Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Journal
- Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Volume
- 7 (1898)
- Issue
- 10 (11.3.1898)
- Date
- 1898-03-11
- Page
- Seite 155 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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/ Nr. 10. Allgemeine Israelitische Wochenschrift. Seite 165. ..neinde, die prinzipiell die Annullierung des biblischen "Zeremonialgesetzes und des Rabbinismus proklamiert hatte und sich lediglich aus einige Vernunftslehren mit scheinbarer Wahrung des jüdisch-historischen Charakters beschränkte, deren geistliches Oberhaupt von vornherein mit der Lehre austrat, daß der Sabbat nicht ursprünglich und nicht unaufhörlich an einen bestimmten Tag der Woche gebunden sei, sondern könne, wenn cs dringende Umstände verlangten, von dem siebenten Tag auf einen andern bestimmt wiederkehrenden Tag verpflanzt werden — sie ist mit ihren Erfahrungen keineswegs mit der großen Berliner Gemeinde zu vergleichen, die doch immerhin, ob freisinnig oder konservativ, aus dem traditionellen Boden des Judentums steht. Damit soll jedoch durchaus nicht gesagt sein, daß die Befürchtung für die Zukunft der Sabbatheiligung, die im Gutachten ausgesprochen ist, nicht gerechtfertigt ist; nur ist der Hinweis auf die Erfahrungen der Resormgemeinde aus dem eben erörterten Grunde nicht korrekt. Rabbiner Dr. B. Seligkowitz-Cöthen. Literarisches. Ueber das auch an dieser Stelle besprochene, hochinteressante Werk von Frau Nahida Ruth Lazarus „Ich suchte Dich" schreibt der Berner Bund vom 23. Januar d. I. (unseres Wissens die erste uichtjüdische Zeitung, die das Werk beachtet) wie folgt: „Selbstbiographien hochherziger Frauen, die den Kamps mit den Vorurteilen der Gesellschaft wacker durchgesochten, bieten ein eigentümliches Interesse gemischter Art. Verdienen schon die dargestellten Erlebnisse unfern warmen Anteil, so richtet sich unser Hauptaugenmerk doch aus die Art und Weise der Darstellung; hier wie dort verlangen wir die Frau zu erkennen, die, wie sie das Schicksal weiblich erträgt, so auch in der Darstellung desselben ihren weiblichen Charakter nicht verleugnen darf. Die Frau, die mit ihren Selbstbekenntnissen vor die Öffentlichkeit tritt, wagt einen kühneren Schritt, als in solchem Falle der Mann. Wahrhaftigkeit und Zurückhaltung — beides erwartet man von ihr, und der notwendige Ausgleich zwischen beiden wird in schwierigen Konflikten leicht zur Unwahrheit oder zur Unweiblichkeit verleiten. Nur außerordentliche Frauen bleiben auch als Schriftstellerinnen durch die „Mauer der Schicklichkeit", die das weibliche Geschlecht umgiebt, vor jenen Abwegen bewahrt und verstehen es durch Offenherzigkeit und Grazie die schwierigsten Probleme der Frauenschriststellerei zu lösen. Ein Beispiel dieser Art sind die Memoiren der George Sand (histoire de ma vie), die am besten geeignet sind, das thörichte Vorurteil von dem unweiblichen Charakter dieser ausgezeichneten Frau zu Schanden^zu machen. Die Aufrichtigkeit und Ungeziertheit, mit der diese Französin von sich selber spricht, ist uns durch die Selbstbiographie der Frau Nahida Lazarus in Erinnerung^ gerufen worden. Es ist erstaunlich, was für interessante und durch Wahrheit überraschende Züge weiblichen Wesens aus'solchen aufrichtigen Frauenbekenntnissen bekannt werden. Ich will aus dem Buch der Nahida Lazarus nur ein Beispiel anführen. Als der Redakteur