Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Journal
- Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Volume
- 7 (1898)
- Issue
- 51 (23.12.1898)
- Date
- 1898-12-23
- Page
- Seite 812 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Seite 812. Allgemeine Israelitische Wochenschrift. Nr. 51. aufzustellen, das Schächten auf eine bestimmte Anzahl Vieh zu beschränken. Es habe sich aber als zweckmäßig ergeben, die Frage einstweilen nicht weiter zu verfolgen. Das zu schächtende und vor dem Schächten niedexzuwersende Vieh solle nach bestimmten Anordnungen behandelt werden, um mögliche Tierquälereien zu verhindern. Die Versammlung erklärte sich damit einverstanden, daß diese Maßregeln alsbald getroffen werden. — „Einstweilen" ist somit von dem Versuche Abstand genommen, in Aachen auf einem Umwege das Schächtverbot einzuführen. Die jüdische Gemeinde in Aachen wird dafür zu sorgen wissen, daß auch wiederholte Versuche eines Eingriffs in die freie Befolgung religiöser Satzungen vergeblich bleiben. -i- -i- -i- (Das ist ganz was anders!) Die „Kreuzzeitung" läßt sich aus Petersburg folgendes berichten: „Die Klagen gewisser Bevölkerungsgruppen und dementsprechend auch einer Anzahl Zeitungen, daß die einheimischen Russen von den „Fremden" in ihrem Erwerbe geschädigt und zurückgedrängt werden, sind nicht neu. Auffallend aber ist es, daß dieselben Beschwerden jetzt auch aus dem neu erworbenen chinesischen Gebiete, aus Port Arthur und Talienwan ertönen. Dort sollen, wenn die Berichte gewisser Blätter die Wahrheit melden, Engländer, Deutsche und zum Teil auch Juden, sich in größerer Zahl niedergelassen und den Handel hauptsächlich in ihre Hand genommen haben, was die Russen natürlich sehr unangenehm empfinden. An und für sich haben solche Klagen nicht viel zu bedeuten, solange sie nur in den Spalten der Zeitungen bleiben. Aber in der Regel ist damit die Aufforderung an die Regierung verbunden, besondere Maßregeln gegen die „Fremden", zum Schutze der Russen zu ergreifen. Und die Negierung erfüllt diese Wünsche häufig genug." Das klingt keineswegs wie eine Zustimmung zu dem in Rußland üblichen Verhalten gegen Fremde; im Gegenteil kann man daraus eine Mißbilligung des Verfahrens hören, sowohl in Betreff derer, die „besondere Maßregeln gegen die Fremden zum Schutze der Russen" verlangen, wie in Betreff der russischen Regierung, die diese Wünsche „häufig genug erfüllt". Wie aber steht es in Deutschland? Hier werden die „Fremden" — auch wo politische Gründe gar nicht in Frage kommen — schlankweg ausgewiesen, und die „Kreuzzeitung" weiß daran nichts auszusetzen. Wie war die Antwort Junker Alexanders? Ja, Bauer, das ist ganz was anders! * * * (Kleine Scherze). Wir haben in der vorigen Nummer dieses Blattes mitgeteilt, daß aus der Tagesordnung der zum 2. Januar nach Tilsit einberufenen Konferenz der jüdischen Religionslehrer Ostpreußens ein Vortrag des Herrn Rabbiner Dr. Munk-Königsberg über die Frage steht: „Ist es zweckmäßig, die Aufmerksamkeit der Schuljugend auf die gegen den Glauben, besonders den jüdischen Glauben gerichteten Angriffe zu lenken?" Die „Kreuzzeitung" bemerkt hierzu: „Da Angriffe gegen den jüdischen Glauben von keiner Seite her gerichtet worden sind, auch nicht von antisemitischen Kreisen aus, welche die Juden lediglich als Rasse bekämpfen, und selbst nicht von den Sozialdemokraten, so erscheint die Frage, die