Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Journal
- Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Volume
- 7 (1898)
- Issue
- 51 (23.12.1898)
- Date
- 1898-12-23
- Page
- Seite 823 (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Nr. 51. Allgemeine Israelitische Wochenschrift. Seite 823 ' Frau Dupan hatte sich nicht so leicht darein gefunden und erst dann ausgehört, ihn zu entmutigen, als er zweitausend Frank für ein Porträt erhalten hatte. Aber sie gab vor, ihn nicht ernst zu nehmen, und nährte insgeheim die Hoffnung, daß er früher oder später zum Berufe seines Vaters übertreten würde. Sie vermochte nicht den Gedanken zu fassen, daß das Haus den Namen ändern und, was noch schlimmer wäre, die pekuniäre Lage ihrer Kinder sich verschlechtern könnte. Ties durchdrungen von den Prinzipien, in denen sie befangen war, ordnete sie ihr Leben drei Hauptgrundsätzen unter: ihr Seelenheil zu sichern, einen guten Rus zu wahren und zu sparen. Herz und Hirn hatte sie wie in drei Abteilungen geteilt, denen sich alle ihre natürlichen Empfindungen anpaßten und nicht selten darin erstarrten. Von Natur war sie eine liebende, mildthätige Frau, aber die ansteckenden Beispiele im Schoße ihrer Familie und die methodischen Einflüsterungen der religiösen Erziehung hatten aus ihren Charakter einen großen Einfluß ausgeübt. Als Tochter eines in der Umgegend von Limoges wohnenden Gutsbesitzers bis zu ihrem neunzehnten Jahre im Kloster, dann bis zu ihrer Großjährigkeit bei den Ihrigen ausgewachsen und früh ihrer Mutter beraubt, hatte sie immer mehr die Gewohnheit angenommen, die Tragweite jebeV: Handlung vom Standpunkte des künftigen Lebens zu betrachten und ihr Benehmen nach dem, was die Leute sagen, zu richten. Unaufhörlich schwankte sie zwischen geistlichem und weltlichem Urteil und faßte keinen Entschluß, ohne vorher eine Art unsichtbarer Zeugen befragt zu haben, die ihr bald im Namen der christlichen, bald in dem der landläufigen Moral antworteten. Schmiegsam und gefühlvoll zugleich, wie sie war, hätte sie ihren halb durch klösterliche, halb durch kleinstädtische Erziehung eingeengten Horizont erweitern können, wenn sich ihr Gatte die Mühe genommen hätte, die unter der Anhäufung vertrockneter Blätter noch lebensfähige Pflanze geduldig wieder aufzurichten. Herr Dupan jedoch war von Beginn seiner Ehe an zu sehr beschäftigt und vor allem selbst zu unbeständig, um auf den Geist seiner Frau einen günstigen Einfluß auszuüben; so war sie der Herrschaft der Frau Leguy, ihrer älteren Schwester, verfallen, die sie schon seit dem Tode ihrer Mutter völlig beeinflußte und ihr die Vorschriften einer Erziehung ersten Ranges verkörperte. „Schickt sich das? Thut man dies nicht? Was würde die Oberin denken?" Das waren die Bemerkungen, mit denen sie die Jüngere schließlich immer zur Befolgung des Rates brachte, den sie ihr erteilte. Seit ihrer Witwenschaft hatte sich dieser Einfluß noch verstärkt. Zu ihrem großen Bedauern hatten sich Heinrich und Helene diesem Einfluß entzogen, vor allem Heinrich. Doch zürnte sie ihm nicht zu sehr, da sie in ihm gewisse Charakterzüge ihres Vaters, Herrn Vandiers, wiedererkannte. Sie und Frau Dupan konstatierten mit Stolz, daß der junge Mann „in ihre Familie schlage." Heinrich bot wirklich mit seinen unter gewölbten Brauen tiefliegenden, dunklen Augen, den schwarzen, nach aufwärts gekämmten Haaren, der geraden Stirn, den wohlgeformten