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Allgemeine Israelitische Wochenschrift · 1897-06-04 · 23 (4.6.1897) · p. Seite 376

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Journal
Allgemeine Israelitische Wochenschrift
Volume
6 (1897)
Issue
23 (4.6.1897)
Date
1897-06-04
Page
Seite 376 (sequence 8)
Language
German
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Seite 376. Allgemeine Israelitische Wochenschrift. Nr. 23. aber, wie ein Verzweifelnder, alle Hindernisse überwindend, nur das Ziel im Auge, dieses zu erreichen sucht, entschließt man sich endlich, nicht achtend der Ebbe der Kasse, einen der letzteren Richtung angehörenden Herrn zu berufen. — Der glücklich Erkorene erscheint also am Freitag Nachmittag, drei Stunden vor Beginn des Sabbats und verursacht dadurch bei oben rühmlichst erwähnten Herren Siddur-Lamdonim einiges Kopfschütteln; denn die Erwägung, daß ja unter Umständen in einer Dorfstation der Zug am Freitag Nachmittag verunglücken oder steckenbleiben könnte, führt die Herren zu dem ceterum censeo: ein Rabbiner darf am Freitag Nachmittag nicht unterwegs sein! Glücklicherweise hat dieser Herr weder Ornat noch seidenen Talis und besänftigt dadurch einigermaßen die jetzigen leicht erregbaren Gemüter; die Predigt fällt ebenfalls begeisternd aus, und als ich am nächsten Tage einige Gemeindemitglieder nach ihrem Urteil fragte, da wurde mir von der einen Seite der Bescheid: „er hat wirklich großartig gesprochen; es war nur schade, daß ich habe kein Wort verstehen können"; von der anderen: „ich meine, man muß den Mann wählen; denn der ist doch freundlich zu einem jeden und dann hat er doch schon eine so weite Reise gemacht." Hin und her wogt der Agitationskampf; das sonst so friedliche Völkchen zeigt ein neues, ungewohntes Bild, hie I., hie Z.; keine jüdische Familie, die nicht in eifrigster Weise die Rabbinerwahl in ihre „sonst" aus so niedrigem Niveau sich bewegende Unterhaltung zieht und wehe dem Ehegatten, der in diesem Punkte nicht mit seiner besseren oder schlechteren Hälfte eines Sinnes ist; man sagt, der zu wählende Rabbiner würde seine Thätigkeit gleich mit einer Massenscheidung beginnen müssen! Doch, wer hat nicht schon einen Topf Milch auskochen sehen und beobachtet, wie der alle Grenzen durchbrechende Schaum sofort in sich zusammensinkt, wenn die Milch vom Feuer entfernt wird! Stelle Dir, freundlicher Leser, also unsere liebe Gemeinde, wie jenen Milchtopf vor und Du wirst erraten, wie es bei der Wahl zugegangen ist. Das Feuer war verraucht und ganze 28 Stimmen sind an der Wahlurne abgegeben worden; wer der glücklich Erwählte gewesen, das künden die Spatzen von den Dächern der berühmten Gemeinde; daß aber der Gewählte sich glücklich fühlt, an einer so kulturell entwickelten Gemeinde als geistliches Oberhaupt gewählt zu sein, ist bezeichnend für die jetzige Lage des Rabbinerstandes. A. M. Mische MolMMigkkit in itftu |jorh. St. New Pork, 18. Mai. Die in der jüngsten Jahresversammlung der Mitglieder der jüdischen Wohlthätigkeits- und Waisen-Gesellschaft zur Verlesung gekommenen Berichte waren ungewöhnlicher, interessanter Natur. Der Präsident leitete seinen Bericht mit einer kurzen Geschichte der Entstehung und Entwickelung der Gesellschaft bis zur jetzigen Ausdehnung ein. Den Anstoß schien der vereinsamte Zustand eines jüdischen Soldaten gegeben zu haben, welcher im City Hospital aus dem Krankenbette seiner letzten Stunde entgegensah und von seinen