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Allgemeine Israelitische Wochenschrift · 1898-12-23 · 51 (23.12.1898) · p. Seite 815

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Journal
Allgemeine Israelitische Wochenschrift
Volume
7 (1898)
Issue
51 (23.12.1898)
Date
1898-12-23
Page
Seite 815 (sequence 7)
Language
German
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Nr 51. Allgemeine Israelitische Wochenschrift. Seite 815. Diese zwei Hauptrichtungen repräsentieren vor allem Plato und Aristoteles. Jener, der Schöpfer der Jdeenlehre, dem die ganze Welt der Erscheinungen nur ein Abdruck oder eine Abschattung der „Ideen" war, hat der Phantasie die unbestrittenste Macht eingeräumt, so daß an eine Scheidung des Mystischen von dem rein Philosophischen bei Plato gar nicht zu denken ist. Und man kann nicht bemessen, wie fruchtbar und weit verzweigt der schattige Baum des Aberglaubens auf dem Boden eines solchen Systems emporwuchs! Die wahre Wissenschaft fließt ihm nur aus der von aller sinnlichen Störung abgewandten durchaus innerlichen Thätigkeit der Seele, daher als der wahre Zustand des Philosophen das Sterbenwollen geschildert wird, das Verlangen, dem Körper zu entfliehen und reiner Geist zu werden. (Phädon). Ein Dualismus von Prinzipien durchzieht das ganze Sein: „Das Selbige" und „das Andere"; jenes, das ewig gute und göttliche, dieses das feindliche und widergöttliche Prinzip, sodaß der letzte Grund des Bösen in der „Natur des Andern" gesucht wird. Daran reiht sich die Lehre von den Dämonen. Es sind dies aus Aether gebildete Tiere, sie sind unsichtbar, haben großen Verstand, sind aber von sinnlichem Schmerz und Vergnügen nicht frei. Sie sind die Erhalter der Staaten, die Schutzgeister einzelner Menschen; die Mittler zwischen diesen und der obersten Gottheit (Symposion). Und wer kennt nicht den platonischen Mythus von dem Totenreiche, von den Wanderungen der Seelen durch verschiedene tierische und menschliche Gestalten und ihren schattenartigen Erscheinungen an den Gräbern! Wie der Sturm, der die Wolken, die die Sonne verschleiern, auseinander treibt, so fegte der Gründer der peripatetischen Schule alle diese Träumereien auseinander. Aristoteles, der erste Begründer einer Naturwissenschaft, der Vater der Logik, der Naturgeschichte und der empirischen Psychologie, hat die Einbildungskraft nicht einmal unter die Zahl der Seelenkräfte ausgenommen. — Bei ihm ist die Reflexion die unbeschränkte Gebieterin. Dieser nüchternen Reflexionstheorie gegenüber konnten die Schwärmereien des Mystizismus keinen Stand halten. Ja, selbst als die peripatetische Philosophie zur Scholastik hinabsank, stand sie noch immer dem Aberglauben als ein mächtiger Damm gegenüber, und dies eben darum, weil auch die Scholastik nicht die Phantasie, sondern den „Verstand" als ihr höchstes Prinzip erklärte. Und dadurch kennzeichnete sich der Scholastizismus als entschiedener Gegensatz zum Neuplatonismus, der behauptete, nicht durch objektives Erkennen, nicht durch das Medium nüchterner Reflexion, sondern mittels der Extase, durch eine mystische Steigerung des Objektes — also durch die Phantasie in ihrem ungebundenen Fluge — gelange man zur höchsten Stufe der Wahrheit. — Und werfen wir einen Blick aus die Lehrhallen des jüdischen Mittelalters, so treten uns auch hier diese zwei Richtungen entgegen; eine, die die nüchterne Reflexion auf ihre Fahne schrieb und als deren vorzüglichster Repräsentant uns der gedankenmächtige