einer Berliner Zeitung der juugen Dame, die er nur einmal und flüchtig gesehen, seinen Besuch ankttndigte, um ihr ein von ihr erbetenes Buch zum Lesen zu leihen, da weiß sie — woher und wie, vermöchte sie nicht zu sagen — aber augenblicklich fühlt und weiß sie es und spricht cs aus: „Also das wird mein Mann." — Der Besuch erscheint, man spricht von diesem und jenem, scheinbar ohne innere Berührung, und der Besuch entfernt sich wieder. Aber sie weiß es noch immer, so fest wie vorher. Und sie hatte sich nicht getäuscht. Die Bekeuntnisse der Frau Nahida Lazarus, der Gattin des berühmten Völkerpsychologen Moritz Lazarus, enthalten mehr als allgemeine Frauenschicksale. Das Hauptereignis, wenigstens das auffallendste ihres Lebens ist ihr Uebertritt zum Judentum, der uns einfach und glaubwürdig wie alles andere erzählt wird. Die Konfessionslosigkeit befriedigt diese ernste religiöse Natur nicht; sie fühlt ein tiefes Bedürfnis sich zu einer Religion zu bekennen. „Gottesglaube und Pflichterfüllung" das ist alles, was das Judentum verlangt — und das ist alles was ich brauche." Auch dieser Zug ist weiblich und wer die ganze Gedankenentwicklung verfolgt, wird vielleicht an ein ähnliches Buch, an die „Memoiren einer Jdealistin" der M. v. Meusenburg (1881) erinnert, die, eine weniger religiöse Jdealistin, nach langem Suchen ihr ganzes Heil in der Philosophie Schopenhauers findet, die sie als absolute Wahrheit, wie die Wagnersche Musik als absolute Schönheit, ergreift. Die Biographie mit dem Motiv: „Ich suchte dich!" ist ein Frauenbuch im schönen Sinne des Wortes und bietet, obgleich von einer Jüdin geschrieben, auch den christlichen Frauen ein Beispiel von dem Mut und der Wahrhaftigkeit, mit der gewisse Ausnahmen des weiblichen Geschlechtes die Religion des Herzens gegen die Zumutungen der Gesellschaft verteidigen." Ueber Dogmenbildung im Judentum. Vortrag von Rabbiner Dr. I. Guttmann. (Verlag von Wilh. Jacobsohn u. Co. in Breslau.) In Anlehnung an Kant und Mendelssohn sucht der Verfasser auszuführen, daß das Judentum, wenn schon nicht der Sache, so doch der Form nach keine Dogmen kenne. Er weist jedoch zugleich darauf hin, daß es auch unsormulierte Glaubenssätze geben kann, denen dieser Mangel nichts von ihrer vollen Geltung nimmt. Mit jenen Philosophen rühmt er die große Gewissensfreiheit, die das Judentum seinen Bekennern läßt. „Uns die unbeschränkte Freiheit fortschreitender Entwickelung auch auf dem Gebiete des religiösen Lebens, int Bereiche des Glaubens, zu bewahren, das muß auch in Zukunft unsere angelegentliche Sorge bleiben". Diese Schlußworte des Verfassers werden nicht mißverstanden werden, sobald man den rechten Nachdruck aus „im Bereiche des Glaubens" legt. Man darf nicht annehmen, wie cs so viele thun, daß die Unwissenheit ein Freibrief für eine unter dem Namen einer Reform sich verbergenden zerstörenden und auflösenden Thätigkeit ist. „Ein kurzer Gang durch die jüdische Geschichte" und „Ein kurzer Gang durch die jüdische Literatur" von Dr. M. Brann. (Verlag von Wilhelm Jacobsohn in Breslau.) Die beiden kleinen Schriften, von dem Breslauer Verein für jüdische Geschichte und Literatur herausgegeben, sind vortrefflich geeignet, eine Einführung in die Materien zu bilden, die sie behandeln. Der Standpunkt des Verfassers ist ohne Aufdringlichkeit orthodox. Das ist ein großer Vorzug, denn er hält den schlimmen Fehler seichter und billiger Ausklärerei fern. »Der