Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 1892
- Issue
- 2 (2. Probennummer) (6.10.1892)
- Date
- 1892-10-06
- Page
- Seite 19 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 19. Nr. 2. -sh 3 t f rfj Infolge dieser Anregung waren am 9. Dezember 1883 im jüdischen Gemeindehause zu Berlin Mitglieder des Vorstandes und des Repräsentanten-Kolleginms der dortigen Gemeinde zu einer Beratung über „allgemein-jüdische Angelegenheiten" versammelt. Es wurde einstimmig beschlossen, die Abfassung einer Anzahl von knrzgefaßten Sätzen herbeizufichren, in denen die Hauptgrnndsätze der jüdischen Sittenlehre klar und faßlich ausgesprochen werden, um denselben die weitmöglichste Verbreitung zu verschaffen. Zur Abfassung dieser Sätze wurde eine Kommission von Männern eingesetzt, welche teils dem Gelehrten- und Lehrer- Stande. teils dem praktischen Leben angehörten. Diese Kommission hat nun zunächst allgemeine Gedanken über die Aufgabe und den etwaigen Umfang der abzufassenden Sätze sestgestellt und eine Snbkommissivn zur Herstellung eines Entwurfs derselben ernannt. In dieser Subkommission wurde alsdann der Stoff, welcher in den Sätzen ungefähr nach dem Umfange der Maimonidischen Glaubenssätze behandelt werden sollte, durchgesprochen. Ans mehreren Entwürfen sind schließlich die bekannten 15 Grundsätze endgültig hervorgegangen, die am 14. Dezember 1885, also nach zweijähriger, > sorgfältiger Arbeit, dem Vorstände der jüdischen Gemeinde > zn Berlin von der Kommission überreicht wurden. Der Ausschuß des Gemeindebnndes hat diese Sätze zunächst den deutschen Rabbinern und sonstigen Kennern des jüdischen Schrifttums unterbreitet, damit dieselben sie durch ihre Autorität beglaubigen und durch ihre Unterschrift bej stätigen, daß ihr Inhalt in der jüdischen Religivnslehre begründet sei. Und mit einer seltenen Einhelligkeit stimmten über 200 Männer von Autorität, welche den verschiedensten Parteirichtungen angehören, dem Manifeste zn. Außerdem hat letzteres auf eine Aufforderung der „Wiener Allianz" hin, die Billigung der Majorität der österreichischen Rabbiner gefunden. Endlich haben die Oberrabbbinate von Paris und London ihre volle Zustimmung knndgegeben. So war denn ein Manifest geschaffen, dessen Inhalt die Irrenden und Zweifelnden belehren, die Ankläger und Verleumder verstummen lassen mußte, da derselbe nunmehr zur allseitigen Anerkennung nötigte und die Grundlage darbieten konnte, ans welche alle Berichtigungen fußen konnten. Vor etwa drei Jahren erfolgte die Zusendung dieses Manifestes an alle Gemeinden des deutschen Reiches, und es ist außerdem, um eine Massenverbreitung namentlich in Rußland, Frankreich und England zu ermöglichen, eine authentische Übersetzung der „Grundsätze" bewirkt worden. Ja, um sie den Bekennen: des Judentums ans dem ganzen Erdenrunde zugänglich zu machen, welchem Volke und welcher Sprache sie auch angehören mögen, ist endlich eine Übertragung in die hebräische Sprache — das einzige Band, das alle Angehörigen unseres Stammes noch verbindet — veranlaßt worden. Hierdurch wurde zugleich ein Pendant zu den Maimonidischen 13 Glaubensartikeln, welche sämtlich mit den Worten: „Ani maamin“, d. h „ich glaube" beginnen! und Aufnahme in unser Gebetbuch gefunden haben, ge-! schaffen, das ebenfalls vermöge der ihm anhaftenden An- | torität Anspruch darauf erheben kann, unserem Gebetbnche , einverleibt zn werden! — Überdies wurde, um zn zeigen, daß die aufgestellten Sätze im religiösen Schrifttum des Judentums ihren Grund haben, seitens des Geheimrats Krifteller in Berlin, des verdienstvollen Förderers der Bestrebungen > des „D.