Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Journal
- Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Volume
- 6 (1897)
- Issue
- 23 (4.6.1897)
- Date
- 1897-06-04
- Page
- Seite 379 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Nr. 23. Allgemeine Israelitische Wochenschrift. Seite 379. Sitzung des Komitees des Kindersparvcreins statt. Herr Rentier Behrens erstattete Bericht über die Eingänge, welche die stattliche Summe von 8200 Mk. erreicht haben. Das Komitee bestimmt aufs Neue für Unterstützungen bis Ende Oktober d. I. die Summe von 3000 Mk. Ferner bewilligt das Komitee: dem Verein „Jüdisches Kinderheim" 300, der israel. Taubstummenanstalt tu Weißensee für das laufende Jahr 200, der Frau Julie Neumann als Beihilfe für drei Kinder aus der jüd. Gemeinde-Mädchenschule zu einer Ferienreise 100, und für eine durch das Ableben des Familienhauptes in Not geratene Familie 500 Mk. Für die Schaffung eines eisernen Fonds überwies Herr Moritz Manheimer dem Komitee 200 und für eben denselben Zweck anläßlich ihrer silbernen Hochzeit Herr Kommerzienrat Julius Jsaac 300 und Herr Emil Latz 500 Mk. Der geschästsführende Ausschuß ist vom Komitee mit der Ausarbeitung eines Berichtes über die bisherige Thätigkeit des Vereins betraut worden, der zugleich ein Verzeichnis der Namen ohne Angabe der Beiträge enthalten und kurz vor dem jüdischen Neujahrsfeste zum Versand gelangen wird. * Berlin, 1. Juni. (Die jüdische Frauen in der Großstadt.) Die Oesterr. Wochenschrift in Wien erhält eine Zuschrift aus dem Leserkreise, die man auch in den Großstädten Deutschlands lesen und beherzigen sollte. Sie lautet im wesentlichen: Sie kämpfen seit Jahren wacker gegen die antisemitische Hydra, aber leider wachsen ihr für jeden abgehauenen Kopf unzählige neue nach. Ich habe viel über diese „Schmach des Jahrhunderts" und auch über die oft veutilierte Frage nachgedacht, ob die Juden selbst nicht durch ihr Thun und Lassen viel zu ihrer Bekämpfung beitragen könnten. Ich gehöre nicht zu den sogenannten „jüdischen Antisemiten," die mit verächtlichem Nasenrümpfen erklären, die Juden selbst provozieren den Antisemitismus. Es scheint mir geradezu lächerlich, meinen Glaubensgenossen einen Vorwurf daraus zu machen, daß sie tenrperamentvoller, geistig regsamer und für die höheren Genüsse des Daseins empfänglicher sind, als die aus gleicher Gesellschafts- und Bildungsstufe stehenden Arier. Man spricht soviel von dem auffälligen Wesen, dem Gange, den Gesten und der Sprache der Juden, die man als spezifische „Fehler" und Rasseneigentümlichkeiten bezeichnet. Aber man beobachte einmal im Theater, auf dem Korso, auf dem Turf eine hocharistokratische Ariergesellschaft. Wie laut und lärmend ist ihre Unterhaltung, wie rücksichtslos und herausfordernd gegen die ganze Umgebung ihr Benehmen. Man könnte mit Recht auch diese Manieren unserer Aristokraten als „echt jüdisch" bezeichnen. Ich stimme also nicht denen bei, die den Antisemitismus von solchen Aeußerlichkeiten ableiten. Der Judenhaß benützt die letzteren nur und übertreibt sie, um einen nicht vorhandenen Rassengegensatz künstlich zu schaffen. Aber die Frage ist keine prinzipielle, sondern eine taktische. Sollen unsere Glaubensgenossen nicht angesichts der bestehenden feindseligen Strömung sich bis zu einem gewissen Maße eine Beschränkung ihrer gesellschaftlichen Rechte auferlegen? Nehmen