Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Journal
- Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Volume
- 6 (1897)
- Issue
- 52 (24.12.1897)
- Date
- 1897-12-24
- Page
- Seite 899 (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 52, Allgemeine Israelitische Wochenschrift. Seite 899. von den Priestern aufbewahrt zu werden, sodaß das Laienpublrkum schwerlich genaue Kenntnis von seinem Inhalt erlangen konnte. Der unmittelbare Vorgänger Josias auf dem jndäischen Thron war sein Vater Amon, der indessen nur zwei Jahre regierte, worauf er einer Palastrevolution zum Opfer siel. Amon war ein Feind der mosaischen Lehre und scheint von Anhängern der Propheten, welche auf die Wiederherstellung der Thora bedacht waren, gestürzt worden zu sein. Das Volk hat zwar die Mörder mit dem Tode bestraft, der minderjährige König Josia kam jedoch nichtsdestoweniger unter den Einfluß der den Prophetenkreisen nahestehenden Hosleute. Und nun denke man sich die trostlosen Zustände, die um jene Zeit in Judäa herrschten! Amons Vorgänger aus dem Throne war nämlich sein Vater Manasse, ein Herrscher, der in der judäischen und israelitischen Geschichte kaum seines Gleichen an Grausamkeit und Schlechtigkeit findet. Zum Unglück für das Volk regierte dieser lasterhafte König nicht weniger als sünsund fünfzig Jahre, in welchem Zeitraum er Judäa aufs äußerste demoralisieren und korrumpieren konnte. Er führte in Jerusalem den scheußlichen Molochdienst ein, dem er seinen eigenen Sohn opferte. Außerdem war der König grausam und blutgierig, namentlich ließ er die Propheten hinmorden, welche dem Herrscher bei der Vernichtung der mosaischen Lehre hinderlich waren. „Vieles unschuldige Blut vergoß Manasse, sodaß er die Stadt Jerusalem damit füllte", heißt es in der Königschronik von diesem entarteten Könige. Kein Wunder also, daß das „Buch der Lehre" während dieser Zeit immer seltener wurde, zumal die Priester, deren Obhut das heilige Buch anvertraut war, in ihrer Mehrheit dem König in der Einführung des heidnischen Kultus willig folgten. Von dem Zeitpunkt, in dem Manasse aus den Thron gelangt war, bis zu jenem der Restauration des Tempels waren siebenundsechzig Jahre verflossen?) In diesem Zeitraum konnte die Lehre Mosis wohl eine Seltenheit werden, aber gänzlich verschollen war sie doch nicht, wenigstens war sie in Propheten- und Priesterkreisen in guter Erinnerung. Anläßlich der Reparaturarbeiten, die im elften Regierungsjahre Josuas im Tempel vorgenommen worden sind, fand der Hohepriester Chilkijah „das Buch der Lehre", d. h. das wohlbekannte Buch, das man infolge der stürmischen Vorgänge vielleicht für verloren gehalten hatte. Nur für den jungen König mag es ein Buch gewesen sein; er hatte zum ersten Male Gelegenheit, von dessen Inhalt Kenntnis zu erhalten, weshalb die Lektüre des Buches auf ihn einen solchen erschütternden Eindruck machen mußte. Es wird aber auch nicht mit einem Worte angedeutet, daß man damals ein neues Buch aufgesunden hätte, noch weniger, daß dieses aufgefundene Buch das Deuteronomium gewesen sei. *) Die 55 Regierungsjahre Manasses plus 2 Regierungsjahre Amons und plus die ersten 10 Regierungsjahre Josuas, nach welchen erst die Ausbesserung des Tempels vorgenommen worden ist. Drr Rabbi von Frankfurt. Novelle nach einer wahren Begebenheit von L. S. (Fortsetzung.) „Das ist meine Geschichte," schloß der Rabbi, „und Ihr werdet mir zustimmen, daß sie nicht harmonisch zusammenklinge mit Jubellied und Sabbatlust und Freitagabendgesängen. Vergebet, daß ich Euer Herz damit beschwert; nehmet den Dank eines Unglücklichen hin für Euere herzliche Teilnahme. Möge Gott Euch bewahren vor allem Bösen und mir die Sühne gewähren, nach welcher mein Herz sich sehnt!'- — In Wahrheit waren die beiden Ehegatten der Erzählung mit gleicher Teilnahme gefolgt, aber nicht mit gleichen Empfindungen. — Die edle Hanna war bewegt von den reinsten, menschlichen Gefühlen; sie weihte dem seltenen Mißgeschicke manche Zähre des innigsten Mitleids; tief in ihr weiches Herz drang die Rede des klagenden Pilgers, und eben so hoch — denn im Menschenherzen 'wie in der Natur gelten dieselben Gesetze — stieg der Springquell des Gefühles, der seine hellen Perlen durch das spiegelklare Auge in die Welt strahlte. — Anders im Herzen des Gatten! — Hier drängten sich rauschend und zischend über die rauhen Felsen Wogen auf Wogen, die zuweilen kurze Strecken ruhig dahinflossen, den Himmel aus einer schuldlosen Seele wiederspiegelnd, dann aber auss Neue zürnend ausschäumten, den Unwillen kundgebend eines mit Unrecht beschuldigten Gemütes. — Wäre der Rabbi nicht so ganz von seines Lebens lebhafter Schilderung sortgerissen, des edlen Weibes Sinn nicht so mächtig von der Erzählung ßesesselt worden, sie hätten in des Mannes Brust den Sturm mahrnehmen müssen, dessen Gewalt das Herz so in seinen Tiefen erschütterte, daß davon unaufhörlich die Mienen und Züge des Angesichts mit bewegt wurden, gleich den Segeln und Raen eines hin- und hergeworsenen Schiffes. — Die Abendmahlzeit war unter wechselnden, teilnahmvollen Gesprächen beendet, und der durch seine Erzählung erleichterte Rabbi ging mit dankendem Gemüte zur Ruhe. — Denn das ist die mächtige Wirkung des Bekenntnisses, daß es, die Schuld aus uns hinausstellend, dem Herzen Raum gewährt zu freierem Ausatmen. — Der Hausherr aber schied, unter den Vorgeben wichtiger Geschäfte, von seiner Gattin und begab sich in den gegenüberliegenden Teil des Hauses. Er berief seine vertrautesten Diener, mit denen er große und wichtige Vorbereitungen getroffen haben mußte; denn als er, lange nach Mitternacht, damit zu Ende gekommen war, sprach er, als er sich zur Ruhe begab, zu sich selber: „er sehnet sich nach Sühne — sie soll ihm werden!" — Die Talmudisten hielten viel auf Morgenträume: es läuterte sich da die Seele allmälig und befreie sich von der Uebermacht der sinnlichen Natur, die sie in die Bande der Erschlaffung geschlagen; und wie der Vogel sich erhebt mit neugekräftigten Flügeln, so erhebe sich die Seele am Morgen zum klaren Schauen, und die Träume werden Stimmen der Offenbarung. — '