Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Journal
- Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Volume
- 7 (1898)
- Issue
- 51 (23.12.1898)
- Date
- 1898-12-23
- Page
- Seite 822 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Seite 822. Allgemeine Israelitische Wochenschrift. Nr. 61 vielmehr hinzusügen, daß der Heiratsantrag von einem Menschen dieses Schlages recht schmeichelhaft ist." „Schmeichelhaft, der Antrag eines Juden!" sagte Frau Dupan hohnlächelnd. „Du hast den Kopf verloren, mein Sohn. Du hast dich von deinem Lewy umgarnen lassen und verlangst nun auch von uns, ihn für ein höheres Wesen zu halten. Er ist einfach ein schlauer Mensch, der sich deiner und unserer bedient, um sich Verbindungen zu schaffen. Er ermutigt dich in deinem Künstlerwahn, er beglückwünscht dich zu deinem Talent, und du Tölpel bist ganz stolz, einen Bewunderer zu haben, preisest überall seinen Geschmack und seine Fähigkeit und bemerkst nicht, daß du der Angeführte bist. Schon vor langem hat mir deine Tante die Augen geöffnet: wir sollen weniger naiv als du sein und den Manövern dieses Patrons ein Ziel setzen." „Abscheulich, derart einen jungen Menschen zu beschimpfen, den Sie kaum kennen. Ich erkenne sehr wohl die geheimen Kunstgriffe meiner verehrten Tante. Es genügt also augenscheinlich, daß diese barmherzige Seele eine Person, gleichviel wer es sei, verdammt, sobald sie dieselbe mit ihrem gehässigen Blicke betrachtet. Wie können Sie sich durch diese süßlichen Bosheiten, durch dieses dumme Geschwätz, das schon modrig riccht, durch diese beschränkten Ideen beeinflussen lassen? . „Erhitze dich nicht so sehr und vor allem, weiche nicht aus", entgegnete Herr Dupan, der sehr froh war, an seiner Frau eine Stütze gefunden zu haben. „Ziehen wir die Tante nicht mit in jene Geschichte. Nicht sie ist es, die mir meine Ansichten eingegeben hat: ich habe, weiß Gott, nicht nötig, mir mein Betragen vorschreiben zu lassen. Deine Mutter und ich, wir sind uns in derselben Ueberzeugung begegnet, ohne uns zu befragen. Lewy ist ein intelligenter Mensch, meinetwegen auch sehr intelligent. Wir haben ihn gern ausgenommen, weil wir nicht intolerant genug sind, dem Verdienste, wo es uns auch entgegentritt, unsere Achtung zu versagen. Aber es fehlt deinem Freunde wahrlich an Zurückhaltung. Sich einzubilden, mit Gewalt in die Familie eindringen zu können, weil er in einem Hause verkehrt, wo er wie Unseresgleichen behandelt wird, und weil er dem jungen Mädchen, das sich dort befindet, den Hof macht, das ist zuviel Anmaßung. So handelt nur ein gemeiner Charakter. Ein anderer würde sich bescheiden auf seinem Platze halten und sich dankbar für die Beachtung zeigen, die man ihm gewährt. Aber der Frechling macht zu große Ansprüche: sage mir, was du willst, das ist eben ein Zeichen seiner Rasse. Diese Leute sind bei jedem Vorkommnis voll Unverschämtheit. Sie sind immer bereit, ein großes Spiel zu wagen, und wenn es ihnen glückt, sieh da, so machen ihnen die Dummköpse ihr Kompliment." „Eine solche Sprache von Ihnen zu hören, Vater, das hätte ich nicht erwartet. Daß Mutter so denkt, nun, das finde ich erklärlich; sie ist ihren Grundsätzen treu geblieben, sie hat immer eine Art von Mißtrauen gegen Rene gehegt. Aber Sie, ein aufgeklärter Mann! Können Sie sich von einem solchem Argwohn beherrschen lassen? Sie geraten da in Widerspruch mit Ihren täglich zum