wir ein flagrantes Beispiel: Unsere Frauen sind lebenslustig, kunstfreudig, gesellig. Das sind, wenn das richtige Maß eingehalten wird, eher Vorzüge als Fehler. Aber die Gegner schmieden aus diesen Eigenschaften Waffen, und die Klugheit gebietet unseren Frauen, auf der Hut zu sein. Sie mögen sich durch längere Zeit den Zwang auferlegen, Bälle, Theater und öffentliche Vergnügungsorte weniger zu besuchen; sie mögen die Eitelkeit, als Komitödamen, bei diesem oder jenem Feste, bei Bazars und Blumenkorsos zu fungieren, unterdrücken; sie mögen weniger Luxus- Kurorte aussuchen, oder sich wenigstens bei deren Besuche ein wenig auf schmucklose, einfache Toiletten beschränken; sie mögen nicht so häufig öffentliche Kaföhäuser besuchen und dafür lieber zu Hause gemütliche Abende veranstalten. Das sind, wie gesagt, nichts anderes als taktische Maßregeln. Es ist das gute Recht unserer Frauen, sich so zu geben, wie sie durch Abstammung, Erziehung und natürliche Anlage geworden sind. Dieses Recht wird ebenso der aristokratischen Lebedame, wie der philiströsen deutschen Bürgersrau, der pikanten Polin, der feurigen Magyarin, der unzivilisierten Aschantin, wie der urwüchsigen Samoauerin zugestanden; nur an den jüdischen Frauen wird immer genörgelt und gemäkelt. Das ist ungerecht, aber wir können uns den Konsequenzen eines solchen Zustandes nicht entziehen. Schon um diejenigen ad absurdum zu führen, die aus der Aenderung ihres Wesens eine Abnahme des Judenhasses erhoffen, sollten sie den Versuch einmal machen. Nützen wird es nichts, aber sie werden sich doch endlich die ewigen Vorwürfe vom Leibe halten. * Berlin, 1. Juni. (Zur Statistik der Juden in Preußen) schreiben die „Mitteil." aus dem Abwehrvcrein: Soeben erschien das neuste Heft der „Zeitschrift des königlich preußischen statistischen Bureaus", welches die Ziffern über die Bewegung der Bevölkerung in Preußen aus dem letzten Jahre (1895) enthält. Wir entnehmen dem Hefte diejenigen Daten, die sich auf die Juden beziehen, und fügen in Klammern jedesmal die Ziffern des Jahres 1894 bei. In allen Teilen ist das Bild ein dem Vorjahre wesentlich gleiches, nur wenn möglich noch ungünstiger für die Juden, als damals. Todesfälle unter Juden kamen vor Kinder unter 15 Jahren 1497 (1499) Erwachsene über 15 Jahren 4086_ (3374) 5583 (5573) Schon 1894 wies eine sehr günstige Ziffer für die Sterblichkeit aus, diejenige von 1895 ist trotz der kleinen Steigerung immer noch günstig zu nennen. Interessant ist ein Vergleich mit der allgemeinen Ziffer. Es starben 1895: Kinder unter 15 Jahren 364 402, es kämen aus die Juden 4081 (1497), Erwachsene über 15 Jahren 325 227, es kämen auf die Juden 3642 (4086). Diese Gegenüberstellung zeigt also, daß die günstige Gesamtziffer nur von der geringen Kindersterblichkeit herrührt, daß dagegen die Todesziffer bei den Erwachsenen viel höher ist als bei den Nichtjuden. Die letztere Thatsache läßt aus eine ungünstige Verteilung der Altersklassen bei den Juden schließen, c5, § ir hervorgerusen durch die seit zwei oder drei JahrzehntchunZhr niedrige Geburtsziffcr und die Auswanderung derselben lebenskräftigsten Alter. Dadurch wächst im Verhältnis zur Gesamtzahl der Anteil der höheren Altersklassen und die Zahl der Todesfälle. Die Zahl der Geburten dagegen ist gering: aus rein jüdischen Ehen. 7811 (8084) uneheliche Kinder jüdischer Mütter. 260 (273) Mischehen