Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Journal
- Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Volume
- 7 (1898)
- Issue
- 10 (11.3.1898)
- Date
- 1898-03-11
- Page
- Seite 148 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 148. Allgemeine Israelitische Wochenschrift. zuweilen christliche Konservative zu Worten und Handlungen von nicht gerade musterhaft monarchischer Gesinnung verleitet hat. Es war ja wohl ein konservativer Christ, der das drohende Wort gesprochen: „le roi me reverra“. Es war ja wohl ein konservativer Christ, der vor kurzem erst gesagt, die Landwirte könnten nicht umhin, in dem Monarchen ihren persönlichen Gegner zu sehen. Es war ja wohl ein konservativer Christ, der zum Uebergang in das sozialdemokratische Lager aussorderte, wenn gewisse Forderungen von der Regierung nicht bewilligt würden. Freilich ist es auch jüdische Ueberlieserung, den Königen mit Wahrheit zu dienen, selbst wenn die Wahrheit nicht gefällig klingt. Die Propheten haben unerschrocken dieses Amt geübt, und der Ruhm, den sie daraus gewonnen, wird nicht vergehen. Sie haben dafür keinen Lohn verlangt und keinen erwartet, Aemter weder begehrt noch angenommen, keine Dotationen und keine Liebesgaben geheischt. Wir wollen gern glauben, daß die Konservativen im gegebenen Falle ebenso selbstlos handeln würden; aber bis zur Stunde sind sie in dieser Beziehung nicht erprobt, und schon deshalb sollte ein Organ, das in ihrem Namen spricht, den Mund etwas weniger voll nehmen. Wir Juden dagegen, insonderheit wir deutschen Juden, haben Patriotismus und Königstreue gerade in der Zeit bewährt, in der das Gegenteil von Lohn und Dank uns winkte und auch zuteil wurde. In den Tagen, da die Gesinnungsgenossen der heutigen Konservativen landesverräterisch die Festungen ohne Kampf dem Feinde übergeben hatten, während uns aus der Fremde die Bürgerrechte gebracht worden waren, griffen die deutschen Juden ohne äußere Verpflichtung zu den Waffen, um dem Vaterlande die alte Freiheit und sich die alte Knechtschaft wieder zu erkämpfen! Für uns spricht die Selbstlosigkeit der Väter, für Jene das Gegenteil. Wir sind weit davon entfernt, zu glauben, daß die Söhne Jener in unseren Tagen nicht voll ihre Pflicht thun würden; was anderes aber als die Freude an unbegründeter übler Nachrede kann die Kreuzzeitung veranlassen, angesichts unserer religiösen und unserer politischen Ueberlieferung bezüglich der Königstreue uns Juden gegenüber das Christentum auszuspielen? * * * — (Konservative und Antisemiten.) Dasselbe Blatt, das mit ebensoviel Berechtigung wie Liebenswürdigkeit von der Juden monarchischer Gesinnung spricht, nimmt für die Konservativen mit der allein echten Königstreue auch die allein echte antisemitische Gesinnung in Anspruch. Die Kreuzzeitung schreibt: „In antisemitischen Blättern berust man sich mit besonderer Beharrlichkeit aus das Tivoliprogramm; fast sieht es so aus, als halte man dies für wichtiger als das eigene mosaikartige Programmgebilde. Diese ausfällige Erscheinung beruht aber aus der durch die liberale Presse hervorgerufenen Illusion (die bekanntlich auch Gras Caprivi ernst genommen hat), die konservative Partei habe sich durch ihr Programm von 1892 in die Gefolgschaft der damals neugebildeten antisemitischen Parteien gestellt, habe sich mit dem Antisemitismus „verbrüdert" und wolle fortan mit ihm „unverbrüchlich" Hand in Hand gehen. Einen solchen Schritt zu thun, hat aber die konservative Partei, hat der 1892er Partet- Nr. tag niemals beabsichtigt. Wir können im Gegenteil stellen, ohne von irgend welcher Seite begründeten Widersprua^I befürchten zu dürfen, daß die Ausnahme der Judenfrage in unser Programm der erste Schritt einer Scheidung von dem Radau-Antisemitismus gewesen ist. Weshalb war denn überhaupt die Bildung besonderer antisemitischer Gruppen — sogar unter Teilnahme gut konservativer Parteigenossen — möglich? Weil die damalige Parteileitung es ablehnte, rechtzeitig mit Entschiedenheit in den notwendigen Kamps gegen die sich immer übermächtiger gebärdende Judenschaft einzutreten. Nachdem das geschehen, nachdem sich, wie Freiherr v. Manteuffel in Dresden sehr treffend bemerkte, die konservative Partei als einzige wirklich antisemitische Partei, die den Antisemitismus nicht blos im Munde führt, sondern die von ihrem christlichen Standpunkte aus handelt, erwiesen hat, sind die „reinen Antisemiten" mehr und mehr zu reinen Agitationsgruppen herabgesunken, die, wie ihr früheres Vorstandsmitglied Dr. Förster ihnen mit Recht vorhielt, „nichts machen als Radau mit verbrauchten Schlagworten", und die über die Phrase von „Mittelstand und wieder Mittelstand" nicht hinauskommen." — Aus dem Jargon der Kreuzzeitung ins Deutsche übersetzt, heißt das: Wir Konservativen haben nach unserer ganzen Macht — und die ist nicht gering — dafür gesorgt, daß das antisemitische Programm, für das die Radau- oder reinen Antisemiten nur unfruchtbare Deklamationen hatten, praktisch durchgesührt wurde; wir haben bewirkt, daß thatsächlich zur Maxime gemacht worden ist, was Mommsen „administrativen Bauernfang", zwar grob, aber treffend genannt hat. — Ehre wem Ehre gebührt! In diesem Falle hat die Kreuzzeitung nicht geprahlt und den Worten des Herrn v. Manteuffel die richtige Deutung gegeben. Die wahren Antisemiten sind einzig die Konservativen heutiger Prägung, die Radau-Antisemiten sind blos dumme Kerle, die ein kleines Geschäft betreiben und meist recht kümmerlich davon leben. * * * — (Herr Stöcker, die Fortschrittspartei und das Großjudentum.) In einer Versammlung der christlich-sozialen Partei erzählte dieser Tage der „Mann mit dem Schwerte der Wahrheit", die christlich-soziale Partei habe sich stets für soziale und politische Gleichberechtigung der Arbeiter eingesetzt, aber ebenso den Kampf gegen den Fortschritt, das Judentum und auch gegen die Mittelparteien geführt. Der Fortschritt sei keine geringere Gefahr als die Sozialdemokratie, die Fortschrittspartei aber werde vom „Großjudentum" beherrscht. — Es ist glücklicherweise schon lange Jahre nicht mehr nötig, den Worten des Herrn Stöcker besondere Beachtung zu schenken. Immerhin verdient bemerkt zu werden, daß der vormalige Hofprediger, der Freund des Herrn v. Hammerstein und Urheber des Scheiterhausenbriefes, sein altes Märchen auch heute noch debitiert, da das angeblich die Fortschrittspartei beherrschende Judentum nicht imstande ist, von der Volkspartei auch nur ein einziges Mandat für den Reichstag oder Landtag zu erlangen. * * *