sorgfältig rasierten Wangen, der regelmäßigen Nase und dem eigensinnigen Kinn, mit der untersetzten Figur, den breiten Schultern und den durch körperliche Uebungen kräftig entwickelten Muskeln ein Bild der Kraft und Energie, das mit der steifen Haltung und den ein wenig kraftlosen, fast gezwungenen Bewegungen seines Vaters kontrastierte. Herr Dupan war andererseits nicht unzufrieden, in seinem Sohne die, wenn auch viel feiner, viel zarter entwickelten künstlerischen Steigungen wiederzufinden, die sich ehemals, in der.8«** seiner Studien, vorübergehend in ihm offenbart hatten, und die durch drei Generationen von Architekten entwickelt worden waren. Heinrich und Rene waren in der Schule miteinander bekannt geworden. Sie hatten eine jener Schulsreundschasten geschlossen, bei welchen der Instinkt oft die dem Anscheine nach entgegengesetztesten Temperamente anzieht: nach der Meinung vieler die einzigen wahren Freundschaften, weil sie sich in einem Alter knüpfen, in dem sich das Kind giebt, wie es ist, ohne Ziererei und ohne Hintergedanken. Das tägliche Zusammensein der Kameraden, die Bemerkungen der Lehrer enthüllen in jedem Augenblicke den Grund der Charaktere; je größer die Wahl ist, desto weniger selten kann man intellektuell oder moralisch bedeutende Naturen sehen, die sich aus eigenem Antriebe mit denen vereinen, die sich ergänzen oder stärken können. So hatten sich Heinrich und Rene schnell in offener Sympathie genähert. Bis zur Beendigung ihrer Studien in derselben Abteilung, hatten sie sich allmählich so befreundet, daß sie ohne einander kein Vergnügen kannten. Heinrich war in die Sexta des Lyceums Charlemagne eingetreten, nachdem er zwei Jahre in einer katholischen Schule und zwei Jahre in der Pension Massillon gewesen war. Der kleine Lewy behauptete in säst allen Fächern den ersten Platz, nur in Mathematik, Zeichnen und Gymnastik stand er weniger gut. Gerade darin errang Dupan die einzigen Erfolge; launenhaft, wenig bestrebt, Auszeichnungen zu erlangen und gute Aufsätze zu liefern, interessierte er sich zuweilen für dieses Fach, zuweilen für jenes, und hing ohne weiteres, aus dem Bedürfnisse, etwas Besonderes zu sein, gerade den Aufgaben nach, die seine Kameraden am meisten vernachlässigten. Eines Tags, als er während des Unterrichts eine Figur in sein Heft zeichnete, drückte ihm Lewy, der neben ihm saß, seine Bewunderung in der naiven Kritik aus: „Das da ist sehr sein; giebst du es mir?" Der Angeredete fühlte sich in seiner Eigenliebe als Künstler geschmeichelt und riß das Blatt aus seinem Hefte. Bald darauf fühlte sich Lewy während eines Geschichtsaufsatzes am Ellbogen gestoßen: Dupan, der vollständig unvorbereitet bei der Arbeit saß, bat ihn um sein Heft. „Abschreiben ist verboten", antwortete dieser und setzte, gcmz rot, seine Arbeit fort. „Das ist ja recht freundschaftlich, ich soll dir noch einmal Zeichnungen geben!" — „Wir werden uns noch sprechen." Am Schluß der Stunde eilte er aus seinen Kameraden zu und erklärte ihm, daß er ihm die Arbeit nur ungern verweigert habe; doch habe der Professor schon oft erklärt, daß Abschreibenlassen ein Betrug sei; man füge dadurch den anderen Schülern ein Unrecht zu, und er würde sich um keinen Preis einer Unehrenhaftigkeit fähig zeigen; bei den gewöhnlichen Arbeiten wolle er ihm, wenn er es könne, aushelsen; zuletzt bat er, ihn deswegen nicht für einen schlechten Kerl zu halten. (Fortsetzung folgt.)