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Allgemeine Israelitische Wochenschrift · 1897-12-24 · 52 (24.12.1897) · p. Seite 898

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Journal
Allgemeine Israelitische Wochenschrift
Volume
6 (1897)
Issue
52 (24.12.1897)
Date
1897-12-24
Page
Seite 898 (sequence 14)
Language
German
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Seite 898. Allgemeine Israelitische Wochenschrift. Nr. 62. Der Krieg endete glücklich für das israelitische Volk. König Sichon fiel im Kampf und sein Land ward eine Beute des Siegers. Sein Nachbar, König Og, über die Siege Israels erschreckt, wollte ihm zu Hilfe kommend Das Treffen fand bei Edre'i statt und endete ebenfalls glücklich für das israelitische Volk, -das somit in den Besitz des ganzen Ostjordanlands gelangte. Mit dieser Eroberung sollte Mose seine Laufbahn beschließen, da für die Eroberung des eigentlichen Kanaan sein Jünger Josua ausersehen war. Die Israeliten ließen sich vorläufig im Ostjordangebiete nieder, wobei die Bestimmung getroffen wurde, daß dieses Land den Stämmen Rüben und Gad, sowie der einen Hälfte des Stammes Manasseh zusallen sollte, dafür aber sollen diese Stämme zur Eroberung Kanaans ein Heer von vierzigtausend Mann stellen. Nur unter solchen Bedingungen wurde ihnen das eroberte Land ausgeteilt, während sie, bei Nichteinhaltung dieser Bestimmung, ihres Anrechtes auf das jordanische Gebiet verlustig werden sollten. Die letzten Lebenstage Mosis nahten also heran. Aaron war bereits im Alter von hundertdreiundzwanzig Jahren gestorben, und Mose selbst befand sich im hundertundzwanzigsten Jahre. Israel befand sich damals im Gefilde Moab (ein Landstrich, der früher Moab gehörte, später an Emori abgetreten werden mußte, woraus er wiederum in der Folge von den Israeliten erobert wurde). Da, nahe an dem Zeitpunkte, in dem das Volk den Jordan zur Eroberung Kanaans überschreiten sollte, „begann Mose diese Thora zu erklären". Er hielt eine Ansprache, oder richtiger eine Reihe von Ansprachen, an das Volk, in denen er alle Ereignisse, die Israel in der Wüste erlebte, rekapitulierte, dem Volke die Vorgänge während der Wanderschaft in Erinnerung rufend, es vielfach wegen seines gegen Gott erwiesenen Ungehorsams zurechtweisend, andererseits aber die bereits ergangenen religiösen Gebote und Verbote erläuternd oder ergänzend. Diese Ansprachen füllen den weitaus größten Teil des fünften Buches des Pentateuchs, des sogenannten Deuteronomiums, aus. Die Diktion dieses Buches unterscheidet sich sowohl äußerlich wie innerlich von der in den ersten vier Büchern. Denn während vom zweiten Buche an von Mose immer in der dritten Person gesprochen wird, so daß die Rede den Eindruck Hervorrusen muß, daß die Aufzeichnungen nicht von Mose selbst, sondern von einem seiner Zeitgenossen gemacht worden seien: spricht der große Prophet im fünften Buch in erster Person, so daß wir deutlich sehen können, daß wir es mit einer von ihm gehaltenen Rede zu thun haben. Auch die äußere Form dieses Buches weist auf an das Volk wirklich gehaltene Reden hin. Die Diktion ist lebhaft, schwungvoll und herzgewinnend. Wie ein mächtiger Strom ergießt sich der Redefluß, breit und tief zugleich, ergreifend und hinreißend. Man kann das fünfte Buch Mosis als rein homiletische Vorträge bezeichnen, freilich sind es Vorträge, wie sie niemals zuvor und nachher von menschlichen Lippen je gesprochen worden sind; deren mächtiger Wirkung wir uns noch heutigen Tages nicht entziehen können, wenn wir dies