Maimonides erscheint, die andere, die den theosophischen Philosophemen der Neuplatoniker und mithin einer sogenannten Phantasiephilosophie folgte, und als deren bedeutendsten Vertreter wir den jüdischen Dichterfürsten Gabirol erkennen. Und in der Thal, den vollen Gegensatz zwischen der Maimonidischen und der Gabirolschen Philosophie kennzeichnet schon die wesentlich verschiedene Theorie dieser beiden über das Wesen der Einbildungskraft. Maimonides erklärt sie für eine rein sinnliche Kraft. (Acht Abschnitte C. 1.). Selbst die höher entwickelten Tiere besitzen sie und haben daher die Fähigkeit zu träumen (More. I, 73). Ja, der böse Trieb im Menschen und die Phantasie sind fast identische Kräfte (More II, 12). Ganz anders Gabirol. Die Phantasie ist ihm eine hohe psychische Kraft. Die Imagination, die alle Sinnlichkeit hinter sich lassend, zur Anschauung der höchsten geistigen Formen sich erhebt, ist die edelste Eigentümlichkeit der denkenden Seele. Und ebenso wird auch dem Traume eine hohe geistige Bedeutung betgelegt. „Die Seele empfängt von dem Weltverstand die intelligible Form in dem psychischen, das ist, imaginellen Traum." Gabirol hatte eine Schule gegründet, die berühmte Nachfolger zählt. Wir nennen hier nur Jbn Esra, Nachmanides, Abrabanel, Manasse ben Israel, ebenso wie die ganze Jüngerschaft der Kabbala; hier wird dem gelehrten Aberglauben in den verschiedensten Formen (der Astrologie, der Dämonologie, der Seelenwanderung, den geheimen Kräften der Zahlen und Buchstaben) gehuldigt, während dagegen die maimonidische Schule dem gelehrten Aberglauben in seinen mannigfachsten Erscheinungen aus das Entschiedenste entgegentritt. Charakteristisch für die ganze maimonidische Richtung ist das ausführliche Schreiben, das Maimonides an die Gemeinde zu Marseille ergehen ließ, als sich diese mit einer Anfrage über den Wert der Astrologie an ihn gewendet hatte. In diesem Schreiben führt er aus, daß es nur drei Arten von Wahrheiten gebe: solche, von denen sich der Sinneseindruck Ueberzeugung verschafft, solche, die die Wissenschaft durch logische Gründe feststellt und endlich solche, die durch Offenbarung bestätigt worden. Wer darüber hinaus etwas für wahr hält, von dem gelte der Schristvers: „Der Thor glaubt jedes Wort". Ebenso tritt er dem damals noch allgemein verbreiteten Glauben an Dämonen eifrig entgegen. Darum sucht er auch die bösen Geister des Talmud überall im bildlichen Sinne zu deuten. Sie galten ihm als Bezeichnungen für äußere Bedrängnisse, Gemütskrankheiten oder körperliche Leiden. Die Dämonen, die (nach Talm. Erubin 13 b) Adam in den ersten 130 Jahren seines Lebens gezeugt haben soll, bedeuten ihm Menschen, die die Ebenbildlichkeit Gottes in sich nicht entwickelt, daher mit dem Tiere auf einer Stufe stehen, jedoch infolge ihrer geistigen Fähigkeiten noch gefährlicher und unheilvoller als das reißende Tier sind (More 1, 7). Ebenso sind die meisten Nachfolger der maimonidischen Schule in der Bekämpfung des Aberglaubens ihrem Meister treulich nachgefolgt. So z. B. rechnet der Dichter Jedaja Penini in seiner Verteidigungsschrift der Philosophie es dieser als eines ihrer größten Verdienste an, die flüstern Nebel des gelehrten Aberglaubens zerstreut zu haben. Und Josef Albo thut den Ausspruch: „Unsere Lehre zwingt Niemanden, Trügerisches zu glauben, und Dinge, die den unerschütterlichen Grundsätzen der VeruMj^MherspröchM^ .ffür wahr anzunehmen." " / /

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