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Allgemeine Israelitische Wochenschrift · 1897-06-04 · 23 (4.6.1897) · p. Seite 374

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Journal
Allgemeine Israelitische Wochenschrift
Volume
6 (1897)
Issue
23 (4.6.1897)
Date
1897-06-04
Page
Seite 374 (sequence 6)
Language
German
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Seite 374. Allgemeine Israelitische Wochenschrift. dir. 23. sie diese ausgegeben und in bloßen Formalismus ausgeartet ist, hat sie sich selbst dem Tode geweiht und diesen Auflösungsprozeß werden all die Reformgigerl nicht aushalten, die aus den Rabbinerpressen jahrein jahraus hervorgehen. S. B. Orthodonc lind Reform im Judentum. Die Ausführungen Ihres N.-Mitarbciters über die Lebensfähigkeit der Reform brachten mir unwillkürlich eine launige Anekdote in Erinnerung: Einem Polen, der ein augenfällig betrübtes Aussehen zur Schau trug, begegnete auf der Straße einer Großstadt ein Missionar. Befragt, was ihm denn eigentlich widerfahren, erwiderte jener: „Schlechte, sehr schlechte Geschäfte." Darauf der Missionar salbungsvoll entgegnete: „Mein Name ist N. N., Missionsprediger. Besuchen Sie mich morgen nachmittags und es soll nicht blos Ihrer körperlichen, sondern noch mehr Ihrer Geistesnot abgeholsen werden." Zur festgesetzten Zeit stellte sich der also Angeredete ein. Mit einer scheinbar harmlosen Frage sollte er nunmehr in die Falle gelockt werden. „Allem Anscheine nach," begann der Missionar, „sind Sie hier fremd, wer hat Ihnen denn den Weg in meine Wohnung gezeigt?" Der Pole erwiderte: „Auf der Straße fragte ich jemand, wo der Herr Prediger wohne, worauf mir zur Antwort wurde: Heumarkt Nr. 9." Hieraus der Missionar: „Wie nun, wenn ein anderer gesagt hätte, ich wohne am Krautmarkte?" Darauf mm der Pole versetzte: „Ich würde alsdann noch einen Dritten oder vielleicht gar noch einen Vierten fragen und nach der Mehrheit mich richten." „Wenn dem so ist," flel der Missionar ein, „so habe ich Sie eigentlich schon dort, wohin ich Sie bringen wollte. Um wieviele Millionen ist doch die Zahl der Christen größer als die der Juden, Sie werden demnach nur Ihren eigenen Grundsätzen folgen, wenn Sie sich dem wahren Bekenntnisse anschließen." Der Pole jedoch begegnete dem ganz unverblüfft: „So lange ich selbst die Wohnung des Herrn Predigers nicht kenne, sind mir die Meinungen der Mehrheit maßgebend. Weiß ich jedoch genau, daß diese aus dem Krautmarkte gelegen, so gehe ich dahin, selbst wenn die ganze Welt etwas anderes behaupten sollte. Das Gleiche trifft auch bei der Religion zu. Bin ich erst von deren' Wahrheit überzeugt, dann mögen noch so viele Millionen etwas anderes behaupten, ich ziehe ihre Meinung dennoch nicht in Betracht. Mit einem ähnlichen Fehlschluß sucht Herr M. die Lebensfähigkeit der Reform einerseits und die entsprechende Unfähigkeit der Orthodoxie andererseits darzuthun. Wollten wir selbst für den Augenblick zugeben, jener Richtung gehörten neun Zehntel und dieser blos ein Zehntel der mitteleuropäischen Juden an, so wäre damit ja höchstens nur die größere Lebensfähigkeit der Reformer, nicht aber diejenige der Reform bewiesen. Es gab eine Zeit, wo aus der einen Seite die große Menge israelitischer Baalsdiener und auf der andern nur 7000 anderer Richtung gab. Auf welcher Seite lag dennoch die größere Lebensfähigkeit des Judentums? Tote Zahlen können doch niemals für den Wert einer religiösen Richtung etwas