Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Journal
- Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Volume
- 7 (1898)
- Issue
- 51 (23.12.1898)
- Date
- 1898-12-23
- Page
- Seite 814 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 814. Allgemeine Israelitische Wochenschrift. Nr. 51. ihres Staatswesens überdauerten. Es mag daraus geschlossen werden, daß die Juden, die an sich selbst erfahren haben, das Band des Staates sei nicht unlöslich und es gebe einen festeren als den staatlichen Kitt, auf die Wiederherstellung des vergänglicheren Bandes verzichten und an dem Besitze des widerstandsfähigeren sich genügen lassen sollten. Doch dieser Einwand ist nicht unbedingt stichhaltig, da man entgegenhalten könnte, das festere Band werde dadurch nicht beseitigt und nicht einmal gelockert, daß man ein anderes hinzufügt, das schon einmal tausend Jahre lang gehalten hat. Man braucht dabei nicht den Fehler zu begehen, daß man an eine einfache Wiederholung dessen denkt, was vor Zeiten dagewesen ist. Dergleichen schematische Wiederholungen kommen in der Geschichte nicht vor. Das Gebilde, das, ich sage nicht: im Werke, sondern: im Plane ist, kann und muß durchaus eigenartig sein, den veränderten Zeitverhältnissen angepaßt. Das ist schon deshalb notwendig, damit nicht die traurigen Erfahrungen sich erneuern, die mit den Versuchen eines Bar- Kochba, Sabbatai Zebi und der Frankisten verknüpft waren. Wird vorgehalten, daß die Verheißung der Wiederkehr der Juden nach Palästina als ein Werk Gottes sich darstelle, so können die Führer der zionistischen Bewegung immerhin sagen, daß sie als die Werkzeuge Gottes sich ansehen. Allerdings muß es dann ihnen überlassen werden, sich die Beglaubigung zu schaffen, die darin besteht, daß sie bei den Beteiligten Allen Glauben finden. Meines Erachtens kann nicht daran gedacht werden, daß die Juden alle nach Palästina gehen. Eine jüdische Diaspora wird unter allen Umständen bestehen bleiben. Ob die zionistische Bewegung Dauer und irgend welchen ihren ausgesprochenen Zielen gemäßen Erfolg haben wird, lasse ich durchaus dahingestellt. Ich spreche nur als Beobachter eines interessanten Vorganges, voll aufmerksamer Teilnahme, aber frei von jeder Verantwortung. Ich habe übrigens gehört, daß die Zionisten dem Kaiser eine Petition überreicht haben; doch bin ich über den Inhalt dieser Petition in Unkenntnis." Unsere Leser, nehmen wir an, werden, auch wenn sie die hier vorgetragenen Anschauungen ni.l.t teilen, gern gehört haben, wie man in staatsmännischen Kreisen, die den Juden wohlwollend gesinnt sind, über den Zionismus denkt. Die rmei verschiedenen Geistesrichtungrn bei den jüdischen Ncligionsphilosophrn des Mitteinltrrs in ihrerKeziehnng zum „gelehrten Aberglauben". Von Rabbiner Dr. B. Seligkowitz-Cöthen. Man ist im allgemeinen Drüber einig, daß der Ursprung des Aberglaubens der großen Menge/Ätzh.en dem Hange zum Wunderbaren, in der Unkenntnis der natürlichen Ursachen zu suchen sei. Unbekannt mit dem kausalen Zusammenhang der Dinge und doch getrieben von dem der Seele innewohnenden Bedürfnis, diesem Zusammenhang nachzusorschen, verfällt der Naturmensch aus die sonderbarsten Ursachen der Erscheinungen und nimmt da, wo ihm in seiner Unwissenheit der Schlüssel zu den natürlichen Ursachen fehlt, zu übernatürlichen die Zuflucht. Der Aberglauben hat daher auch keinen siegreicheren Bekämpser als die Naturwissenschaft, vorderen alles beleuchtenden Strahlen die feuchten Nebel des Aberglaubens sich nicht halten können. Doch wir haben es hier nicht mit dem Aberglauben der großen Menge zu thun, sondern möchten in den Schulen der Gelehrten den mit philosophischem Gewände bekleideten Aberglauben aussuchen. Denn die Geschichte aller Jahrhunderte zeigt uns, daß es auch einen „gelehrten Aberglauben" giebt, der sich auf gewissen philosophisch scheinenden Prämissen aufbaut, so daß er als eine Frucht der Forschung und der Wissenschaft, nicht als eine Ausgeburt des Irrwahns erscheint. Wer weiß es nicht, daß für den „Stein der Weisen" selbst ein Bacon mit philosophischen Argumenten eingestanden, oder daß noch unter Kaiser Sigismund die Existenz von Wehrwölfen mittels wissenschaftlich sein sollender Beweisgründe konstatiert worden war! Ja, oft hat der schlichte, einfache Menschenverstand einen viel ungetrübteren und unbefangeneren Blick als gerade der von allerhand philosophischen Vordersätzen voreingenommene Kops. Um von vielen Beispielen nur eins hervorzuheben, stellen wir hier zwei berühmte Männer aus dem jüdischen Mittelalter einander gegenüber: „Raschi" und „Jbn Esra". Dieser ein durch und durch philosophisch gebildeter, sogar kritisch scharfblickender Kopf, jener, ein aller philosophischen Schulbildung ganz fern stehender Mann. Und dock wird man finden, daß der philosophierende Jbn Esra in den sein Jahrhundert beherrschenden abergläubischen Anschauungen oft befangener sich zeigt, als der einfache gesunde Sinn Raschis. Während beispielsweise letzterer die „neue Seele" die nach einem talmudischen Ausspruch mit jedem Sabbatansang einkehrt, ganz einfach aus die erhöhte Stimmung und Weihe bezieht, (Beza 16 a), erkennt jener darin, von seinen astrologischen Vordersätzen ausgehend," eine wirkliche neue Seele, die in den Menschen einzieht. (Pent. comment. 1. M. 2, 3). Wir können im allgemeinen' sagen, daß immer in den philosophischen Schulen, die die Lücken in den metaphysischen Spekulationen mit Hülse der Phantasie auszusüllen bemüht waren und so statt der nüchternen Reflexion die unklare Einbildungskraft walten ließen, der philosophische Aberglaube, der Mystizismus zum Vorschein gekommen ist. Und wer einen betrachtenden Blick aus die Geschichte der Philosophie wirst, der findet, daß seitdem die Menschen spekulativ zu denken angesangen, der tiefe Strom der Philosophie sich immer in zwei solche divergierende Hauptarme geteilt hat, von denen der eine in die Nebelgebilde der Phantasie einmündete und dort traumhafte Blumen zum Wachstum beförderte, der andere in die heitere, sonnige Region der Reflexion sich ergoß und den grünenden Baum des Lebens zu fruchtreifer Blüte brachte.