Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Journal
- Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Volume
- 7 (1898)
- Issue
- 10 (11.3.1898)
- Date
- 1898-03-11
- Page
- Seite 157 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/4794838-9609254-9609255--2042-9609268- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Nr. 10. Allgemeine JSraettMye Wochenschrift. Seite 157. katholisch zu taufen. Im höchsten Grade zweifelhaft bleibt nur, ob der protestantische Knabe trotz der ihm zuteil gewordenen Belehrung an seine Tauskraft ernstlich geglaubt hat und demgemäß der rechte und ausreichende Wille in ihm lebendig gewesen ist. Wir selbst haben bei der ersten an uns gelangten Meldung alsbald darauf hingewiesen, daß nach katholischer Auffassung die „Intention" von ausschlaggebender Bedeutung ist. Der Vorfall selbst ist praktisch ohne großen Belang: Der protestantische Knabe wird durch eine geeignete Bearbeitung an entsprechender Stelle belehrt-werden, daß man mit ernsten Dingen nicht Scherz treibt, und den Judenknaben werden die Eltern eindringlich unterrichten, daß es der Gipfel der Ungehörigkeit ist, sich aus einer Religion hinaus- und in eine andere hineinzustehlen. Berlin, 4. März. (Vortrag im Literaturverein.) „Der Chassidismus" lautete das Thema, über das Herr Albert Katz am 1. d. M. im Verein für jüdische Geschichte und Literatur sprach. Der Referent bestritt die Behauptung von Jost und Grätz, daß Rabbi Israel Bal Schem der Begründer des Chassidismus gewesen wäre, daß die Chassidäer eine Sekte bildeten, die in gewissem Sinne dem Rabbinismus feindlich gegenüberstehe. Die Prinzipien des Chassidismus ließen sich vielmehr bis aus die Zeit der Essäer verfolgen, und nur insofern dürfe der Chassidismus als eine Neubildung betrachtet werden, als er manche erstarrten Formen im Judentum zu vergeistigen suche, manchen talmudischen Vorschriften, die früher geringe Beachtung fanden, aus kabbalistischen Gründen Gesetzeskraft verleihe und ihre strikte Befolgung fordere. Will man aber den Chassidismus als eine Neugestaltung bezeichnen, die eine feindliche Haltung gegen das althergebrachte Judentum einnehme, so müßte man folgerichtig in erster Reihe die Nährmutter des Chassidismus, die Kabbala, als eine Feindin des Judentums bezeichnen und dann alle Schöpfer und Träger dieser Wissenschaft, vom Verfasser des Buches Jezirah bis auf Elia Wilna, dessen Sympathien für den Sohar und die Kabbala ebenso bekannt seien wie seine Voreingenommenheit gegen den Chassidismus, als Gegner des Judentums erklären. Ausführlich behandelte der Vortragende hieraus die Grundideen des Chassidismus, der das Individuum als höchsten Zweck seiner selbst bezeichnet, ein Leben in Gott empfiehlt, das Gebet nicht an bestimmte Stunden gebunden wissen will, weil es ihm mehr als ein bloßer Ersatz für die ehemaligen Opfer ist, und den in das Leben der Chassidim tief eingreifenden Glauben an die wunderthätige Kraft des Rabbi. An der Hand von Belegen aus dem rabbinischen Schrifttum suchte der Vortragende nachzuweisen, daß alle diese Ideen Geist vom jüdischen Geiste seien, und gelangte zu dem Ergebnis, daß der Chassidismus nicht eine Zerstörung des Judentums, sondern durch die Gewalt des Glaubens eine Verjüngung des jüdischen Stammes herbeisührte. * Berlin, 5. März. (Israelitisches Heimathaus.) Die Verwaltung des israelitischen Heimathauses, hier, Gormannstr. 