Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Journal
- Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Volume
- 7 (1898)
- Issue
- 10 (11.3.1898)
- Date
- 1898-03-11
- Page
- Seite 151 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/4794838-9609254-9609255--2036-9609262- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Hjr. K). Allgemeine Israelitische Wochenschrift. Seite 151. deutig darauf hin, daß diese Stelle im 1. Buch Mosis (Kapitel 36, Vers 31—39) erst zu einer Zeit niedergeschrieben sein kann, als in Israel sich bereits das Königtmn eingebürgert hatte, frühestens also während der Regierungszeit des Königs Saul. Gegen dieses Argument läßt sich vom wissenschaftlichen Standpunkte aus nicht anlämpsen; man wird daher zugeben müssen, daß die erwähnten neun Verse einen Zusatz aus späterer Zeit repräsentieren. Nun hat aber der genannte Bibelkritiker noch hinzugefügt, daß jene Stelle eigentlich aus dem Zeitalter des judäischen Königs Josaphat (regierte in der zweiten Hälfte des zehnten vorchristlichen Jahrhunderts) stammen müsse. Diese Behauptung beruht lediglich auf der Annahme, daß der edomitische König Hadad, der im Verzeichnis der edomitischen Regenten als vierter in der Reihenfolge aufgezählt ist, mit jenem edomitischen Prätendenten Hadad identisch sei, der während der Regierungszeit des Königs Salomo die ehemals durch König David unterworfene Provinz Edom wieder unabhängig gemacht. Dafür liegt aber in der Wirklichkeit kein Anhaltspunkt vor, da der Name Hadad (dem Namen einer assyrischen Gottheit entnommen) unter den semitischen Völkern als Mannesnamen häufig ist. Die kritische Bemerkung des Jbn-Jasus ist uns durch den bekannten jüdischen Grammatiker, Bibclerklärer und Forscher Abraham Jbn-Esra (lebte 1092—1167) bekannt geworden, da der biblische Kommentar des Ersteren auf uns nicht gekommen ist. In seinem Kommentar zu den mosaischen Büchern zitiert Jbn-Esra den Ausspruch seines Vorgängers Jbn-Jasus, stellt sich aber über die Kühnheit solcher Behauptungen äußerst entrüstet. Er meint das Buch dieses „Schwätzers" verdiene verbrannt zu werden. Während aber Jbn-Esra, der als geistesheller und kühner Forscher berühmt ist, jene Worte niederschrieb, hatte er sich bereits selbst ähnlicher und vielleicht noch größerer Freiheiten gegen die Autorität des biblischen Textes zu Schulden kommen lassen. Im 1. Buch Mosis 12, 6 heißt es nämlich: „Abram zog durch das Land (Kanaan) bis zum Orte Sichem, bis zur Ebene Moreh; der Kanaanite aber wohnte damals noch im Lande." Der letzte Passus ist unstreitig auffallend: „der Kanaanite aber wohnte damals noch im Lande" — aber zu Mosis Zeit, in der diese geschichtliche Ueberlieserung in die Thora ausgenommen wurde, wohnten ja noch nur Kanaaniten im Lande! Diese Worte würden nur im Mund' eines Schriftstellers passen, zu dessen Zeit die kanaanitische Urbevölkerung nicht mehr in Palästina wohnte; ein solcher könnte von der Wanderung der Patriarchen durch Palästina berichten und dabei die Bemerkung machen, daß zu jener Zeit der Kanaanite noch im Lande wohnte. Die älteren Erklärer der mosaischen Bücher halsen sich über diese Schwierigkeit hinweg, indem sie die bezeichnete Stelle verstanden: „der Kanaanite war damals schon im Lande". Sie meinten, ursprünglich sei Palästina von einem andern Volk bewohnt gewesen, im Zeitalter Abrahams aber sei es von den Kanaanitern