Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Journal
- Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Volume
- 7 (1898)
- Issue
- 10 (11.3.1898)
- Date
- 1898-03-11
- Page
- Seite 152 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Seite 152. Allgemeine JSraentiphe Wochenschrift. Nr. 10. Wäre diese Meinung zutreffend, gleichviel ob sie Jbn- Esra wirklich geäußert, oder ihm nur von Spinoza imputiert wurde, so könnte man sich keinen kräftigeren Beweis gegen die Autorschaft Mosis und die Authenzität des Pentateuchs denken. In diesem Falle müßte, wenn man sich so ausdrücken darf, der Verteidiger selbst die Schuldfrage bejahen oder mindestens die Verteidigung niederlegen. Indessen darf man sich durch den Namen und das Ansehen des großen Philosophen nicht einschüchtern lassen, vielmehr soll man sich die angeführten Stellen mit eigenen Augen und mit selbständigem Urteil ansehen. Im 27. Kapitel des Deuteronomiums heißt es: 1. Und Mose und die Aeltesten Israels befahlen dem Volke wie folgt: Hütet das Gebot, Las ich euch heute befehle. 2. Es geschehe an dem Tage, in dem ihr den Jordan überschreiten werdet, in das Land, das Jahweh, dein Gott, dir giebt, so sollst du große Steine aufstellen und sie mit Kalk übertünchen. 3. Auf diese sollst du die Worte dieser (d. h. der nun folgenden) Lehre schreiben, nachdem du (den Jordan) überschritten haben wirft, um in das Land zu kommen, das Jahweh, dein Gott, dir giebt, ein Land fließend von Milch und Honig, wie Jahweh, der Gott deiner Väter, dir versprochen. 4. Und nachdem ihr den Jordan überschritten haben werdet, sollt ihr die Steine, wie ich euch heute befehle, auf dem Berge 'Ebal aufstellen und sie mit Kalk betünchen. 5. Und du sollst bauen einen Altar Jahweh, deinem Gotte, einen Altar aus Steinen, die mit keinem Eisen behauen worden sind. 8. Und du sollst auf die Steine die Worte dieser Lehre deutlich schreiben." Von welcher Lehre ist hier nun die Rede? Offenbar nach dem Zusammenhänge der folgenden Verse sind damit die dort erwähnten Verwarnungen gemeint, welche ganz gut geeignet erscheinen, aus Steine deutlich niedergeschrieben zu werden. Es heißt nämlich in demselben Kapitel des Deuteronomiums, daß nach dem Einzug ins Land sich das Volk in zwei Lager zu teilen hatte, die eine Hälfte sollte Aufstellung nehmen auf dein Berge 'Ebal, die andere aus dem jenem gegenüberliegenden Berge Gerisim. In dem schmalen Engpaß sollten wiederum die Leviten (oder die Priester) mit der Bundeslade Aufstellung nehmen und an das Volk folgende Verwarnung richten: Verflucht sei der Mann, der im Geheimen Götzendienst treibt (denn gegen den öffentlichen Götzendienst trat die Behörde energisch auf); verflucht sei der Mann, der seine Eltern mißachtet; verflucht sei der Mann, der die Grenze seines Nachbarn (d. h. von dessen Feldmark) verrückt; verflucht sei der Mann, der einen Blinden aus dem Wege irreführt; verflucht sei der Mann, der das Recht der Fremden, der Waisen und der Witwen (d. h. aller, die schwach sind und wehrlos dastehen) beugt; verflucht sei der Mann, der Blutschande oder Sodomie treibt; verflucht sei, der Jemand heimlich (d. h. wo keine fremde Hülfe möglich) mißhandelt; verflucht sei der Mann, der die Worte dieser Lehre nicht beachtet — worauf das ganze Volk „Amen" zu sprechen hatte. Diese Verwarnungsformel in der Gestalt von