Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Journal
- Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Volume
- 6 (1897)
- Issue
- 23 (4.6.1897)
- Date
- 1897-06-04
- Page
- Seite 375 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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M. 23. fflilgcmciiic Israelitische Lbochcnschrift. Seite 376. österr., amerikanischen Juden u. s. w. der Reform angehören. Es ist allgemein bekannt, daß die statistischen Erhebungen nur das religiöse Bekenntnis im allgemeinen seststellen, die spezifische Ueberzeugung innerhalb derselben jedoch gänzlich außer Acht lassen. Der von Herrn M. vertretenen Behauptung kann demnach keine größere Berechtigung als jeder andern allgemeinen Vermutung zugestanden werden. Wollte man einmal den praktischen Versuch unternehmen, für dieselbe thatsächlichc Belege zu gewinnen, dann würden sich gar wunderliche Dinge ergeben. Im Großen würden sich da nur die Erscheinungen des engern Kreises vielfach wiederholen. Von einer ausgeprägten religiösen Ueberzeugung könnte überhaupt nur in den seltensten Fällen die Rede fein. Denen würde das und jenes bei dieser, den andern wieder bei der andern Richtung besser gefallen, dem würde die Rücksicht aus die Familie, die Pietät gegen die Eltern, letztwillige Verfügungen u. dgl. maßgebend sein. Von der großen Zahl der Urteilslosen abgesehen, kämen noch diejenigen in Betracht, welche mit den Jahren, oder infolge besonderer Schicksalsfügungen oder Erlebnisse die Farbe wechseln. Endlich wird man in nicht gar zu seltenen Fällen die Beteuerung hören: wir möchten ja gerne fromm sein, wenn es nicht so außerordentlich schwer wäre, wenn man dabei nicht in gar zu heftigen Widerstreit mit beit Anforderungen des Erwerbes geriete. Wie wenig wirkliche Ueberzeugung bei dem großen Publikum maßgebend ist, kann man immer wieder bei einer Gelegenheit beobachten. Es braucht nur ans Sterben zu gehen. Da kommen einem die Leute, die man sonst für die extreuisten Reformer gehalten hatte, mit religiösen Fragen und Bedenken, die einen noch so gewiegten Kenner des Schulchan-Aruch in Verlegenheit bringen könnten. Versteht man endlich, wie Herr Mi., unter Reformjudcntum dasjenige unter Einstuß der Entdeckungen eines Lavvinier, Robert Meyer, Max Müller, Darwin, Astruck und dessen Nachfolger stehende, dann dürste sich das Zahlenverhältnis mehr als im umgekehrten Verhältnisse zu Ungunsten der Reform stellen. Wie viele Inden haben denn überhaupt von den hier inbetracht kommenden Lehren eine deutliche Vorstellung, um auf Grund dessen in der Lage zu sein, den Stand ihres Bekenntnisses mit denselben in einen Ausgleich zu bringend Aus ein Judentum, das in Abhängigkeit dieser Männer gestellt ist, paßt überhaupt nicht mehr die Fragestellung: Orthodoxie oder Reform, sondern nur die andere: Offenbarung oder Atheismus. Rabb. Dr. D. Fink-Zwittau. (kille Rabb'mem«lhl im Pchnscheil. (Ein Gemeindebild.) Die jüdische Gemeinde *. ist in Bezug auf Frömmigkeit, Friedlichkeit und Anstand rühmlichst bekannt; ja, durch die Gunst eines gütigen Schicksals ist ihr sogar von kompetenter Seite das Epitheton „Mustergemeinde" zuteil geworden. In welcher Weise die ehrwürdige Gemeinde diesen Ruf rechtfertigte, hat die Besetzung ihrer seit Jahresfrist vakanten Rabbinerstelle erwiesen: Der erste Probekandidat war erschienen; ihm war es bcschiedcn, während der ganzen Peßach-Tage seine Künste entfalten und durch Glanzleistungen seinen andächtigen Zuhörern imponieren zu dürfen! — Angethan mit Talar und Barett, „ganz modisch", wird er von einem Stamm alter Männer bereits am erstell Festabend mit kritischen Blicken betrachtet; doch gcivinnt nach deln mit dem nötigen avec vorgetragenen friedliche Gesinnung die Oberhand. Als aber über dem Ornat am nächsten Morgen noch ein seidener Talis erglänzte, da war das Schicksal des armen Kandidaten bei den „alten Herren," die des landesüblichen Ehrentitels „Siddur- Lamdonim" sich erfreuen, so ziemlich besiegelt. — Die 8 Tage waren vorüber; gleichzeitig auch das Gastspiel des Herrn Dr. $., welcher mit den schönsten Hoffnungen von dannen fuhr; hatten doch seine Predigten, durchdrungen von tiefem Ernst Uild heller Begeisterung, allgemeinen Beifall gefunden. — Als wenn ein Ereignis von weittragendster Bedeutung das Erdenrund in seinen Fugen erschüttert und die ganze Welt zur Erörtermlg seiner Bedeutsamkeit aufrüttelt, also hat auch in unserer Gemeinde $ die Kandidatur des Herrn Dr. P; einen Sturm der Diskussionen entfaltet; die wohllöblicherl Gemeiudebehördell sind durch die Leistungen desselbeil aufs höchste befriedigt und sind gerade dabei zu beschließeil, daß von der Berufung eines ferneren Kandidaten Abstand zu nehmen sei, als alls den Reihen der wohlweiscn und gelehrten Repräsentanten der Vorschlag gemacht wird, man solle doch dem Herrn Kandidaten ein Thema zur Predigt vorlegen; deml inan könne ja nicht wissen, ob von den vielen käuflichen Predigten nicht auch Herr Dr. U. eine solche der Gemeinde als Speise vorgesetzt habe!! — Es konnte aber über diesen Antrag eine Einigung nicht erzielt werden — wahrscheinlich mangelte es gerade an genügend schwierigen Thematen! — und so lvurde dann beschlossen, die ganze Gemeinde über die Berufung eines zweiten Kandidaten entscheiden zu lassen. Armer Dr. A., der Du wohl dem hochwohllöblichem Vorstande, wohl dem Kore und dem „Korach" die Hand zum Abschied gereicht, der Du es aber in sträflichem Hochmut unterlassen hast, anderen ehrivürdigen Mitgliedern der Gemeinde den Abschiedsgruß zu entbieten! Weißt Du denn nicht, daß Du Dein Brot aus den Händen aller ehrwürdigen Gemeindemitglteder empfängst und daß es sich für einen Rabbiner gebührt, in der Synagoge von Platz zu Platz zu wandern, um mim eines jeden einzelnen die Heimreise anzutreten?! Die Nemesis, sie wird nicht ausbleiben! Und sie bleibt nicht aus. Die Gemeindeversammlung, sie zeigts, daß sic weiß, was ihr zukommt; sie bäumt sich auf gegen solchen .. solchen . . na, solchen Schimpf!! — Jawohl, Herr Doktor! . . Schimpf! — Es wird noch ein Kandidat berufen; das ist die Losung! Ganz so einfach ist nun die Sache nicht, von im ganzen sieben Bewerbern einen den Verhältnissen der Gemeinde entsprechenden Kandidaten hervorzusuchen; denn einerseits dürfen zwei darunter befindliche „Orgelmänner," außerdem einige mit stattlichem Kinderreichtum gesegnete Familienväter und schließlich einige weit entfernt wohnende, eine allzugroße Reisevergütuug erfordernde Herren, kaum in Betracht kommen;