herrliche Buch in der Ursprache zu lesen verstehen. Es ist nun die Frage, ob begründete Zweifel gegen die Authentizität dieses Buches vorhanden seien? Ob wir es nämlich als ein Buch aus dem Zeitalter Mosis halten dürfen, oder vielmehr mit den Bibelkritikern annehmen müssen, daß das Deuteronomium einer späteren Zeit angehöre? Wir -müssen jedoch bei der Erörterung dieser wichtigen Frage zuerst hervorheben, daß man den Zeitpunkt der Verlautbarung des fünften Buches Mosis nicht mit jenem der Abfassung identifizieren darf. Es wird nämlich allgemein als ein Axiom betrachtet, daß dieses Buch erst in der spätesten Königszeit, unter der Regierung des unglücklichen Königs Josia (im letzten Viertel des siebenten vorchristlichen Jahrhunderts) „ausgesunden" worden sei. Andere haben deutlich ihre Ansicht dahin ausgesprochen, daß bei der „Auffindung" des Deuteronomiums ein „frommer Betrug" verübt worden sei; man hätte dieses Buch dem König geschickt untergeschoben, um ihn für die prophetische Lehre zu gewinnen. Sehen wir uns den Bericht im 2. Buche der Könige (Kap. 22, 8-1i) an. Dort ist zuerst von der durch den König angeordneten Restauration des Heiligtums die Rede, und dann heißt es weiter in ruhigem, erzählenden Tone: „und es sprach Ehilkijah, der Hohepriester, zu Schafau, dem Schreiber: das Buch der Lehre habe ich im Hause Gottes gefunden; Ehilkijah gab das Buch dem Schafan und dieser las es. Schafan, der Schreiber, kam hierauf zum König und gab diesem Bescheid: Deine Diener haben alles Geld, das im Hause (im Heiligtum) vorgefunden worden ist (nämlich der Tempelschatz), gezählt und übergaben es den Werkmeistern, die über (die Restauration des) Heiligtums gesetzt sind. Und Schafan, der Schreiber, sprach ferner zum König wie folgt: ein Buch gab mir der Priester Ehilkijah, Schafan las es auch dem Könige vor." Die Lektüre dieses Buches, wahrscheinlich jener Teil, in dem sich die Strafandrohung wegen der Vernachlässigung des göttlichen Gesetzes befindet, machte aus den König einen geradezu erschütternden Eindruck. Er fürchtete das Hereinbrechen der angedrohten Strafe über das Volk und beeilte sich, die mosaische Lehre in ihrem vollen Umfange wieder herzustellen, uni Gottes Zorn von dem kleinen Reste Israels abzuwenden. Wenn wir diese Erzählung unbefangen lesen, so finden wir vor allem, daß nirgends von dem fünften Buche, von dem Deuteronomium, die Rede ist. Will man deshalb darauf schließen, daß nur dieses Buch gemeint sein könne, weil in der biblischen Erzählung von der Auffindung des „Buches der Lehren" die Strafandrohung an Israel die Hauptrolle spielt, so muß dem gegenüber erinnert werden, daß dieselbe Strafandrohung mit kleinen Aenderungen am Schluffe des dritten Buches vorkommt. Wir sehen demgemäß nicht ein, warum nicht ebensogut anläßlich der Restauration des Heiligtums der ganze Pentateuch ausgefunden worden sein konnte. Der Bericht selbst ist bei unbefangener Prüfung in der Weise zu verstehen, daß die Bücher Mosis in jener Zeit wohl dem Volk in Erinnerung geblieben, aber nicht häufig zu finden waren. Man darf nicht vergessen, daß.'von einer Verbreitung der mosaischen Lehre im modernen Sinnen zu jener Zeit überhaupt nicht die Rede sein konnte. Denn erstens war damals die Kunst des Lesens und Schreibens nicht Jedermann geläufig, außerdem war es keine Kleinigkeit, sich ein Buch von diesem Umsang abzuschreiben oder abschreiben zu lassen, und schließlich pflegte ein Religionsbuch in der Regel sorgfältig

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