Glaubensgenossen umgeben zu sein wünschte. Die Gesellschaft wurde thatsächlich im Jahre 1822 unter dem Namen der „Jüdischen Wohlthätigkeits-; Gesellschaft" gegründet, von welcher der bekannte Major Mordecai M. Noah Präsident zwischen den Jahren 1842 bis 1851 war und die später mit der deutschen Wohlthätigkeits- Gesellschast, welche im Jahre 1845 ins Leben gerufen wurde, J verschmolzen, welche Verschmelzung im Jahre 1859 vollzogen i ward. Im Jahre 1860 wurde dann ein kleines Haus in der ■ 29. Straße für ein Waisenasyl in Miete genommen. Heilte befinden sich in der Anstalt 823 Kinder, 478 Knaben und 345 Mädchen. Daß die Erziehung eine ausgezeichnete ist, zeigt! sich durch die achtunggebietende und nützliche Stellung, welche ' viele der früheren Zöglinge in der Gesellschaft einnehmen. Sie sind unter den Kaufleuten, bcn Handwerkern, den Mechanikern, den Buchhaltern, den Stenographen und anderen nützlichen (f Gewerben zu finden. Eine Zahl der jüngst entlassenen Schüler ierhalten ihre weitere Ausbildung in dem jüdisch-technischen! Institut, andere haben sich dem Ackerbau gewidmet, mehrere qualifizierten sich als Theologen, wieder andere nehmen als Schüler an den Hochschulen und Universitäten zusriedenstellelldc l Plätze ein. i Wie weit die Hilfe, welche das Institut gewährt, in das gesellschaftliche Leben eingreift, ist am besten beleuchtet durch die interessante Schilderung, welche der Superintendent Dr. Baar in seinem Bericht liefert. Er führte da das Beispiel m einer Witwe an, welche einen Sohn und zwei Töchter in der m Anstalt hatte. Von diesen erhält der erstere einen Wochen- I lohn von 20 Dollar als Zuscheider und die Mädchen einen Lohn von 14 Dollar, so daß die Familie jetzt ein ergiebiges Auskommen hat und in der glücklichst denkbaren Lage ist. Eine andere Witwe, die einen Sohn und eine Tochter in der Anstalt hatte, ist wieder mit ihren Kindern vereinigt, die zusammen einen Wochenlohn von 35 Dollar erhalten, und so viele Beispiele. Anschaulich schildert der Superintendent die praktische Erziehung, die den Mädchen gewährt wird. Außer der Küche geschieht fast die ganze Arbeit der Anstalt durch die Mädchen. Im Ganzen finden etwa drei Dutzend Bedienstete Verwendung in der Anstalt mit ihren 823 Kindern. Diese Mädchen machen die 600 Betten, ehe sie zum Frühstück kommen, sie halten das Speisezimmer in Ordnung und kleiden die 300 kleineren Kinder an, ehe sie in die Schule gehen. Indessen bei aller Nützlichkeit, welche das Institut gewährt, hat die Zahl der beitragenden Mitglieder im vergangenen Jahre abgenommen, was zweifelsohne den harten Zeiten zuzuschreiben ist. Aber trotzdem führte Herr Jakob H. Schiss in seiner Ansprache nach Verlesung der Berichte Klage über die mangelhafte Beteiligung der jüdischen Bevölkerung an den Liebeswerken, welche in den öffentlichen Anstalten ihre Bestätigung finden. Man hört so oft die Klage, meint Herr Schiss, daß die Juden New Ports übermäßig belastet wären in der Erhaltung der öffentlichen Anstalten. Es sei aber nicht so. Es sei eine Verleumdung, behaupten zu wollen, daß die 350 000 Israeliten der hiesigen Stadt nicht imstande wären, die Sorge für die Unglücklichen zu übernehmen, die der Hülfe bedürfen. Der Wehrus kornmt nicht aus dem Munde Derer, welche ihre Beiträge liefern, sondern Derer, welche mit dieser Klage sich ihrer Pflicht zu entziehen suchen. Wenn all Diejenigen, welche zur Erhaltung der Anstalten

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