ausgestoßenerr Flüchen.und -Veruvüus.chungou'-gegen Jene, die den sittlichen Inhalt der mosaischen Lehre mißachten, enthält zwölf Verse und konnte somit passend aus zwölf Steine niedergeschrieben und sodann von den Leviten dem Volke vorgelesen werden. Nach diesem Gebot handelte auch Josna, als er mit dem israelitischen Volke von Kanaan Besitz ergriffen hatte. Daß aber aus den zwölf Steinen der ganze Pentateuch oder auch nur ein großer Teil desselben geschrieben werde — davon ist nirgends die Rede. Sehen wir uns nun die weiteren Andeutungen Jbn- Esras an. Die Worte: „Und Mose schrieb . . .", mit welcher Andeutung er wohl den Vers 5. Buch Mosis 31, 9 meinte, wo es heißt: „Und Mose schrieb diese Lehren nieder und übergab sie den Priestern, den Söhnen Lcvi ..." — Diese Worte haben gegen das hohe Alter der mosaischen Bücher nicht die mindeste Beweiskraft, da cs uns nicht auf die Schlußredaktion ankommt, die möglicherweise auch nach Mosis Ableben vorgenommen worden ist. Für uns handelt es sich lediglich um die Frage, ob der Pentateuch zu einer bedeutend späteren Zeit abgesaßt worden, oder ob er wenigstens einige größere und wichtigere Partien zugefügt erhalten hat. Da dies durch die Bemerkung Jbn-Esras auch nicht im entferntesten begründet erscheint, so brauchen wir uns mit diesem Punkte nicht viel zu befassen.*) Bedenklicher ist es schon mit dem von Jbn-Esra angeführten Passus: „Aus dem Berge Jahweh wird er erscheinen". Gemeint ist damit eine Stelle im 22. Kapitel der Genesis, wo bekanntlich von der zuerst anbesohlenen und nachher durch Gott inhibierten Opferung des Patriarchen Jsak die Rede ist. In der Einleitung zu dieser Erzählung heißt es, daß Gott Abraham habe „prüfen wollen", weshalb er ihm befahl, er, Abraham, möge seinen einzigen geliebten Sohn Jsak mitnehmen und in das Land Morija gehen, wo er ihn auf einem der Berge, den Gott noch nachträglich bestimmen werde, opfern solle. Abraham that wie ihm Gott besohlen; als er aber an seinem Bestimmungsort angelangt war, dort bereits den Altar errichtet hatte und den Sohn opfern wollte, da erscholl eine *) Um zu beweisen, daß noch zu Josuas Zeiten Einiges in die mosaischen Bücher hinzugekommen sei, weist Spinoza noch auf die Stelle im Buche Josua hin, wo es heißt: „Und Josua schrieb jene Worte (nämlich was er mit dem Volke verabredet hatte) in die Lehre Gottes . . ." (Josua 24, 26). Obwohl dies für uns von keiner Bedeutung ist, da es uns bei dieser Untersuchung nicht auf die Frage ankommt, ob die endgiltige Redaktion der Thora von Mose oder unmittelbar nach ihm von seinem Nachfolger Josua vorgenommen worden sei, so müssen wir doch darauf Hinweisen, daß mit dem „Buch der Lehre Gottes" keineswegs die mosaischen Bücher gemeint sein können, welche im Buch Josua entweder schlechtweg „Das Buch der Lehre" heißen oder „Das Buch der Lehre Mosis". Außer diesem heiligen Buche mag aber in uralter Zeit noch eine National-Chronik vorhanden gewesen sein, in welche alle politischen Ereignisse und Verträge eingetragen zu werden pflegten, welches Buch, wie es im Charakter jener Zeit lag, bei dem Altar aufbewahrt worden ist. Diese Chronik wird wohl in der angezogenen Stelle gemeint sein, was um so wahrscheinlicher ist, als von all dem dort bemerkten, was Josua in das Buch Mosis hineingeschrieben haben soll, im Pentateuch keine Erwähnung geschieht.