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Allgemeine Israelitische Wochenschrift · 1897-12-24 · 52 (24.12.1897) · p. Seite 890

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Journal
Allgemeine Israelitische Wochenschrift
Volume
6 (1897)
Issue
52 (24.12.1897)
Date
1897-12-24
Page
Seite 890 (sequence 6)
Language
German
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Seite 890. Allgemeine Israelitische Wochenschrift. Nr. 52. Rabbiner nachzulaufen, der zu jenen gehört, von denen zwölf ein vollzähliges Dutzend bilden. Diese nervöse Hast ist durchaus unbegründet. Unsere Gemeindebehörden können^allen Machinationen gegenüber den „Mut der Kaltblütigkeit" entgegensetzen. In der Gemeinde ist alles ruhig und man kann geduldig abwarten, bis eine geeignete Kraft für Berlin gefunden wird. Im Rabbinat von Berlin Sitz und Stimme zu erhalten, ist keine unbedeutende Ehre, und wir brauchen uns nicht wegzuwerfen, diesen Rabbinatssitz dem ersten besten anzubieten. Die religiösen Gemeindeinstitutionen werden auch jetzt vom Rabbinat aufs gewissenhafteste kontroliert. Gegen die Zuverlässigkeit dieser Institutionen hat man bisher außer allgemein gehaltenen Verdächtigungen nichts Vorbringen können. Freilich giebt es leider in unserer Mitte Menschen, die Kameele schlucken und Mücken seihen', die nämlich „fromm" die Augen verdrehen und über die Gottlosigkeit unserer Gemeinde Ach und Wehe rufen, dabei sich aber nicht scheuen, gegen die geistlichen Führer der Gemeinde grundlose Verdächtigungen auszustreuen. Aber die Zahl dieser wackeren „Gotteseiferer" ist gottlob eine sehr geringe. Es wäre geradezu verhängnisvoll, wenn unsere Gemeindebehörden sich von dieser beschränkten Zahl — die Bezeichnung „beschränkt" trifft nach jeder Richtung zu — Agitatoren, deren eigennützige Bestrebungen übrigens jedem Eingeweihten bekannt sind, einschüchtern ließen und uns einen Rabbiner bescheren wollten, der nach Berlin lediglich mit der Mission käme, alles zu „affern" und zu „paffeln". Dadurch würde natürlich am meisten die konservative Idee kompromittiert werden, für welche wir uns mit allen Kräften einfetzen. Gerade im Namen der konservativen Richtung protestieren wir gegen dieses Treiben und hoffen, daß unsere Warnung auf einen empfänglichen Boden fallen wird. Die Diskreditierung unserer Gemeinde nach Innen und nach Außen soll und muß endlich aufhören. Ueber Gemeindeangelegenheiten von solcher Bedeutung darf nicht fürder in aller Hast beschlossen werden, am allerwenigsten über die Wahl eines religiösen Oberhauptes der Gemeinde Berlin. Eine Dorlksimg Lkroy-Kkaulieils. Von Dr. S. Kayserling. III?) Der Antisemitismus soll nach Leroy-Beaulieu in Frankreich deshalb so fruchtbaren Boden gefunden haben, weil es in den Augen der Regierung mit ihrem antichristlichen Geiste schon ein Vorzug war, „nicht Katholik, nicht Christ" zu sein; somit hatten die Juden und mit ihnen zuweilen die Protestanten den Vorteil, in Regierungskreisen eine besondere Begünstigung zu genießen. „Das ist," schließt der Redner mit Recht „weder gerecht noch naturgemäß. Man darf den Juden die Gleichheit vor deni Gesetze nicht verkümmern, aber man soll andrerseits ihnen auch keine Vorrechte einräumen". „Der Jude wird beschuldigt, die Völker, in deren Mitte er lebt, ihres nationalen Charakters zu berauben. Ein schwerer Vorwurf in einem Jahrhundert, wie das unsrige, in *) Siehe Nr. 49. dem der Geist der Nationalität alle Völker ergriffen hat. Mit diesem Wort leitet der Redner die Besprechung vom nationalen Standpunkte aus ein. „Der Jude ist ein fremdes Element, und der Antisemit will dabei nicht an die jüdische Religion denken — obgleich in Wahrheit nur die Religion den Juden erhalten hat — sondern an seine Abstammung: er ist Semit." Hieraus ist der größte Nachdruck gelegt, denn, genau genommen, dürste man nicht von „Antisemitismus", sondern müßte von „Antijudaismus" reden! „Ich kann hier zu meinem Bedauern nicht untersuchen, bis zu welchem Grade der Jude ein reiner Semit ist; und doch ruht auf dem Gegensatz der semitischen und arischen Raffe der ganze jetzige Antisemitismus". Es giebt nichts Trügerischeres, nichts Doppelsinnigeres als historische Theorien, die sich auf Raffe und Abstammung stützen. Angenommen der Jude ist Semit, während die Christen Arier sind: Haben wir das Recht mit den antisemitischen Helfershelfern zu behaupten, daß die semitische Raffe eine niedrigere sei, als die Arische. Die Antisemiten treiben mit Vorliebe ihre besondere Ethnographie, welche „einfach" oder richtiger bezeichnet „einfältig" ist; für sie sind die Arier die Repräsentanten aller edelmütigen, hohen, hochherzigen Gesinnungen, während die Semiten immer und überall nur die gewinnsüchtigen, gemeinen, in der Denkungsart vertreten. Was beginnen wir bei diesem Urteile mit dem Christentums? Ich kenne konsequente Antisemiten, welche sagen: „Der große Fehler der Semiten, das Verbrechen, das wir ihnen nicht verzeihen, ist, die Väter der religiösen Idee zu sein." So Voltaire, der große Verächter Israels und der große Lästerer der Bibel, des neuen Testaments nicht minder, als des alten. „Wer kann leugnen, daß von semitischem Blute, von jüdischem Blute, Christus und das Christentum entsprossen sind. Sie haben in den Glasscheiben unserer alten Kathedrale im Bilde des mystischen Baumes Pai's den Stamm sich emporrichten sehen und die Zweige sich ausbreiten, von denen ein jeder einen der Vorfahren des Erlösers trägt. Nun, alle diese Vorfahren des Sohnes David waren Semiten, waren Juden. Das Blut, das in Christi Adern rollte, das Blut, das nach christlichem Glauben die Welt erlöst hat, war semitisches Blut. Die Jungfrau Maria, die Apostel, die ersten Jünger des Heilands, sie alle waren von israelitischer Raffe. „Ja, antwortet der Redner aus einen herausfordernden Zwischenruf: es hat sich unter den zwölf Aposteln ein Judas befunden, aber auch Petrus und Johannes wie Paulus von Tarsus, die von derselben jüdischen Raffe waren. Tie Pilger, die heute in der St. Peterskirche zu Rom oder in der des St. Johannes vom Lateran niederknien, verehren, ohne daß sie es wissen, semitische Reliquien und nicht arische. Wie kann demnach ein Christ mit den Gelehrten des Antisemitismus behaupten, daß das semitische Blut niedriger Art, verdorben und.,in seinem Ursprünge bereits befleckt sei." Die Antisemiten begnügen sich nicht, die heutigen Juden anzugreifen, sie gehen vielmehr weit zurück ins graue Altertum und graben im alten Testamente nach Gewohnheiten, nach Charakterzügen, die diese ihre These, auf die sie mit angeblicher Wissenschaftlichkeit ihr ganzes Gebäude aufrichten, zu stützen scheinen; ohne zu bedenken, daß von jedem Angriff aus das alte Testament auch das neue berührt wird.

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