-J. G.-B.", ein Buch der Öffentlichkeit übergeben, I das in fast erschöpfender Weise die Belegstellen ans Bibel j u r u n. xr und Talmud für die 15 Grundsätze der jüdischen Sittenlehre darbietet, wodurch jedem Zweifel an der Berechtigung zur Normierung derselben in der vorliegenden Fassung die Grundlage genommen ist. An eine Kundgebung, die, wie die vorliegende, von einer so großen Anzahl von Autoritäten beglaubigt worden ist, konnte man die beste Hoffnung auf Erfolg knüpfen, namentlich weil sie sich vor so mancher ihrer Vorgängerinnen nach verschiedenen Richtungen hin auf das vorteilhafteste unterscheidet. (Ein Schlnßartikel folgt.) Wissenschaft nnd Weratnr. Drei Rätselbücher der Menschheit. Von Dr. Ludwig A. Rvsenthal.*) Rätselbücher der Menschheit! Und gleich drei an der Zahl! Hat es nicht den Anschein, als ob ich damit die Neugierde meiner Hörer hätte spannen wollen? Das wäre, ich muß es gestehen, ein nicht sehr edles Mittel zum Zwecke gewesen. Hoffentlich wird es sich am Schlüsse meiner Worte Herausstellen, daß für die drei von mir zu berührenden Werke eine andere Bezeichnung nicl;t gefunden werden konnte. — Merkwürdig, daß die tiefsten Schriften, welche die Menschheit besitzt, in ihrem Grunde rätselhaft sind und sich mit ewigen Rätseln befassen. Wie Tnrandot ihren Bewerbern, so hält das Dasein dem Menschen stets Fragen entgegen; aber bei der chinesischen Prinzessin handelt es sich schlimmstenfalls um den wirklichen Kopf des Ungeschickten, während bei eingehenden Grübeleien über die ewigen Rätsel schon Tausende in anderer Beziehung ihren Kopf verloren haben. Welche Werke ich hier meinen kann? Nehmen wir die am meisten bewanderten Dichter der Neuzeit, nehmen wir ihre am höchsten gehaltenen Werke, und wir erhalten dann keine abgeklärten Bilder des Daseins, keine tadellos geglätteten sogenannten Musterstücke, sondern unberechenbare, in der Form regellose und dem Inhalte nach rätselhafte Dichtungen. Wer wird noch daran zweifeln, daß wir hier den Göthe'schen Faust und den Shakespeare'schen Hamlet zunächst im Auge haben? Was ist wohl das Packende in jenen alten Volksüberliefernngen des deutschen Faust und des dänischen Hamlet, deren Handlungen so überaus einfach sind? Die Grundlage des Faust, daß der Gelehrte, seines Wissens überdrüssig, mit dem Teufel einen Bund schließt, daß nach der kurzen Abschweifung in Auerbachs Keller und der Hexenküche die Liebe zn Margarethe in verhängnisvoller Weise vor uns sich abspielt, bis Faust die Geliebte aus dem Kerker retten will und dort nun die himmlische Rettungsstimme vernimmt, — dieser Stoff ist eben so wenig reichhaltig, wie die Erzählung von Hamlet. Der Geist seines Vaters fordert ihn auf, den eignen Tod an dem regierenden Könige Claudius zn rächen, aber Hamlet steht zögernd und unschlüssig da. Schließlich sendet ihn der König mit einem Uriasbriefe nach England, aber Hamlet entkommt, während seine beiden Reisegefährten auf seine Veranlassung die verhängnisvolle Reise nach England machen. Er selbst fällt schließlich in einem Duell gegen Laertes, und zwar als Opfer eines vergifteten Degens; auch der König sinkt, der Rachestimme wird Genüge *) Vertrag, gehalten in der Aula des Gymnasiums zn Rogasen.