Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Journal
- Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Volume
- 7 (1898)
- Issue
- 10 (11.3.1898)
- Date
- 1898-03-11
- Page
- Seite 153 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/4794838-9609254-9609255--2038-9609264- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Nr. 10. Allgemeine Israelitische Wochenschrift. Seite 153. - göttliche Stimme, welche dem Patriarchen dieses schwere Opfer abnahm, da, wie es in der poetischen Ausdrucksweise der Erzählung heißt, Gott nur sehen wollte, wie weit Abrahams Frömmigkeit und Gottergebenheit ging. Abraham opferte nunmehr einen Widder auf dem bereits errichteten Altar und nannte dann den Ort: „Jahweh wird sehen" (nNT mir), „weshalb es noch heute (im Volksmunde) heißt: aus dem Berge Jahweh wird er erscheinen (n&n’rnrp VQ). Der Berg Morija ist einer der Hügel, auf denen die uralte Stadt Jerusalem erbaut war, aus ihm stand der salomonische Tempel, der als Nationalheiligtum dem israelitischen Volke besonders ans Herz gewachsen war, weshalb es uns nicht Wunder nehmen darf, daß sich die religiöse Sage dieser heiligen Stätte bemächtigt hat. Es wurde daher im Volke geglaubt, daß an derselben Stelle, auf der das Nationalheiligtum errichtet war, einst der gottergebene Patriarch den Altar erbaut hatte, auf dem er seinen einzigen Sohn opfern wollte. Die Umgegend dieses Hügels hieß nun „das Land Morija". Man muß dies dahin verstehen, daß der Hügel selbst an sich wohl zu unbedeutend war, um einer ganzen Landschaft den Namen zu geben; dadurch aber, daß sich auf diesem Hügel dies für Israel so wichtige Ereignis abgespielt, ist er zu einer großen Wichtigkeit gelangt. Die Erwähnung des Hügels Morija in dieser Erzählung würde an sich keinen Beweis dafür abgeben, daß wir es mit einem späteren Zusatz zu thun hätten. Denn unstreitig galt diese Landschaft von uralter Zeit her als heilige Stätte, weshalb gerade dort sich später der religiöse und nationale Mittelpunkt Israels bilden sollte. Die Erzählung ist auch in ihrem Hauptbestandteil sehr alt; sie ist elohistisch gehalten; d. h. die ersten zehn Verse bezeichnen durchgehends die Gottheit mit dem altsemitischen, noch aus der heidnischen Zeit stammenden Namen „Elohim". Wahrscheinlich hatte sie ursprünglich einen anderen Abschluß, der jedoch in der späteren Zeit, als der Monotheismus im israelitischen Volke bereits festere Wurzel gefaßt hatte, den neuen Anschauungen entsprechend modifiziert wurde. Vom 11. Vers an beginnt daher die jahwistische Darstellung; anstatt Gott selbst, wie cs in der ersten Hälfte der Erzählung geschieht, führt nun ein „Engel Jahwehs" das Wort. Wir haben es somit mit einer Umarbeitung zu thun, die erst um die mosaische Zeit vorgenommen worden sein kann, da erst mit Mose die Bezeichnung Gottes mit dem Namen „Jahweh" aufgekommen ist. Aus dem hier gesagten erhellt somit, daß man in der Erzählung von der Opferung Jsaks zuerst (von Vers 1 bis 10) eine uralte Ueberlieserung vor sich hat; das Folgende ist eine Umarbeitung, die im mosaischen Zeitalter vorgekommen sein kann, wenigstens ist kein Grund vorhanden, diese Umarbeitung im jahwiftischen Sinne für später als das mosaische Zeitalter zu erklären. Hingegen wird die zweite Hälfte des Vers 14 wohl doch ein noch späterer Zusatz sein. Diesers Vers lautet vollständig: „Abraham nannte den Namen des Ortes „Jahweh jireh" (Jahweh wird sehen); deshalb heißt es noch heute (im Volksmunde) „aus dem Berge Jahwehs wird er erscheinen". Die zweite Hälfte setzt inderthat voraus, daß der salomonische Tempel aus dem Hügel Morija bereits errichtet war. Man wird daher annehmen, daß diese wenigen Worte nachträglich hinzugekommen sind, da, was wir noch in der Folge ausführlich besprechen werden, derartige kleine Aenderungen im Text der Thora bis in die Zeit Esras (also um die Mitte des fünften vorchristlichen Jahrhunderts) wohl vorgekommen sein dürfen. Wir wollen jedoch bei dieser Gelegenheit diesen biblischen Passus, der den Erklärern viel Kopfzerbrechen verursacht hat, eine natürliche und sinngemäße Erklärung geben. Es ist allgemein bekannt, daß der biblische Text bis in das achte nach-, christliche Jahrhundert ohne Vokalzeichen war und nur die vieldeutigen Konsonanten enthielt; die Aussprache und die Bedeutung eines jeden Wortes waren somit nur traditionell bekannt. In den meisten Fällen war auch die Ueberlieserung ganz richtig; indessen ist unter solchen Umständen ein Irrtum in der Deutung eines Wortes doch nicht ausgeschlossen. Wir werden über dieses interessante Kapitel des biblischen Textes an geeigneter Stelle ausführlich sprechen. Es darf aber schon hier bemerkt werden, daß die „Punktatoren", das heißt jene Männer, die gegen Anfang des achten nachchristlichen Jahrhunderts die Vokalzeichen einführten, an manchen biblischen Stellen von der natürlichen Bezeichnung der Konsonanten absichtlich abwichen und durch anders gewählte Vokale manchem Wort einen anderen Sinn geben. Man braucht aber nicht anzunehmen, daß sie dabei etwa willkürlich verfahren wären, vielmehr ist, wo kein Irrtum vorliegt, eine traditionelle Behandlung des Textes maßgebend gewesen. An manchen Stellen läßt sich auch eine solche Tradition, die bis in das erste oder das zweite Jahrhundert reicht, ganz bestimmt Nachweisen. (Fortsetzung folgt.) Spvechßacrl'. Der Nomillktat. Berlin, den 6. März 1898. Sehr geehrter Herr Redakteur! Sie gestatten wohl, daß ich in der Frage des Normal- Besoldungsetats für die Beamten der hiesigen jüdischen Gemeinde, also in einer Frage von wirklich aktueller Bedeutung, nochmals das Wort ergreife. Für die Lehrerbesoldungsfrage wie für die Lösung der Bureau-Hilfsarbeiterfrage des Magistrats tritt die Tagespresse seit Monaten energisch ein; ebenso wäre es auch Pflicht der jüdischen Presse, zu der Angelegenheit des Normaletats für die Beamten der jüdischen Gemeinde Stellung zu nehmen. Von allen diesen Blättern ist Ihr geschätztes Blatt das einzige, das sich bisher der Angelegenheit in dankenswerter Weise angenommen hat. Ich bin überzeugt, daß dies auch weiter geschehen wird, da es sich um eine gute, weil gerechte Sache handelt. Der Vorstand der Gemeinde hat in der Repräsentanten- Sitzung vom 20. v. M. auf den Antrag des Herrn Prosissor Lewin wegen Einbringung eines Normal-Besoldungsetats geantwortet, daß er einen solchen für durch nichts indiziert halte. Die jüdische Gemeinde arbeite besser und billiger, als andere Verwaltungen, die Beamten müßten jedoch nach ihren individuellen Leistungen bezahlt werden. Eine Aenderung .würde im Interesse der Gemeinde sehr zu bedauern sein.