinein, so zeigt sich uns in dem salomonischen Predigerbuche etwas entsprechendes, und wir Hütten darin das dritte Rätselbuch der Menschheit vor uns. Da tritt uns eine Herrschergestalt entgegen, der Hintergrund der Darstellung ist die Lust im Herrscherhause, wie es im Hamlet der Fall ist, und der Mittelpunkt ist zugleich ein Denker und Gelehrter, wie im Faust. Von den drei Trägern dieser Werke befindet sich keiner im eigentlichen Lebenskampf, nicht einer hat die Rot des! Daseins kennen gelernt, nicht einen treibt es durch die innere Kraft seines Willens zu gewaltsamen Entschließungen, und die großen Irrungen des Lebens haben sie nicht hinter sich. Nicht Salomo, der uns höchstens von seinen Geistesarbeiten,! Weltbetrachtnngen und Bauten zu erzählen weiß; nicht | Hamlet, der vor dieser Zeit irr Wittenberg ein geistig an-! geregtes Stndentenleben, frei von aller Erdensvrge geführt,! nicht Faust, dessen Bereich seine Denkerkammer ist und der! in den Forschungen keine Befriedigung findet.! Auch das haben sie mit einander gemein, daß sie keine Be-! friedigung in ihrem Thun finden. Sie werden nicht von großen! Leidenschaften bewegt, sie sind nicht mit dem ruhmsüchtigen Wallen- > stein zu vergleichen, nicht mit der begeisterten Jungfrau von! Orleans, nicht mit dem rasenden Othello, nach mit dem ehrgeizigen Makbeth: alle diese Helden irren, indem sie sicher z sind, auf dem gewählten Wege das Glück zu finden — sie glanbenr also an ein Glück, zilm mindesten an eine Bessernng ihres Zustandes und gerade dadurch rufen sie unser Mitleid! hervor, daß ihr Schicksal eine jähe Wendung von Freude! zu Schmerz nimmt. Wie ganz anders die Helden der! genannten Rütselwerke! Was will es heißen, wenn Faust sagt:! „Habe nun, ach! Philosophie j Juristerei und Medizin j Und leider auch Theologie Durchaus studiert in heißem Bemühn! — Und sehe, daß wir nichts wissen können, Das will mir schier das Herz verbrennen. j Bilde mir nicht ein, was rechts zu wissen,! Bilde mir nicht ein, ich könnte was lehren,; Die Menschheit zu bessern und zu bekehren." j Was will es heißen, wenn Hamlet dem Horatio in! Hinblick ans die Geistererscheinnng sagt:! „Es giebt mehr Ding' im Himmel und auf Erden! Als eure Weltweisheit nur träumen kann": | wenn der geistreich-spottende Dünellprinz den närrischen! Denker Polonius ans die Seite nimmt und ihm beweist, wie von! verschiedenen Standpunkten aus eine Wolke verschieden! gesehen und beurteilt werden kann; wenn der weise Salomo! erzählt:! „Erforschen wollt' ich, was bisher geschehen, Was unterm weiten Himmel ist geschaffen, Das ist ein Trieb, den Gott dem Menschen gab, Daß er damit sich quäle.- Gekrümmtes wird durch Grübelei nicht grade Und Mangelndes wird nicht dadurch ersetzt — Und nun? Wer mehrt die Weisheit, mehrt den Schmerz So mehrt' ich Weisheit, mehr als alle Alten. Und wer Erkenntnis, mehrt des Herzens Kränkung." Mißtrauen gegen alles menschliche Wissen und Grübeln! ist also die in den drei Werken herrschende Seelenstimmung, und die Kehrseite davon ist, daß der in seinen dunkeln Empfindungen dahinlebende Mensch glücklich gepriesen wird. Dem unbefriedigten Denker gegenüber zeigt sich nämlich in all den drei Werken der selbstzufriedene Mensch, dem der Zwiespalt zwischen dem Grübeln und der Wirklichkeit nicht zum Bewußtsein gekommen ist. Der Grübler sieht jene glücklichen Menschen und kann an ihrer Freude nicht teilnehmen. So sagt Kohelet: „Der Weise hat das Auge vorn; der Thor Wandelt im Dunkel: Eins doch trifft sie beide." Und an anderer Stelle: „Die Weisheit hat den Vorzug vor der Thorheit, Wie vor dem Dunkel Vorzug hat das Licht." Darin liegt kein Widerspruch vielmehr ein bitterer Spott. Im Dunkel erscheint die Welt dem Menschen besser er erfährt nicht zuviel von ihr; der Thor ist dabei glücklich. Wie oft spricht es Kohelet aus, daß es eine Gottesgnade, wenn der Mensch essen, trinken und sich seiner Habe freuen, könne. Das scheint ihm für seine eigene Person unmöglich zu sein. Und Hamlet? Er steht nachts auf der Terrasse, und an sein Ohr tönt der Lärm des wüsten dänischen Trinkgelages. Die Flachköpfe, Rosenkranz und Güldenstern, sind glücklich bei jenem Mahle und die Kanonen, welche den Sieg des Claudius über seine Genossen empordonnern, sind Musik für ihr Ohr. Nnr Hamlet, der Gesinnungsgenosse des grübelnden Kohelet, hat dafür keinen Sinn. Er hat bloß tadelnde Worte für dies Treiben. „Bin ich auch heimisch hier, Dazu geboren, scheint mir's doch ein Brauch, Den mehr der Bruch als die Befolgung ehrt. Dies Toben bringt uns Schand' von Ost und West Und nimmt den Glanz hinweg von unfern Thaten." Er ist eben in Wittenberg zum Grübler geworden und da blickt er mit Verachtung auf die genießenden Dänen. Sollte dieser Zng in Faust fehlen? Wie weise hat Göthe dazu die Überlieferung benutzt, welche den Doktor mit Mephisto in Auerbachs Keller führt! „Ich muß Dich nun vor allen Dingen In lustige Gesellschaft bringen, Damit Du siehst, wie leicht sich's leben läßt, Dem Volke hier wird jeder Tag ein Fest." Da fehlt auch nicht das für unfern Zweck tiefbedeutende Wort: „Mit wenig Witz und viel Behagen. Dreht jeder sich im engen Zirkeltanz." Das heißt doch wohl, wenn sie viel Witz besäßen, wäre ihr Behagen an solchen Dingen geringer. Faust steht denn auch schweigsam und linkisch den Brander, Frosch und Genossen gegenüber, mit Mühe bringt er sein „Seid uns gegrüßt, ihr Herrn," heraus. Mephisto sagt: „Das Volk ist frei, seht an, wie wohl's ihm geht!" kann aber nur die trockenen Worte von ihm hören: „Ich hätte Lust,„nun abzufahren." In merkwürdiger Übereinstimmung stehen also Salomo, Hamlet und Faust Verständnis- und teilnahmlos den innigen Freuden flachköpfiger Menschen gegenüber und zwingen uns zum Ausruf: Die Thorheit und Kurzsichtigkeit ist ein Glück zu nennen, da sie dem Menschheit die Wirklichkeit verhüllen. (Fortsetzung folgt.)

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