Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Journal
- Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Volume
- 6 (1897)
- Issue
- 52 (24.12.1897)
- Date
- 1897-12-24
- Page
- Seite 889 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Nr. 52. Allgemeine Israelitische Wochenschrift. Seite 889. Nun denn, wir wollen hiermit ein Kapitel jüdische Geschichte schreiben, und es ist nicht unsere Schuld, daß es kein erfreuliches ist. Vor etwa drei Jahren, als die Berliner Bewegung begonnen hat, war es Schreiber dieser Zeilen, der zuerst in einem kleinen Kreise den Gedanken ausgesprochen, die Gemeinde Berlin müßte bei eintretender Vakanz im Rabbinat auf die Berufung einer bedeutenden Autorität bedacht sein. Wir dachten damals garnicht an einen „konservativen" Rabbiner als „Kauscherwächter", und zwar schon deshalb nicht, weil die religiösen Institutionen unserer Gemeinde, wie jeder Kenner der Dinge weiß, sich in der vorzüglichsten Verfassung befinden und nichts zu wünschen übrig lassen. Nach dieser Richtung steht Berlin selbst der heiligen Gemeinde zu Jerusalem nicht im mindesten nach; jedenfalls können sich die religiösen Institutionen unserer Gemeinde, trotz aller Verleumdungen, die gegen sie ausgestreut werden, was ihre Zuverlässigkeit betrifft, kühn mit denen der orthodoxen Separatgemeinde messen, gegen die wir übrigens nichts haben und deren Existenzberechtigung wir durchaus gelten lassen. Als wir den Gedanken von der Berufung einer bedeutenden wissenschaftlichen Autorität nach Berlin aussprachen, hatten wir eine bestimmte Person im Auge, einen Mann von wissenschaftlichem Ruse, der sich auf dem Gebiete der jüdischen Wissenschaft einen unsterblichen Namen gemacht hat. Vor etwa zwanzig Jahren sollte.er der Nachfolger Geigers in Berlin werden; da er sich aber nicht aus den Standpunkt der Leipziger Synode stellen wollte, so zerschlug sich damals die Sache. Unterdessen ist der in Rede stehende Theologe, beiläufig gesagt, ein Mann von konservativer Gesinnung, eine Zierde der Wissenschaft geworden, und wir dachten, das heutige Berlin könnte vielleicht den Fehler wieder gut machen, den das Berlin der siebziger Jahre aus „liberalem" Fanatismus zum großen Schaden der Gemeinde begangen hat. Im klebrigen hörten wir bald daraus, daß jener Gelehrte, der im Auslande eine hervorragende Stellung einnimmt, weder nach Berlin kommen, noch überhaupt ein Rabbinatsamt bekleiden will, und somit war die ganze Angelegenheit für uns erledigt. Da wurde von anderer Seite mit einem Male ein Schlagwort in die Massen geworfen: Berlin brauche dringend einen „konservativen" Rabbiner, da die konservativen Elemente der Gemeinde im Rabbinat keine Vertretung hätten. Dies ist zwar nicht wahr, denn die amtierenden vier Rabbiner sind bis aus einen konservativ oder höchstens gemäßigt liberal. Der vierte, wir können übrigens den Namen nennen: Dr. Maybaum, wurde früher als radikal verschrien, was er auch zu sein schien, in der letzten Zeit jedoch zeigte er sich sehr besonnen und gemäßigt. Wir brauchen ihm deshalb keine unlauteren Motive zu insinuieren, da es schon oft vorgekommen ist, daß ein Theologe im vorgerückten Alter seine freisinnig en Anschauungen aufgegeben und sich mehr und mehr der konservativen Richtung genähert hat. Bei dieser Sachlage sind somit nicht die Konservativen unserer Gemeinde ohne Vertretung im Rabbinat, sondern eher die Liberalen. Da