erobert worden. Das hebräische Wort IX im biblischen Text läßt zur Not diese Erklärung zu; es bedeutet eigentlich einfach „damals"; der Zusammenhang erfordert an der bezeichneten Stelle zwar die Redewendung „damals noch", indes wird man sich auch bei „damals schon" beruhigen dürfen. Abraham Jbn-Esra machte aber jedoch in seinem Kommentar zur Stelle folgende, für seine Zeit wohl absichtlich dunkel gehaltene Bemerkung: „Es kann diese Stelle so erklärt werden, daß die Kanaaniter das Land (zur Zeit Abrahams) erst einem andern Volk abgenommen haben (also genau wie die Erklärung der Alten); sollte aber dies nicht zutressen, nun, so hat dieser Passus eine geheimzuhaltende Bedeutung, über die der Einsichtige sich Schweigen auserlegen muß." Für uns ist kein Zweifel darüber vorhanden, was er mit dieser Andeutung sagen wollte: nämlich nur, daß diese Stelle ein späterer Zusatz sei. Solche dunkel gehaltene Andeutungen sind in seinem Kommentar mehrere vorhanden, von denen ein Teil so verklausuliert ist, daß selbst genaue Kenner seiner Schreibweise bis auf die Gegenwart über die Absichten des großen Bibelforschers im Unklaren bleiben konnten. Seinen kritischen Aeußerungen setzi er aber durch folgende geheimnisvolle Bemerkung die Krone auf: In seinem Kommentar zum 5. Buch Mosis 1, 2 sagt er: „Wenn du daraus kommen wirst, was die „zwölf" bedeuten, ferner die Worte: „Mose schrieb," ferner der Passus: „und der Kanaanite wohnte damals noch im Lande", ferner die Worte: „Aus dem Berge Jahwehs (Morija) wird er erscheinen", und endlich: „S iehe, sein Bett aus Eisen ..." — daran wirst du die Wahrheit erkennen. Man sieht, es sind mehrere Rätsel, die Jbn-Esra seinen Lesern zu raten ausgiebt. In Wahrheit enthält aber dieser Satz eine Fülle bibelkritischer Bemerkungen, die er in seiner Zeit zu verheimlichen alle Ursache hatte. Nachdem aber Spinoza in seinem „Theologisch-politischen Traktat" diese Worte (aber nur zum Teil richtig) bereits enträtselt hat, so liegt jetzt für uns kein Grund für ferneres Geheimthun vor. Wir wollen somit das klarlegen, was Jbn-Esra mit seinen Andeutungen gemeint hat, ohne jedoch ihn in jedem Punkte Recht zu geben. Vor allem weist er nämlich auf die letzten zwölf Verse im Pentateuch hin, die sich mit dem Ableben Mosis beschäftigen und zugleich einen lapidaren Nekrolog über diesen großen Mann enthalten. Diese Verse können nicht von Mose selbst herrühren. Wir haben bereits oben berichtet, daß unter den jüdischen Lehrern in Palästina die Meinung vertreten war, wenigstens die letzten acht Verse habe Josua der Thora hinzugefügt. In dieser Bemerkung Jbn-Esras würde man somit nicht viel Verfängliches finden, wenn er sie klar und deutlich niedergeschrieben hätte. Da er aber nur andeutungsweise von dem „Geheimnis der Zwölf" spricht, haben andere Forscher, denen sich Spinoza anschließt, diesen Worten einen andern Sinn untergeschoben, der, wenn er thatsächlich in der Absicht Jbn-Esras gelegen, unzweifelhaft sehr destruktiver Natur wäre. Nach Spinozas Ansicht wollte Jbn-Esra mit dem „Geheimnis der Zwölf" sagen, „daß das eigentliche Buch des Mose ganz und sehr bündig auf der Oberfläche eines Altars geschrieben gewesen (5. Buch Mosis 27 und Josua 8, 37), der nach dem Berichte der Rabbiner nur aus zwölf Steinen bestanden hat; es konnte daher lange nicht den Umfang wie die jetzigen fünf Bücher haben". ' ■ . -»rna n, -.