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Allgemeine Israelitische Wochenschrift · 1897-06-04 · 23 (4.6.1897) · p. Seite 383

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Journal
Allgemeine Israelitische Wochenschrift
Volume
6 (1897)
Issue
23 (4.6.1897)
Date
1897-06-04
Page
Seite 383 (sequence 13)
Language
German
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Nr. 2!l. Allgemeine Israelitische Wochenschrift. Seile 38tf. „Das habt Ihr schon einmal gesagt," sprach Manasse streng. „Ein guter Schnorrer würde für ein Mittagessen nicht so Viele getötet haben. Das ist Verschwendung. Und außerdem habt Ihr gelogen." „Woher wißt Ihr, daß sie nicht tot sind?" verteidigte sich Jankele. Der König schüttelte vorwurfsvoll den Kopf. „Ein Schnorrer erster Klasse lügt nie," behauptete er. „Ich war mit der Wahrheit so weit gekommen, wie mit der Lüge, wenn Ihr nicht gekommen wäret selber zum Mittagessen." „Was sagt Ihr da? Ich kam, um Euch zu ernrutigen, um Euch zu zeigen, wie leicht Euere Aufgabe sei." „Im Gegentheil, Ihr habt sie mir erschwert; es war nichts mehr zum Essen da." „Aber dagegen müßt Ihr bedenken, daß der Rabbi, da er bereits Einen eingeladen hatte, nicht so schwer zu überrumpeln war, wie ich mir einbildete." „O nach Euch selbst dirst Ihr nicht urteilen," protestierte Jankele. „Ihr seid kein Schnorrer — Ihr seid ein Wunder." „Aber ich möchte auch ein Wunder zum Schwiegersohn haben," murrte der König. „Wenn Ihr schnorren einen Schwiegersohn müßtet, würdet Ihr bekommen ein Wunder; aber da er zu schnorren Euch hat, bekommt er das Wunder," sagte Jankele besänftigend. „Das ist wahr," bemerkte Manasse sinnend. „Ich glaube daher, daß Ihr auch ohne Mitgift zufrieden sein müßt." „Gewiß," stimmte Jankele zu. „Aber Ihr werdet doch Euer Versprechen nicht brechen wollen? Hoffentlich bekomme ich einen Teil der Mitgift am Hochzeitstag." „An diesem Tage werdet Ihr meine Tochter bekommen — darauf könnt Ihr Euch verlassen. Sicherlich ist das für einen Tag genug." „Rn und wann bekomm ich das Geld, das Eure Tochter aus der Synagoge bekommt?" „Wenn sie es von'der Synagoge bekommt." „Wieviel wird es sein?" „Vielleicht hundertfünfzig Pfund," sagte Manasse pompös. Jankeles Augen glänzten. „Vielleicht weniger," fügte Manasse nach reiflicher Ueberlegung hinzu. „Um wieviel weniger?" fragte Jankele ängstlich. „Um hundertsünszig Pfund," antwortete Manasse pompös. „Wollt Ihr damit sagen, daß ich gar nichts bekomm?" „Gewiß, wenn sie nichts bekommt. Ich versprach Euch blos das Geld, das sie von der Synagoge bekommen wird, wenn sie beim sorteo Glück hat." „Beim sorteo? Was ist das?" „Die Mitgift, von der ich sprach. Sie wird durch das Los entschieden. Meine Tochter hat gerade so gute Aussichten wie alle anderen Mädchen. Indem Ihr sie gewinnt, habt Ihr Aussicht, hundertsünszig Pfund zu gewinnen. Das ist eine schöne Summe, und es giebt nicht viele Väter, die so viel für ihre Töchter thun würden," schloß Manasse im Bemmßtsein seiner Großmut. „Aber, was ist's mit Eurem Jerusalemer Besitztum?" sagte Jankele ausweichend. „Ich Hab keine Lust, dort zu wohnen. Der Messias ist noch nicht gekommen." „Nein, Ihr werdet auch schwerlich dort wohnen können," gestand Manasse zu. „Habt Ihr also nichts dagegen, wenn ich es verkaufe?" „Oh nein — wenn Ihr so schmutzig seid, wenn Ihr kein wirklich jüdisches Gefühl habt." „Wann wird es übergehen in meinen Besitz?" „Wenn Ihr wollt, am Hochzeitstage." „Es ist am besten, solche Dinge rasch abzumachen," sagte Jankele und bezähmte sein Verlangen, sich vor Vergnügen die Hände zu reiben. „Wie es im Talmud steht: „Ein Pfefferkorn heute ist besser, als ein Korb voll Kürbisse morgen." „Schön, ich werde es also in die Synagoge bringen." „In die Synagoge bringen?" wiederholte Jankele erstaunt. „Oh, Ihr meint die Nebertragungsurkunde?" „Uebertragungsurkunde? Glaubt Ihr vielleicht, daß ich mein Geld den Advokaten hinwerfe? Nein, ich werde es selbst hinbringen." „Wie könnt Ihr das?" „Was ist da schwer dabei?" fragte Manasse verächtlich. Ein Kind kann einen Korb voll Erez Jisroel Erde bis in die Synagoge bringen." „Ein Korb Erde! Euer Jerusalemer Besitztum ist also ein Korb Erde?" „Was denn? Ihr habt doch nicht erwartet, daß es ein Korb Diamanten sein wird?" entgegnete Manasse in wachsender Wut. „Für einen guten Juden ist ein Korb voll Erez Jisroel- Erde mehr wert, als alle Diamanten der Welt." „Das ist ja ein Schwindel," keuchte Jankele. „Oh nein, in dieser Beziehung könnt Ihr ruhig sein. Ich weiß, daß ziemlich viel falsche Erde aus Palästina im Verkehr ist, und daß mancher Tote, dem solche Schollen ins Grab gelegt werden, trotzdem in nnheiliger Erde begraben liegt, aber ich habe Sorge getragen, diesen Korb von einen: besonders frommen Rabbi zu erhalten. Es war das Einzige, was er besaß und was des Schnorrens wert war." „Ich glaube nicht, daß ich mehr als eine Krone dafür bekommen werde," sagte Jankele, der seine Empörung nicht unterdrücken konnte. „Das sage ich auch," entgegnete Manasse. „Ich hätte aber nie gedacht, daß einer meiner Schwiegersöhne daran denken würde, meine heilige Erde für lumpige fünf Schillinge zu verkaufen! Ich werde mein Versprechen nicht znrückziehen, aber ich habe mich in Euch getäuscht, — bitter getäuscht. Hätte ich gewußt, daß diese Erde nicht Eure Gebeine bedecket: wird, so wäre sie mit mir in mein Grab gegangen, so wie ich es in meinem letzten Willen und Testamente forderte, neben dem sie in meiner Kaffe liegt." „Gut, ich werd sie nicht verlausen," sagte Jankele mürrisch. „Ihr erleichtert mein Herz. In der Mischna steht ja: „Wer ein Weib um des Geldes wegen heiratet, erzeugt ungeratene Kinder." „Und wie steht es mit der Provinz in England?" fragte Jankele in leisem, niedergeschlagenen Ton. Daran hatte

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