3, wird demnächst ihren Wirkungskreis durch Einrichtung einer Haushaltungs- und Kochschule erweitern. Zweck dieser Schule ist, in einem drei- resp. sechsmonatlichen - Kursus jüdische Mädchen durch pädagogisch gebildete Lehre- ^Inncu Mr den Perus als Köchin oder Stütze der Hausfrau auszubilden oder ihnen die für den einstigen eigenen Hausstand notwendigen Kenntnisse beizubringen. Verbunden hiermit sind Kurse für Schneiderei, Waschen, Plätten rc. Die Räume der Schule befinden sich Weinmeistcrstraße 1a, Ecke Rosenthalerstraße. Eröffnung Anfang April d. I. Anmeldungen sind zu richten an Frau Johanna Abraham, Schaperstr. 34. Auswärtige finden im Mädchenheim Gormannstraße No. 3 Aufnahme. S* Nordhausen, 5. März. (Jüdische Alterthümer.) Der hiesige Geschichtsverein hat Vorkehrungen getroffen, die in dem Judenturm eingemauerten alten jüdischen Grabsteine von 1425 (für Frau Freude, Tochter Abrahams, des Priesters,) und von 1430 (für Salomo, Isaaks Sohn,) vor Verschüttung zu schützen. — Sollte es nicht angehen, in Deutschland ein Museum für jüdische Altertümer zu schaffen? f Mainz, 5. März. (Einst und jetzt.) Die kurfürstlich Mainzsche Landesregierung hat am 27. September 1781 (gez. Freiherr von Frankenstein) eine Entschließung gefaßt, aus der nachstehender Passus mitgeteilt zu werden verdient: „Se. Curf. Gnaden bestätigen daher ganz vorzüglich die Par. 9, 11 und 12 des besagten Generalreskripts und befehlen gnädigst, daß die Judenkinder an Schulgeld in keinem Falle mehr bezahlen sollen als die christliche Schuljugend, woraus die Lehrer insonderheit zu sehen hätten, den jüdischen Schulkindern ja nicht mit Verachtung, sondern mit gleicher Rücksicht begegnen, und daß beide die jüdische Jugend vorzüglich liebreich behandeln sollen. Gleichwie auch Höchstgedachte Se. Curf. Gnaden die eigene Absicht haben, daß die Juden zu ihrer eigenen Glückseligkeit gebildet werden sollen, keineswegs aber jene, der Gewissensfreiheit derselben den mindesten Zwang auferlegen: also genehmigen Höchstdieselben nicht minder, daß nach dem bittlichen Anträge bft Judenschaft für das obere Erzstift in Aschaffenburg nämlich, und in Buchen in Absicht der Religion zween Judenlehrer mit einem jährlichen Gehalte von 200 fl. angestellt werden." — Seit diesem Erlaß sind über 100 Jahre vergangen. Ein Jahrhundert reinen Fortschritts ist es nicht gewesen. Bamberg, 8. März. (Ein Fastnachtsscherz?) Der hiesige Magistrat, so wird erzählt, hat die Absicht gehabt, dem Prinzregenten Luitpold ein Denkmal zu setzen. Der patriotische Eifer war so groß, daß man an die Bestellung des Denkmals ging, ehe man sich vergewissert hatte, ob auch die erforderlichen Mittel vorhanden wären. Sie waren nicht vorhanden. In dieser Verlegenheit soll der Magistrat aus den Ausweg verfallen sein, eine Kollekte zu dem gedachten Zweck speziell bei den jüdischen Bewohnern von Bamberg zu veranstalten. In einzelnen Blättern wird versichert, daß bei dieser Gelegenheit den Juden zu erraten gegeben worden sei, sie hätten am Ende Anlaß, sich über die seitherige Ruhe vor jedem Antisemitismus zu freuen und für die Erhaltung dieser Ruhe eine Art Dankopfer zu bringen, da es unter Umständen auch anders kommen könne. Hiervon glauben wir kein Wort, ehe nicht jene Behauptung in bündigster Weise bewiesen ist. Wohl aber können wir es verstehen, wenn die christlichen Bewohner von Bamberg sich durch ihren Magistrat zurückgesetzt fühlen. Sie haben ein Anrecht daraus, nicht von dem Anteil an einem patriotischen Werke ausgeschlossen zu werden. — Vorläufig