beweisen? Wenn Rabbi Akiba in Anwandlung einer heiteren Laune die Wundermär von dem ägyptischen Weibe, das mehr als 60 Myriaden geboren, zum Besten gab, so wollte er damit doch offenbar die Meinung ausdrücken, daß in den Angelegenheiten des Geistes hauptsächlich die „spezifischen Energien" zu messen sind. Hier wiegt eine Größe 600,000 Nullen oder Mumienjuden auf. Höher als die Zahl ist das Gewicht der Stimmen zu veranschlagen. Die Sozialdemokratie beherrscht zwar nicht die Majorität des deutschen Volkes, immerhin jedoch eine sehr imposante Minorität, zählt mehr Anhänger als irgend eine andere politische Partei. Werden wir auf Grund dieser Thatsachc allein ^ür sie die Zukunft des deutschen Volkes reklamieren, ihre Weltanschauung — die gleich dem „Judentum des 19. Jahrhunderts" stark unter dem Einflüsse Darwins steht — und die mit derselben in Verbindung stehende Wirtschaftsordnung als die richtige, den anderen überlegene ansehen? „Die Reform lebt, warum sollte ihr etwas zur Lebensfähigkeit fehlen? Was lebt, ist lebensfähig, denn sonst lebte es nicht" — also Herr M. Sehr richtig. Nur kann man damit alles und darum nichts beweisen. Die Orthodoxie lebt, und zwar nach dem eigenen Geständnisse des Herrn ein sehr kräftiges Leben, wie lebenskräftig muß die erst sein? Die Errungenschaften Darwins, denen das Judentum des 19. Jahrhunderts seine Verjüngung verdanken soll, scheinen fast durch die so überaus lebenskräftige Orthodoxie über den Haufen geworfen. Müßte sie doch im Widerstreit mit den Errungenschaften der gesamten Kultur und einer erdrückenden Majorität der entgegengesetzten religiösen Richtung den Kamps ums Dasein schon längst verloren haben. Ebensowenig können Prachtsynagogen und neu gegründete Religionsschulen für ein lebhaftes, religiöses Interesse etwas beweisen. Was helfen Synagogen, die leer stehen. Schulen, die widerwillig besucht werden? Wohl scheint diese Thatsache mit dem vielfach beklagten Jndisferentismus im Widerspruch zu stehen. Das kann jedoch jene nun einmal sestgestellte Thatsache nicht widerlegen. Der Widerstreit der Erscheinungen ergiebt vielmehr ein neues Problem, das der Erklärung bedarf. Man rückt ihm jedoch nicht dadurch um einen Schritt näher, daß man offensichtliche Thatsachen leugnet oder einfach auf den Kopf stellt. Eine Erklärung jener etwas verblüffenden Vorgänge liegt auch gar nicht so fern. Der allgemeine Zug der Zeit bringt es mit sich, daß jede Gemeinschaft sich der Oeffentlichkeit gegenüber in einem gewissen Prunk repräsentiere, daher Prachtsynagogen. So lange die religiöse Erziehung eine staatliche Pflicht bildet, wird eine immerhin verschwindende Minorität innerhalb des Staates in der Hinsicht schwerlich etwas zu ändern unternehmen wollen, vielmehr wie überall dem allgemeinen Zuge des Ganzen folgen. „Was nicht lebensfähig ist, das stirbt" — sagt Herr M., allein es braucht darum noch nicht vom Schauplatze des Lebens abzutreten. Kann es doch infiziert selbst den Jahrtausenden unter dem Scheine des Lebens trotzen. Herr M. verwechselt das Organ mit dessen Funktion. Aeußerung des Lebens ist ausschließlich die Funktion. Mit dem bloßen Vorhandensein des Organs ist dieselbe mit Nichten schon gesichert. Kann ja derselbe geradezu mit der Unfähigkeit für jede Lebenssunktion behaftet sein. Endlich ist auch die Thatsache, aus der alles abgeleitet wird, durch nichts erhärtet. Danach sollen ''/u, aller deutschen,

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