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Allgemeine Israelitische Wochenschrift · 1898-12-23 · 51 (23.12.1898) · p. Seite 813

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Journal
Allgemeine Israelitische Wochenschrift
Volume
7 (1898)
Issue
51 (23.12.1898)
Date
1898-12-23
Page
Seite 813 (sequence 5)
Language
German
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Nr. 61. Allgemeine Israelitische Wochenschrift. Seite 813. gierung sich nicht entschließt, das antisemitische Raub- und Mordgesindel nach Verdienst zu behandeln. * * * (Noch nicht.) Aus Wien ist das Gerücht verbreitet worden, daß Herr Lueger vom Bürgermeisterposten zurücktreten wolle, weil sein Verhalten im Gemeinderat von dem Statthalter von Niederösterreich, Grafen Kielmannsegge, nicht gebilligt werde. Die Meldung ist falsch. Man ist aus beiden Seiten nicht so empfindlich, und Herr Lueger ist noch nicht reif, noch nicht. * 4 (Die Affäre Dreyfus.) Es unterliegt nicht dem leisesten Zweifel mehr, daß der ehemalige Hauptmann Dreyfus zu Unrecht des Landesverrats beschuldigt worden, daß man ihn auf die Aussage von Fälschern, Verrätern und Dieben verurteilt hat. Die Helfershelfer dieser Fälscher, Verräter, Diebe waren die Bornierten, die sich in plumpster Weise betrügen ließen und nach dem Stande ihrer Intelligenz bereit gewesen wären, eine ihnen angebotene Sprosse der Leiter, von der Erzvater Jakob geträumt, um hohen Preis anzukaufen. Die Beweise dieser grenzenlosen Dummheit der Männer, denen die Leitung der französischen Armee anvertraut gewesen, bildet das „geheime" Aktenstück, dessen Bekanntwerden in der That für Frankreich eine unausgleichliche Blamage bedeuten würde. „Geheim" muß dieses Aktenstück bleiben, unbedingt „geheim", und selbst der Kassationshof darf nur für sich darin Einblick nehmen, ohne den Inhalt anderen, etwa den Anwälten des Dreyfus, mitzuteilen. Die Folge ist, daß Dreyfus wohl sreigesprochen werden, daß man aber die Fälschergenoffen nicht hindern kann, zu sagen, das erste Urteil sei doch gerecht gewesen. Dieser neueste spitzbübische Schachzug der Herren Dupuy und Freycinet nimmt uns nicht Wunder. Von den Männern, die den Räubern und Mördern in Algier Amnestie gewährten und sie Zola verweigerten, war nichts anderes zu erwarten. Es ist eben mit Frankreich zu Ende; es erstirbt unrettbar in dem Sumpfe des Antisemitismus. * 4 (Jüdische Offiziere in Rußland.) In Petersburg ist das Gerücht verbreitet, daß in kurzer Zeit ein Erlaß erscheinen werde, wonach in allen Militär- und Kriegsschulen auch Schüler jüdischen Glaubens Aufnahme finden können, und zwar bis 3 pCt. der Schülerzahl der betreffenden Anstalt. — Es fehlt nicht viel, und Rußland marschiert an der Spitze der Zivilisation. Nn imitfiliiT Zklllltsniilim über den Zionismus. Ein deutscher Staatsmann, der mit dem Kaiser Wilhelm II. die Reise nach Palästina gemacht und dort mit dem lebhaftesten Interesse von den Verhältnissen Kenntnis genommen hat, soweit diese sich einem immerhin flüchtigen Besucher offenbaren, hatte dieser Tage mit einem Freunde unseres Blattes eine Unterredung. Der Inhalt dieser Unterredung ist, soweit sie uns Juden vornehmlich angeht, im Folgenden möglichst wortgetreu — unter Ausschaltung der Zwischenbemerkungen — wiedergegeben: „Wer Palästina ein Mal gesehen, wird einen unverwischlichen Eindruck davon dauernd bewahren. Religiöse und historische Erinnerungen sind hier, wie sonst an keinem Ort der Erde, zusammengedrängt. Ueber den guten Zustand der deutschen Kolonien haben wir helle Freude gehabt. Die Vorzüge, die diese auszeichnen, haben wir auch bei den jüdischen Kolonien gefunden, in denen fleißige Arbeit steckt, gleichviel ob zur Begründung Rothschildsches Kapital geholfen hat oder nicht. Auch in Jerusalem selbst trat der vorteilhafte Unterschied der von Juden bewohnten Viertel gegenüber den Araber-Vierteln genau so deutlich zu Tage wie der Unterschied zwischen den deutschen Dörfern und den Araberdörfern. Vom Zionismus ist in Palästina und aus dem Wege dahin viel die Rede gewesen. Bei den Norddeutschen habe ich für ihn nur geringe Teilnahme, bei den Süddeutschen lebhaftes Verständnis und stellenweise geradezu Begeisterung gesunden. Für diese ausfallende Erscheinung weiß ich keine Erklärung. Ich muß sagen, daß ich es recht begreife, wenn die Juden nach dem Wiedergewinn des heiligen Landes sich sehnen, das ihnen das Land der Verheißung ist und mit dem sie durch unvergeßliche heilige Erinnerungen verknüpft sind. Von der Lebendigkeit und Innigkeit dieser Erinnerungen erhält man Beweise, sobald man einmal Zeuge der Szenen an der „Klagemauer" gewesen. Ist auch viel mechanisches Wesen dabei, so bleibt doch genug Innerliches über, das echt und ergreifend und für die Beteiligten erhebend ist. Sprache — wenigstens im Gebet —, Glaube — trotz mancher Spaltungen — und Abstammung bilden ein einheitliches Band, das die Judenheit vereint, und so kann ich es verstehen, wenn in den Juden der Wunsch lebendig wird, auch eine staatliche Existenz wieder zu erlangen. Zeigt sich doch heutzutage selbst bei Nationalitäten-Splittern dos Streben nach staatlicher Umgrenzung. Freilich muß zugestanden werden, daß die Lage der Juden insofern eine absonderliche ist, als sie, ungleich jenen Nationen und Nationalitäten- Splittern, von dem Boden, der einmal ihre Heimat gewesen, seit fast zweitausend Jahren losgelöst sind, daß sie nicht einen heimatlichen Boden zu verteidigen, sondern nach einer, jede stärkste Tradition durchbrechenden Trennung neu zu gewinnen haben. Auch ist nicht zu verkennen, daß, abgesehen von der tiefen Bedeutsamkeit des eben hervorgehobenen Unterschiedes, in der Geschichte der Judenheit der jüdische Staat nur eine Episode gebildet hat. Man muß auch auf den Einwand gefaßt sein, daß die Juden'Zeugen^ gewesen sind von dem Untergang auch der größten und scheinbar sestest^begründeten Staaten, daß sie gesehen haben, wieLlle Völker mit ihren Staaten zugleich oder unmitt-KZx-Ai^chv^n dcrBtldfläche der Geschichte verschwanden, wägend einzig die Juden selbst das Anshören /

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