Besten gegebenen Anschauungen. Sie hätten besser gethan, Ren6 Ihre Thür zu verschließen, als sie ihm halb zu öffnen mit dem Hintergedanken, daß Sie ihn mit dem Almosen Ihrer Gesellschaft beglücken!" Herr Dupan liebte es in der That, sich als Freigeist aufzuspielen; er wurde auch von vielen dafür gehalten. Unaufhörlich beteuerte er seinen Eklektizismus. Er nähme, so wiederholte er, die gesunden Gedanken, wo er sie finde, ohne sich über ihren Ursprung zu beunruhigen; er gehe mit seiner Zeit; man müsse die abgenützten Grenzen des alten Kastengeistes durchbrechen, alle seine Mitbürger als gleichgestellt betrachten; es fti Zeit, die Bevormundung der Kirche abzuschütteln und die Geister zu befreien; dennoch sei die Religion der beste Schutz für die Frauen und das Volk. Uebrigens gingen die Versicherungen Herrn Dupans keineswegs aus gefestigten Ueberzeugungen hervor. Sein Horizont war ziemlich beschränkt. Mit seinem Liberalismus war es nicht weit her. Er hielt an den spießbürgerlichen Ueberlteferungen fest, die ihm in seiner Kindheit eingeprägt worden waren, und wenn er sich in seiner Jugend seiner Mutter gegenüber eine gewisse Unabhängigkeit gewahrt hatte, so war er doch eben nicht böse, dieselben Gewohnheiten und dieselben Theorien, in denen er erzogen war, auch an seinem Herde, durch seine Frau eingesührt, Platz greifen zu sehen. Er war ein würdiger Repräsentant dessen, was man einen Mann comme il faut nennt, sechsundfünszig Jahre alt, schön gewachsen, mit gerader Haltung, den Kops zurückgeworfen, was seinen hohen Wuchs noch hervorhob. Sein Haupt war kahl, nur an den Seiten und am Htnterkopfe besaß er noch einige kaum ergraute Haarbüschel. Er liebte es, mit einer leichten Handbewegung darüber zu streichen, nur in der Absicht, einen mit einem Namenszug geschmückten goldenen Ring sehen zu lassen, den er von seinem Vater geerbt hatte. Bart und Schnurrbart waren von weißen Haaren durchzogen; ihre Grundfarbe war kastanienbraun. Den Backenbart trug er lang herabhängend, der dicke Schnurrbart war an den Spitzen nach auswärts gedreht. Die Gesichtszüge waren regelmäßig, sein biederer Händedruck war immer von einem Lächeln begleitet. Er leitete mit Eifer das ihm von seinem Vater hinterlassene Geschäft, hatte die Kundenzahl desselben beträchtlich vergrößert, und es war sein Traum, seinen Sohn, den er auf seinen eigenen Namen Heinrich getauft hatte, den auch sein Vater, sein Groß- und sein Urgroßvater, kurz, die ganze Linie der Dupans, getragen hatten, ihm darin folgen zu sehen. Unglücklicherweise hatte sich sein Sohn diesen Wünschen vollständig abgeneigt gezeigt: Heinrichs unabhängige Natur, sein dem Hergebrachten widerstrebender, großmütiger, der Begeisterung, doch auch fester Neigungen und wildem Hasse zugänglicher, zum Kampfe geneigter Charakter hatten sich den Vorstellungen der Eltern widersetzt und ihm einen gegen den Architektenberus unbesiegbaren Widerwillen eingeflößt. Die kaufmännische Seite dieses Berufs, die Streitigkeiten mit den Unternehmern und den Arbeitern, der Handel und die Spekulationen mit Grundstücken und Arbeitsmaterial, die Verhandlungen mit den Eigentümern, alles dies widerstrebte seinen künstlerischen Neigungen. Den Mahnungen und Warnungen seiner Eltern zum Trotz war er seinem Talente gefolgt, und Herr Dupan hatte nachgeben und ihn in die Akademie der Künste, in die Abteilung für Malerei eintreten lassen müssen.