der Königsberger Rabbiner auszuwerfen für zweckmäßig findet, nicht berechtigt. Allem Anschein nach E man nur auf eine Stärkung des jüdischen RaLionalgefühls schon bei der. Jugend hinwirken." Angesichts des jüngsten Antrages im deutschen Reichstage gegen das Schächten gehört eine selbst bei Antisemiten ungewöhnliche Wahrheitsscheu zu der Behauptung, daß „Angriffe gegen den jüdischen Glauben von keiner Seite her gerichtet worden sind". Doch von dem Bekenntnis der „Kreuzzeitung", die mitsamt der konservativen Partei von den Brosamen Stahl - Schlesingers lebt, zum Rassenantisemitismus soll gebührend Notiz genommen werden. Herr Kropatschek, der Nachfolger des Freiherrn von Hammerstein, fühlt sich wahrscheinlich schon durch seinen tschechischen Namen als Urteutone und Raffengermane. Was aber wird sein Freund Stöcker zu der Abwendung von der Judenmission sagen? Was wird man dazu an der Stelle sagen, die, unwidersprochenen Gerüchten zufolge, das ganze Maß ihres Interesses an jüdischen Dingen nicht über Judentaufen hinaus auszudehnenvermag? — JmUebrigen wollen wir es Niemandem wehren, unser religiöses Gefühl Stammesgesühl zu nennen. Das sind billige Scherze, zu denen nichts als Unwissenheit gehört. (Algerische Zustände.) Ein Staatsstreich in Algier! so heißt es in der antisemitischen Presse. Ein Staatsstreich ist es nicht, wohl aber ein antisemitischer Krach: Der neue Bürgermeister Max Regis ward von dem Polizeipräfekten auf einen Monat seines Amtes entsetzt; er hatte in öffentlicher Versammlung sich vermessen, den Statthalter Laferriere, gleich dessen Vorgänger Lepine, zum Abzüge auszusordern. Der Statthalter bestätigte den Beschluß, und der Minister des Innern dehnte dazu noch die Amtsentsetzung auf drei Monate aus. Darauf große Entrüstung im Stadtrat. Max reichte sofort seine Entlassung ein; Maueranschläge verkündeten das große Ereignis, den Staatsstreich des heuchlerischen Laferriere gegen den Stolz Algiers, den geliebten Max; antijüdische Banden durchzogen die Straßen und warfen einige „jüdische" Fenster ein, kurzum, die Lage sah so drohend aus, daß die Truppen in den Kasernen zum sofortigen Eingreifen bereit gehalten und eine Abteilung Gendarmen aus Blidah nach Algier gezogen wurde. So kommt denn die erste „ruhmreiche" Bürgermeisterschaft Max Regis' schnell zum Ende; die erste: denn gesetzt, die Dinge gehen ihren richtigen Gang, was allerdings höchst unwahrscheinlich ist, so wird Max nach drei Monaten einstimmig wiedergewählt werden, und der Tanz beginnt von neuem. Die Juden hat er trotz seiner kurzen Wirksamkeit redlich geschunden, hat den jüdischen Zeitungsverkäusern das Straßenverkaufsrecht genommen, den Kaffeehäusern das Ausstellen der Schenktische aus den Bürgersteigen untersagt, die Kutscher aus bestimmte Plätze beschränkt, den Ruf „Nieder mit den Juden" für berechtigt erklärt, und es ruhig geschehen lassen, wenn von Christen, die bei Juden kaufen, Photographien angesertigt wurden, um. sie an den Pranger zu stellen. Der Polizeipräsekt, der den Absetzungsbeschluß erließ, war offenbar ein kluger Mann; er war vorher um seine Versetzung eingekommen und wird sofort durch den früheren Präsekten Lutuid ersetzt werden, und wenn Laferriere die Wahl hätte, würde er sein Beispiel sofort befolgen, denn Algier ist für ihn eine Hölle und wird es für alle anständigen, gesitteten Menschen bleiben, so lange die französische Re-