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Allgemeine Israelitische Wochenschrift · 1897-12-24 · 52 (24.12.1897) · p. Seite 891

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Journal
Allgemeine Israelitische Wochenschrift
Volume
6 (1897)
Issue
52 (24.12.1897)
Date
1897-12-24
Page
Seite 891 (sequence 7)
Language
German
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Nr. 52. Allgemeine Israelitische Wochenschrift. Seite 891. Der Redner sprach dann von der Abschließung der Juden gegen die Völker, unter denen sie leben, weist aus ihre wahre Ursache hin und erklärt sie nicht als alleinige Folge des mosaischen Gesetzes und der rituellen Vorschriften, sondern der Ausschließung Und Absperrung, zu welcher sie die Landesgesetze im Mittelalter gewaltsam verurteilten. Naturgemäß entwickelte sich daraus ein engeres Anschließen aneinander, der „Stammesgeist" und die „israelitische Solidarität", wie die Gegner sie zu bezeichnen pflegen. Dieser Geist war in allen abendländischen Ländern im Schwinden begriffen, der Antisemitismus hat es fertig gebracht, ihn neu zu beleben. Mit der Drohung, die Juden außerhalb des Gesetzes zu stellen, mit der Verkündigung, daß sie keinen Teil der modernen Völker bilden können, sind sie zu fester Aneinanderkettung gezwungen. „Er hat, für lange Zeit vielleicht, die Juden auf sich selbst zurückgewiesen und den Judaismus gestärkt und Israel gekräftigt." An den Vorwurf der Exklusivismus schließt sich der des Kosmopolitismus: „Viele sind Kosmopoliten, weil es ihnen verweigert worden ist, ein Vaterland zu haben und weil ihr Suchen nach einem solchen fruchtlos und vergebens war." Und die auch hier angewandte „Blocktheorie" führt zum Unrecht. Man muß zwischen Juden und Inden ebenso unterscheiden wie zwischen Christen und Christen. Wenn es in unserem Frankreich auch Juden giebt, die von außen gekommen sind, um hier ihr Glück zu machen oder das anderswo erworbene Vermögen hier zu genießen, so giebt es im Gegensatz zu diesen andere, die Franzosen sind, seit Generationen, ja, seit Jahrhunderten, wie die Juden von Bordeaux und des Komtats, und ihnen, die aus französischem Boden geboren und erzogen, die in unseren Schulen mit französischem Geiste und Patriotismus genährt sind, hat niemand das Recht, sich Franzosen zu nennen, streitig zu machen. Leroy-Beaulieu legt den Katholiken an's Herz, mit dem Vorwurf des Kosmopolitismus nicht um sich zu werfen, denn er kann sich leicht gegen sie richten. Die „Kirche" ist kosmopolitisch, international oder besser supernational. „Ich wage selbst zu sagen, daß jede große Kirche kosmopolitisch ist, und eine von den Thatsachen, welche die Stärke und die Ueberlegenheit des Katholicismns bilden, ist, wie es schon sein Name anzeigt, der Umstand, daß er vor allem eine universelle Kirche sein will. Niemand wird bestreiten, daß die Geistlichkeit ihr Oberhaupt im Auslande hat, und daß die meisten großen religiösen Orden, die so sehr ruhmreichen Kämpfer der Kirche, eine internationale Organisation haben. Daher kommt es, daß die gegen die Juden erhobenen Anklagen seltsamerweise an die erinnern, welche das achtzehnte und neunzehnte Jahrhundert hindurch gegen die Jesuiten gerichtet wurden. Sie wurden, genau wie die Juden, als ein kosmopolitisches Element, als ein fremder Körper, in der Nation, als Rebellen gegen die Gesetze, mit einem Worte nach der Formel, welche uns die Juristen überliefert haben, als ein „Staat im Staate" gekennzeichnet. Dieser perfide Vorwurf des Kosmopolitismus ist ein zweischneidiges Schwert, welches die Freunde der Religionsfreiheit und die Katholiken nur mit der größten Vorsicht handhaben sollten, aus Furcht, sich selbst zu verletzen." N)ochen-(Lhronik. Wochen- Dezember 1897. Tebeth 5658 Kalender. Freilag*). . . 24 29 Sabb. Ans. 4,0. Sonnabend*) . 25 301 r V‘PC Sabb. Ausg. 4,42. Sonntag*) . . 26 111 \ l Montag*) . . 27 2 Dienstag . . . 28 3 Mittwoch. . . 29 4 Donnerstag . . 30 5 Freitag . . . 31 6 Sonnabend . . 1 7 *) Chanuka. * Berlin, 20. Dezember. („Die Enkelkinder des Ghettos".) Mit der nächsten Nummer wird die Erzählung „Der Rabbi von Frankfurt" im Feuilleton unseres Blattes abgeschlossen. Der neue Jahrgang beginnt mit einem ungemein interessanten und fesselnden Roman, „Die Enkelkinder des Ghettos" aus der Feder des größten Ghettodichters I. Zangwill. Wir erlauben uns schon jetzt die Aufmerksamkeit der geehrten Leser auf diesen Roman zu lenken, der nicht nur, rein künstlerisch genommen, zu den besten Erzeugnissen der neuen Belletristik gehört, sondern auch uns mit den geistigen Strömungen in der Judenheit der Gegenwart vertraut macht. Der Roman soll zwar in erster Reihe das Leben der wohlhabenden Mittelklasse der Londoner Judenheit wiederspiegeln; aber die Typen, die uns Zangwill vorführt, sind auch in Berlin und in jeder jüdischen Großgemeinde zu finden. Der berühmte Ghettodichter macht uns mit einigen Jdealgestalten bekannt, die in ihrem unbegrenzten Enthusiasmus für das Judentum sich in den Dienst der Neubelebung des jüdischen Stammes stellen, aber von der Engherzigkeit und dem Unverstand der Zeitgenossen in ihrem edlen Wollen gehindert werden. Die Erzählung wirkt aus den Leser ergreifend; die Helden der Dichtung nehmen schon deshalb unser reges Interesse in Anspruch, weil alles aus dem wirklichen Leben gegriffen ist. Zangwill hat in den „Enkelkindern des Ghettos" zugleich eine Fülle von Gedanken über Juden und Judentum verarbeitet, sodaß wir von diesem Roman mit vollem Rechte sagen dürfen, daß er gleichzeitig unterhaltend und belehrend ist. Diese Gedanken unter unseren Glaubensgenossen zu verbreiten, ist gewiß kein geringes Verdienst. Wir bieten diesen Zangwillschen Roman in einer mustergiltigen deutschen Uebersetzung. Er wird wöchentlich in größeren Abschnitten zum Abdruck gelangen, wodurch der Eindruck dieser Lektüre ein um so größerer sein dürste. Berlin, 15. Dezember. (Im Verein für Arbeitsnachweis), begründet von denBerliner Bnai-B riß Logen fand am 13. d. Mts. im Bureau Klosterstraße 44 unter Leitung des Vorsitzenden Herrn Eugen Rosenstiel und unter Assistenz des Herrn Oberamtmann Ludwig Cohn eine Versammlung zur Konstituierung eines Damenkomitees statt, welches sich aus Vorstandsmitgliedern verschiedener hiesiger Frauenvereine zu-

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