Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Journal
- Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Volume
- 7 (1898)
- Issue
- 51 (23.12.1898)
- Date
- 1898-12-23
- Page
- Seite 821 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/4794838-9609254-9609276--2063-9609289- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Nr. 51. Allgemeine Israelitische Wochenschrift. Seite 821. sie sich, Reinzu erwarten. Oder nein, sie würde ihm ein Telegramm schicken: „Guten Tag, mein Bräutigam"; „Helene Lewy" würde sie es unterzeichnen. Sie fühlte seine Kraft, seine Intelligenz, die Schärfe seines Verstandes. Ihr Blick durchschweifte das geräumige Zimmer und musterte die geringsten Gegenstände in demselben, gleichsam eine Art unbewußter Bitte an die Stickereien, an alle die Dinge richtend, die die Zeugen ihres entscheidenden Schrittes waren, die sie so gern zn ihren Verbündeten gemacht hätte: links im Hintergründe in der Ecke das mit drei kleinen Bronzen geschmückte Klavier; etwas weiter vorn das Sofa in alten Farben mit seinem Gegenstück an der anderen Seite des Kamins; auf dem Kamin die mustergiltig zusammengesetzte Garnitur der vergoldeten Pendule und der Kandelaber, die auf zwei Generationen zurückblickte, und die Frau Dupan den neuen Moden zum Trotz hartnäckig beibehielt. Dann der Glasschrank voller Porzellan, Kameen und Statuetten, vor allem die herrliche, vierzig Centimeter hohe Figur eines Läufers in Bronze; in Mitten des Zimmers der große Zierschrank mit seinen drei Reihen von Kunstgegenständen und Nippes; rechts die gestickten Fauteuils, der Spiegel und neben dem zweiten Fenster ein kleiner Tisch; an den Wänden Kupferstiche und Porträts, unter denen sich das Bild des Großvaters Dupan, des Erbauers des Hauses, befand, eine vortreffliche Arbeit, die von Kennern sehr gelobt wurde. Helene sah sogleich, daß Heinrich drei Viertel gegen das Fenster rechts gewandt, auf eine Stuhllehne gestützt, dastand; das war also ein Zeichen, daß sie sprechen konnte. Kühn ging sie auf ihren Vater zu, der an der Schmalseite des Tisches saß und gerade mit dem rechten Arm die Theekanne über die Taffe erhob. Frau Dupan saß aus dem Sofa, das zu Seiten des Klaviers stand, und rührte langsam mit ihrem Löffel. Herr Dupan hob den Kopf und sagte vergnügt: „Da ist ja die kleine Duckmäuserin. Es scheint, wir halten mit einer Liebelei hinterm Berge?" Helene lächelte. „Warum hast du uns das nicht gleich gesagt, anstatt uns jeden Augenblick zu erklären, daß du nicht heiraten wolltest?" „Weil wir noch nicht so weit waren. Wir sind es erst jetzt." „Ha, ha, wir!" wiederholte Herr Dupan, die Stimme und die Betonung seiner Tochter nachahmend. „Wenn wir es aber nicht wären, deine Mutter und ich?" „O, ihr werdet gut sein", entgegnete Helene lebhaft, „und noch mehr, wenn ihr wissen werdet, wer . . ." „Wer?" unterbrach sie Frau Dupan, die bei Heinrichs einleitenden Worten stumm dagesessen und nur gehört hatte. „Der, den ich gewählt habe", vollendete das junge Mädchen. „Nun, wer ist es? Spanne uns nicht auf die Folter!" „Der edelste, klügste, beste Mensch, der je ins Haus kam!" „Das heißt?" „Herr Reue." „Rene, wer ist Rere?" fragte Herr Dupan, während Frau Dupan die Brauen in die Höhe zog. „Rene Lewy", sagte Heinrich, der es nun für geraten fand, dazwischen zu treten. Darauf war ein heftiger Konflikt zwischen den Eltern und den beiden Kindern ausgebrochen. Ein Sturm der Entrüstung hatte sich bei Herrn und Frau Dupan erhoben, eine Empörung aller ihrer von Eltern und Ureltern hinterlassenen, von ihrer Umgebung befestigten Grundsätze. Herr Dupan begnügte sich, den Namen Lewy mit einer Geste auszusprechen, als wenn es ein Paradoxon zurückzuweisen gelte. Frau Dupan jedoch erhob sich und gab ihren Ansichten durch mancherlei Ausrufe Ausdruck: „Muß uns so etwas begegnen? Und hast Du glauben können, daß wir dies jemals zugeben werden? Solange ich lebe, wird es nicht geschehen! Was würde man von uns denken?" Und als die bestürzte Helene den Versuch machte,, wenigstens etwas wie eine Diskussion anzubahnen, ohne ihrem Vater eine andere Antwort, als „das ist ein Unsinn", abzunötigen. was er mit stets größerer Ueberzeugung noch einige Male wiederholte, hatte sie sich einen Vorteil davon versprochen, ihm ein in ihren Augen entscheidendes Argument vorzubringen: „Herr Lewy und ich, wir sind miteinander verlobt." „Um so schlimmer für euch", hatte er entgegnet. ,So wirst du dein Wort zurücknehmen müssen." Und um ihr zu zeigen, daß alle Bitten vergebens seien, hatte sich Herr Dupan an Heinrich gewandt und ihm harte Vorwürfe gemacht, daß er sich so leicht zum Mitschuldigen einer Kinderei oder einer Spekulation habe hergeben können. Als Helene diese unglücklicherweise so kurze Szene noch einmal durchdachte, empfand sie aufs neue den schmerzlichen.. Eindruck, den diese Aeußerung ihres Vaters auf sie gemacht hatte. Von dem ungerechten Verdachte, der sich sogleich bei ihm einsand, war sie wie betäubt. Sein erster Gedanke war, Reue einer gemeinen Gesinnung, einer niedrigen Berechnung zu beschuldigen. In seinem Grolle hatte er schonungslos der Feindseligkeit Ausdruck gegeben, ohne zu bedenken, daß der gegen den Abwesenden erhobene Verdacht direkt auf seine eigene Tochter zurückfalle. Ohne ferner zu hören, von einem Thränenstrom erstickt, hatte sich Helene aus dem Salon geflüchtet und in ihrem Zimmer schluchzend aufs Sopha geworfen. Gerade zu dieser Zeit war es, als der durch Herrn Lewys Worte betrübte Rene mechanisch vor das Haus der Dupans gelangt war, in demselben Augenblick, als ihr Vater sie zum Abendessen zu holen kam, um sich zu überzeugen, daß sie das Haus nicht verlassen habe. Viertes Kapitel. Ohne von Helenens Abwesenheit Notiz zu nehmen, hatten Herr und Frau Dupan ihren ganzen Zorn an ihrem Sohne ausgelassen. Dieser hielt dem Gewitter stand, einmal, um die Interessen seiner Schwester zu verteidigen, dann, in Feuer geratend, aus persönlicher Ueberzeugung und aus Eigenliebe. „Ich sehe wirklich nicht ein", hatte er auf die Bemerkung seines Vaters erwidert, „warum Sie die Worte Kinderei oder Spekulation gebrauchen. Reu6 verkehrt lauge genug bei uns, um Helene würdigen zu können. Meine Schwester ihrerseits ist seinen prächtigen Eigenschaften gegenüber nicht unempfindlich geblieben. Ihre Neigung ist ganz natürlich, und ich muß