wir aber selbst der konservativen Richtung angehören, so freuten wir uns über den Zuwachs an Bedeutung und Macht und überließen es den liberalen Gemeindemitgliedern, ihr gutes Recht selbst zu reklamieren. Thaten sie dies nicht, desto 1 besser; wir fühlten uns nicht berufen, ihr Advokat zu sein. Die Verwaltungsbehörden traten mit einigen nicht unbedeutenden Rabbinern wegen Uebernahme des Rabbineramts in Berlin in Unterhandlung; diese lehnten jedoch einer nach dem andern ab. Dagegen läßt sich nichts einwenden, und von einem angesehenen Rabbiner einen Refus zu erhalten, ist schließlich keine Schande. In der guten alten Zeit pflegte man überhaupt nur auf diesem Weg einen Rabbiner zu berufen; man war somit zu jeder Zeit der Gefahr ausgesetzt, daß die Liebeswerbungen vergeblich sein würden. Schlimm sollte die Sache bei uns erst durch die neueste Wendung werden. Es trat nämlich mit einem Mal eine neue „Bewegung" auf den Plan. Nicht mehr um die Besetzung des vakant gewordenen Sitzes im Rabbinat durch eine anerkannte theologische Autorität handelte es sich jetzt, sondern um eine „Gewissenssrage". Vier bis fünf Personen liefen von Versammlung zu Versammlung und weinten bittere Thränen: das Judentum sei in Gefahr, die religiösen Gemeinde - Institutionen seien ohne Kontrolle und daher vom Standpunkte des konservativen Judentums nicht zuverlässig und einwandfrei. Von diesem Gesichtspunkte aus wurde die Rabbinerfrage in Berlin im Handumdrehen eine „brennende". Wollte der Vorstand nicht die Sünde auf sich laden, die frommen Mitglieder der Gemeinde ohne Koscherfleisch zu lassen, so mußte er schleunigst einen „orthodoxen" Rabbiner nach Berlin berufen, der die „Haschgocho" übernehmen solle, wie es im lieblichen Jargon heißt. Unter solchen Umständen blieb eigentlich keine Wahl übrig; man mußte sich beeilen, einen „frommen" Rabbiner, den ersten besten, mit der Beaufsichtigung der „Schechitah" und des rituellen Bades zu betrauen, damit in Berlin ja kein „Trepha" mehr gegessen werde oder gar noch Schlimmeres passiere. Man muß es inderthat als erstaunlich bezeichnen, daß sich die Berliner Gemeinde diesen Unsinn so rasch suggerieren ließ. Es wollte in den letzten Monaten scheinen, als ob unsere Gemeinde mit einem Male ganz „gottlos" geworden. Jedes Stückchen Fleisch, das in unseren Mund kommt, sei „trepha". Der Vorstand ließ sich in seiner Herzensangst dazu herbei, einen Rabbiner aus einer mittleren Provinzgemeinde um die Uebernahme des Rabbinats, richtiger der „Kauscherwacht", in Berlin zu bitten, ohne daß wir trotz vieler Mühe entdecken konnten, wodurch der betreffende Herr „orthodoxer" wäre als die bereits amtierenden Rabbiner. Auch jener Rabbiner predigt zur Zeit in einer „Orgelsynagoge"; wissenschaftlich hat er sich durch nichts bekannt gemacht. Er ist „orthodox", weil er in einem kleinen Konventikel „gekaschert" wurde. Wozu in aller Welt brauchte aber unsere Gemeinde solchen „Größen" nachzulaufen und sich dabei einen blamablen Korb holen? Ein bischen mehr Lokalpatriotismus und Selbstgefühl könnte uns wahrhaftig nicht schaden. Berlin ist eine vornehme und angesehene Gemeinde, die aus eine ruhmreiche Vergangenheit zurückblickt. Sie ist die erste in Deutschland und eine der ersten in der Judenheit. Sie vergiebt sich nicht im mindesten, wenn sie um eine bedeutende Kapazität wirbt, selbst wenn die Werbung erfolglos bleibt. Aber sie braucht f '