Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Journal
- Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Volume
- 6 (1897)
- Issue
- 52 (24.12.1897)
- Date
- 1897-12-24
- Page
- Seite 888 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Seite 888. Allgemeine Israelitische Wochenschrift. Nr. 62. Dieses hehre Ziel erreichen zu helfen, ist die hohe Aufgabe eines jeden Juden, der dem väterlichen Glauben nicht verächtlich den Rücken kehren will. Aber durch die Publizistik sollen diese Bestrebungen ein wirksames Organ erhalten. Ein jüdisches Blatt hat die Ausgabe, stets der energische Mahner zur Pflicht zu sein, selbst wenn der Mahner oft unbequem wird. In der Erfüllung dieser Aufgaben flnden wir auch fernerhin den wahren Beruf der jüdischen Publizistik. Wir gestehen offen, daß wir das Heil Israels nicht in dem einschläfernden Eiapopeia finden, in der Leisetreterei, in der entnervenden Beschwichtigungsmethode. Nein, so oft es not thut, soll eine kräftige, laute Stimme vernommen, soll das schlafende Gewissen wachgerufen werden. An den zu Tage tretenden Erscheinungen Kritik zu üben, dies halten wir für die heiligste Pflicht der Journalistik. Aber diese Kritik soll stets in der Liebe zum Judentum begründet sein, stets nur das Wohl der Gesamtheit im Auge haben. Wir hoffen die Wirksamkeit der Kritik dadurch zu erhöhen, daß sie stets unparteiisch geübt und sich von allen gehässigen Angriffen auf einzelne Personen fern halten wird. Unser Blatt steht nicht im Dienst irgend einer Partei; ja, wir beginnen die Berechtigung des Parteiwesens in der Judenheit in Zweifel zu ziehen. Für uns gilt es lediglich, an der Förderung des Judentums, das uns allen gleich wert und teuer sein muß, mitzuarbeiten. Wer sich zum Judentum laut und mutig bekennt, wer an dessen Fortentwickelung Mitarbeiten will, der zählt zu unfern Freunden. Das Judentum wird konservativ sein, oder es wird überhaupt niHt sein. Dies ist unsere felsenfeste Ueberzeugung, die in der richtigen Auffassung der jüdischen Geschichte ihre Begründung findet. In diesem Sinne will unser Blatt für das konservative Judentum wirken, für das konservative Judentum in der wahren Bedeutung dieses Wortes. Aber wir perhorreszieren entschieden den Zelotismus und die Unduldsamkeit gegen die andersgesinnten Glaubensgenossen. Man soll diese durch Belehrung und Diskussion zu überzeugen suchen, aber ihnen nicht jeden Anteil am Judentum absprechen. Unser Blatt ist der eingehenden Besprechung aller Tagesfragen, soweit sie das Judentum betreffen, gewidmet. Aber die sachliche Diskussion soll niemals durch persönliche Gehässigkeiten an Bedeutung und Würde verlieren. Wir glauben, daß man der Judenheit den besten Dienst erweist, wenn man unter den Lesern eiue§ jüdischen Blattes gediegene Kenntnisse über Juden und Judentum verbreitet. Die Redaktion dieses Blattes wird es sich besonders angelegen sein lassen, belehrende Aussätze über die Entwickelung der jüdischen Lehre und über die jüdische Litteratur zu bringen. Große Aufmerksamkeit soll auch der Frage der Jugenderziehung im Geiste des Judentums gewidmet werden. Namentlich die Frage, wie ein ersprießlicher Religionsunterricht zu erreichen sei, wird in unserem Blatte eingehende und gewissenhafte Erörterung finden. Aber auch nach außen hin und aus politischem Gebiete dürfen wir nicht mit orientalischem Fatalismus alle Unbilden der Zeit über uns ergehen lassen. Gewiß sind wir eine schwache Minorität und müssen bei der Abwehr ungerechter Anfeindungen sehr vorsichtig sein. Aber dies involviert nicht, daß wir den Mut sinken lassen und uns mit dem Registrieren der uns zugesügten Rechtskränkung begnügen. Das darf schon deshalb nicht geschehen, damit wir uns schließlich nicht selbst an den entehrenden Gedanken gewöhnen, daß wir in unserem Vaterland, an dem wir mit allen Fasern unseres Lebens hängen, bloße Parias sind. „Recht muß Recht bleiben," und soll auch erkämpft werden, soweit es in unseren Kräften steht, freilich nur unter Anwendung legaler und einwandfreier Mittel. Zu diesem Behufe erwarten wir die wirksamste Unterstützung und Mitarbeiterschaft aller unserer verehrten Leser. Wir werden unveränderlich bestrebt sein, unser Blatt zu einem gediegenen und lesenswerten Organ des öffentlichen Lebens in der Judenheit zu gestalten. Wir hegen aber die zuversichtliche Erwartung, daß unsere Freunde uns durch eine wirksame Verbreitung dieses Blattes in unseren Bestrebungen unterstützen werden. Wer dafür Sorge trägt, in jüdischen Familien die Lektüre jüdischer Zeitschriften heimisch zu machen, der fördert das Wohl des Judentums, der führt der Judenheit neue Kampfgenossen zu, der Hilst Israel nach innen und nach außen kräftig und widerstandsfähig machen! Die RabbiuttMhl i„ Sellin. In aller Stille hat sich die Berliner Gemeinde neulich wiederum einen niedlichen Korb geholt, seit etwa einem Jahre der vierte oder der fünfte. Der Rabbiner einer mittleren Provinzgemeinde, mit dem sich unser Vorstand oder die Kommission zur Vorbereitung der Rabbinerwahl wegen Uebernahme des Rabbinatsamts in Berlin in Verbindung gesetzt hatte, resüsierte vor einigen Tagen. Diesen Vorfall hätten wir eigentlich lieber verschwiegen, weil sich in uns schließlich der Lokalpatriotismus regt und wir somit das Beschämende dieses Refus Mitempfinden; aber wir wollen doch die Angelegenheit einer öffentlichen Besprechung unterziehen, zum Wohl und zum Heil unserer Gemeinde. Es ist nämlich eine nur wenig bekannte Thatsache, daß das Geschrei nach einem konservativen Rabbiner nicht von einem großen Teil der Gemeinde, sondern von wenigen Personen ausgeht. Die Agitation für die Berufung eines solchen Rabbiners ist mit vielem Geschick inszeniert worden, sodaß unsere Verwaltungsbehörden zu glauben scheinen, daß es sich wirklich um die Befriedigung eines Bedürfnisses handelte, das wenigstens von einem nennenswerten Bruchteil in der Gemeinde empfunden werde. Man will somit der Stimme der Gerechtigkeit Gehör geben und dem „allgemeinen Wunsche" gemäß einen konservativen Rabbiner nach Berlin berufen. Diese Legende müssen wir im Interesse der Wahrheit zerstören, denn abgesehen davon, daß wir dadurch die kompetenten Gemeindebehörden über die wahre Sachlage aufzuklären hoffen, glauben wir dies auch zum Nutzen und Frommen der künftigen jüdischen Historiker thun zu sollen. Man darf sich in späteren Jahrhunderten keine falsche Vorstellung von den religiösen Strömungen und Erscheinungen in der Gemeinde Berlin machen, die gegen Ende des neunzehnten Jahrhunderts an den Tag getreten sind.