Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Journal
- Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Volume
- 7 (1898)
- Issue
- 51 (23.12.1898)
- Date
- 1898-12-23
- Page
- Seite 816 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Seite 816. Allgemeine Israelitische Wochenschrift. Nr. 51. Die entgegengesetzte Geislesrichtung gewahren wir dagegen bei den Nachtretern des lheosophischen Gabirot. Nachmanides stellt eine förmlich detaillierte Dämonentehre aus, die mit einem scheinbaren philosophischen Gewände bekleidet ist. So wie in der sichtbaren Natur, sagt er, alles aus den vier Elementen zusammengesetzt ist, so gebe es in der unsichtbaren Natur Gebilde aus zwei Elementen,. Feuer und Wasser zusammengesetzt, deren Körper daher ganz ätherisch und den Sinnen nicht wahrnehmbar ist. Diese Köiper schweben, ihrer Leichtigkeit halber, durch Feuer und Lust. Alles aus Elementen zusammengesetzte löst sich aber wieder auf, und ebenfo sei es auch bei jenen ätherischen Gebilden. Ihre Auflösung ist ihr Tod. Daher geben die Alten sechs Merkmale von den Dämonen an: sie haben Flügel, schweben in den Lüften und wissen, was in der Zukunst geschehen wird wie bte Engel; dagegen nehmen sie Nahrung zu sich, pflanzen sich fort und sterben wie die Menschen (Pent. Commt. zu Lev. 1, 6). — Der Glaube an die wunderbare Macht, sich unsichtbar zu machen, an die Möglichkeit, die fernsten Räume zu überspringen, an Gersterbeschwörungeu, an die Chiromantie oder die angebliche Kunst, aus den Linien, die die Natur in die menschliche Hand gezeichnet, Neigungen, Fehler, Tugenden, sowie Zukunft zu bestimmen, besaß in arabrscher Zunge eine sehr ausgedehnte Literatur und ging von da auch zu jüdischen Denkern der Gabirol'schen Geistesrichtung über. Was Nachmanides über die Kunst der Chiromantie denkt, ersieht man aus seiner „Derascha" (pag. 28). Die Anhänger dieser Kunst waren zugleich Verehrer der damit verwandten Physiognomik. Jbn Esra findet zwischen diesen Künsten und der Astrologie einen inneren Zusammenhang. Denn was in der Welt im Großen die Stellungen und Gruppierungen der Gestirne sind, das seien die Linien und Gesichtszüge in dem Menschen, als dem Mikrokosmos. Nennen wir hier auch noch die Geomantie NOpN ncriT eine ebenfalls bei den Arabern geübte Kunst, aus zufällig in den Sand gemachten Punkten Figuren zusammenzusetzen und aus diesen nach gewissen Regeln die Zukunft vorherzusagen, die ebenfalls jüdische Verehrer gesunden hat. Jbn Esra soll in dieser Kunst große Fertigkeit besessen haben (Asulai, art. Jbn Esra). Auch Gersonides scheint dieser Kunst gewogen gewesen zu sein. Josef Aldo spricht ihr dagegen jede Bedeutung ab. Indessen ist es sehr merkwürdig, daß Gersonides, ein Artftoteliker ersten Ranges, wie es seit Maimonides keinen gab, sich dennoch zur Astrologie bekennt; ja selbst der Zauberei tritt er nicht entschieden entgegen. Sein Glaube an Träume könnte säst an die Ammenmärchen in den Kinderstuben erinnern. Vielleicht ist es dadurch zu erklären, daß Gersonides zu den Eklektikern gehört, die Maimonidische Reflexion mit Gabirolscher Theosophie untereinander mengen, so daß er infolgedessen trotz seiner Maimonidischen Prämissen manche abergläubische Theorien in sein System ausnahm. Wir schließen unsere Betrachtung mit der Nennung eines sehr bedeutenden Namens. Manasse ben Israel, der in fünf Sprachen mit Gewandtheit schrieb, Philosoph, Redner und Dichter, hat^r'.u Aberglauben ln dt'ffen verschiedenartigsten Auszweignngen durch seine Schrift „Nischmat Chajtm" ein unvergängliches Denkmal zu setzen versucht. In diesem Buche, das sich die Aufgabe gestellt, die höchsten Probleme der Philosophie zu lösen, wird zugleich mit allen Waffen, die dem Verfasser eine große Belesenheit und natürlicher Scharfsinn in die Hand gaben, für den Glauben an die Seelenwanderung gekämpft. Ebenso werden für den Glauben an Gespenster, an Dämonen und zur Irrfahrt durch die Welt verdammte Geister die verschiedenartigsten angeblichen Belege gesucht. Daß man mittelst kabbalisttscher Gottesnamen wundertätig zu wirken imstande sei, steht ihm über jeden Zweifel. Der Gott, der Kräuter und Wurzeln mit geheimer Heilkraft begabt hat, könne .auch gewisse geschriebene Worte heilkräftig und wunderthätig machen. Man sieht hier deutlich, wie weit der menschliche Geist sich verirren kann, wenn er, statt der nüchternen Refl xwnstheorie, der träumenden Phantasie in ihrem ungebundensten Fluge die Oberherrschaft verleiht. Die Mischen Mischen Lehrerinnen in Serlin. Die Angelegenheit der städtischen jüdischen Lehrerinnen in Berlin, die allen Zusicherungen und demnach aller Wahrscheinlichkeit gemäß an entscheidender Stelle eine zum mindesten erträgliche Erledigung finden wird, ist zur Zeit der Gegenstand lebhaftester Erörterungen in Brochüren, Vereinen u. s. w. Bedauerlicherweise muß gesagt werden, daß es an einer objektiven Darlegung und Beurteilung der thatsächlichen Verhältnisse noch immer fehlt, daß vielfach der aktuellen Rechtslage Wünsche untergestellt werden, die bei aller Legitimität doch eben nur Wünsche sind, daß man theoretische Rechtsanschauungen mit der geltenden Rechtspraxis verwechselt, und daß man fortgesetzt blind ist gegenüber den schier unverantwortlichen Fehlern, die von der Berliner städtischen Schuldeputation früher begangen und jetzt noch nicht gut gemacht worden sind. Wo man aber zu einem Tadel des Magistrats sich aufschwingt, da geschieht es, um ihm zum Vorwurf zu machen, daß er gethan, was er unbedingt thun mußte. Es ist eine Albernheit, die man eigentlich nur in Bezirksvereinen für möglich halten sollte, dem Berliner Magistrat zuzumuten, daß er der Aussichtsinstanz den Gehorsam kündige, weil die Weisungen dieser Instanz angeblich gegen Gesetz und Verfassung verstoßen. Solche tönende Redensart verdient, wenn sie in ernsten Kreisen vorgebracht wird, die ernsteste Zurückweisung. Vergleichsweise am treffendsten ist noch die Erörterung der Frage in der Brochüre: „Die Maßregelung jüdischer Lehrerinnen an den Berliner Gemeindeschulen" (Verlag von Siegfried Cronbach in Berlin). Diese Brochüre bringt den Wortlaut der sehr beachtenswerten Rede, die der Stadtverordnete Dr. Preuß am 1. d. M. in der Stadtverordnetensitzung gehalten hat, und orientierende Vorbemerkungen, die sich dadurch auszeichnen, daß sie keine positiv falschen Angaben enthalten. Das ist mehr, als sonst irgend eine Darlegung bietet. In vergangener Woche veranstaltete der „Fortschrittliche Verein Waldcck" eine Protestversammlung gegen die in Rede stehende Maßregelung der jüdischen Gemeindelehrerinnen. Wir entnehmen den Tageszeitungen folgenden Bericht über diese Versammlung: