Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Journal
- Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Volume
- 6 (1897)
- Issue
- 23 (4.6.1897)
- Date
- 1897-06-04
- Page
- Seite 373 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Nr. 23. Allgemeine Israelitische Wochenschrift. Seite 373. widerlegt. Das religiöse Interesse ist unleugbar bei einem Teile — ich will nicht einmal sagen, bei einem großen Teile — unserer Glaubensgenossen in Deutschland erwacht, da sich bis jetzt noch nicht die geeigneten Männer gefunden, die uneigennützig und für das Judentum begeistert die Führerschaft in dieser lebensfähigen Bewegung übernehmen durften, so hat sich vorderhand eine Art „Gründerschwindel" in unsrer Mitte etabliert, der wohl geeignet ist, unsre gerechte Sache bei einem Teil der deutschen Judenheit zu kompromittieren, für einsichtsvolle Beurteiler aber weiter nichts als eine vorübergehende Episode bedeutet, die ebenfalls überwunden werden muß. Wo ein Krieg ist, da sammeln sich Marodeure, die den Gefallenen Rock und Stiesel ausziehen. Ist aber der Krieg an und für sich ein gerechter und für die Erhaltung eines teuren Gutes unentbehrlich, wird man sich nicht deshalb davon zurückhalten lassen, weil einige Hyänen das Schlachtfeld beschnüffeln und Beute suchen. Die Reform besteht heutzutage innerhalb der deutschen Judenheit, nicht weil in ihr noch irgend welche Anziehungskraft zu finden wäre, sondern weil über die dem Reformhaschisch sröhnenden Gemeinden eine solche Mattigkeit, eine solche Entäußerung der Willenskraft hereingebrochen, daß sie ruhig dem Haschisch weiter schmeicheln und mit apathischer Ruhe der Selbstvernichtnng eutgegensehcn — das nennen Andere: heroische Ruhe. Bor fünfzig Jahren wurden in jenen jüdischen Gotteshäusern mit der größten Anstrengung die Embleme der Reform eingesührt; nach kurzer Zeit war alles abgenutzt und langweiliger denn je. Aber nunmehr besitzen die bis aufs äußerste entkräfteten Gemeinden nicht mehr die nötige Lebenskraft, um sich aus dieser sinnebcnebclnden Atmosphäre zu befreien. Die zweite Generation, die nach jener der Reform entstanden, ist so gründlich in der Nichtachtung des Judentums auferzogen worden, daß sie jeder Initiative, mitunter sogar jener des Austritts aus dem Judentum ermangelt. Auch zum Selbstmorde gehört ein gewisser Grad von Willensäußerung, nämlich die der Selbstentäußerung. Dem indifferenten, in religiöser Beziehung völlig kraftlosen Geschlecht, das in der entnervenden Atmosphäre der Reform ausgewachsen, fehlt selbst der Mut zu einem männlichen Tod, weshalb er lieber vorzieht, so langsam in irgend ein Jenseits — ob es ein besseres ist, weiß ich nicht — hmüber zu schlummern. Es fehlt ihm aber auch die Kraft, diese einschläfernde Atmosphäre zu verlassen und ins Freie zu eilen. Das ist heutzutage die Basis der Reform: das Beharrungsvermögen, dem wir in dem Naturleben, aber auch in der Geschichte unzählige Male begegnen. Möge man mir doch endlich zeigen, daß die Reform in den letzten Dezennien Lebensfähiges geschaffen? Orgel und Damenchor, Predigt und Konfirmation, Talar und Bäsfchen — all diese Errungenschaften gehören doch einer älteren Zeit an. Ein an- und aufregendes Buch nach Art von Geigers „Urschrift" ist nicht erschienen, sondern hin und wieder ein Zeitungsartikelchen zu Lob und Ehren der noch immer nicht toten Reform, das aber keinen vorurteilslosen Beobachter täuschen wird. Entre nous, Madame, vous n’existez pas! Was da noch im Flamen der Reform sich präsentiert, das ist eine alte, eingetrocknete Gestalt, die in jugendlicher Kleidung herumstolziert, gehörig Schminke auflegt, um noch als jung und lebensfroh zu erscheinen. In Wahrheit ist aber kein Blutstropfen mehr in dieser Gestalt; die Röte auf den Wangen ist entweder Schminke oder das Kennzeichen der Schwindsucht. Daß diese dem sicheren Tode geweihte Person an ihr nahes Ende nicht glaubt, ist allen im hektischen Zustande befindlichen Todkranken eigentümlich. Im Grunde genommen würde ja auch kein Mensch mehr von der Reform sprechen; es geschieht nur, weil uns endlich die Krankcnstubenluft lästig geworden und wir das Judentum nicht mehr als ein Hospital für unheilbare Kranke betrachtet sehen wollen. Es ist somit die Frage entstanden, wie schassen wir diesen Modergeruch aus dem Hanse? Wenn die äußeren Embleme der Reform diese selbst andeuten würden — dann ist ja alles in bester Ordnung. Die Orgel, wenn sie einen schlechten Klang giebt, kann ja gestimmt werden; der schadhaft gewordene Talar kann durch einen neuen ersetzt werden; das schmutzig gewordene Bäffchen rein gewaschen werden. Aber ist dies auch die Reform? Wo ist da auch nur eine lebensvolle Idee, die uns befriedigen könnte? Wir sind keine Fetischanbeter, unser Judentum ist kein Kaaba, kein Stück beleckter Stein, den wir gedankenlos verehren könnten. Deshalb befriedigt uns nicht die gedankenlose Orthodoxie, obwohl sie eher im Rechte wäre, das ererbte Gut früherer Jahrhunderte ohne Prüfung anzunehmen. Aber indem wir diese Richtung perhorreszieren, werden wir noch viel weniger geneigt sein, die Resormfexerei anzunehmen, deren Wortführer so unwissend und mattherzig sind. Unwissend zu sein und alles ungeprüft hinzunehmen — das dürfen sich nur die rechtgläubigen Elemente erlauben; sie haben wenigstens für sich die durch Jahrhunderte währende Tradition. Wer aber im Namen des Zeitgeistes und der Gcschichtsentwickelung zu uns spricht, der muß uns schon mehr bieten können als all das inhaltlose Zeug, das man uns als religiösen Fortschritt auftischt. Ich hatte vor einigen Tagen die Gelegenheit, an einem solchen Mahle teilzunehmen; ich konnte dabei so gut den Verfall der sogenannten Reform wahrnehmcn, wodurch mir alles so klar und deutlich geworden. Ich hörte zuerst einen greisen Forscher im Namen der Entwickclungsfähigkeit des Judentums auf der Basis der wissenschaftlichen Forschung reden. Dieser Fortschritt im Judentum muß uns gefallen, er muß jedeu ernsten Menschen gewinnen. Hiernach aber wurde zum Dessert ein Phrasengemengsel von einem Epigonen aufgetragen, daß man sich mit Widerwillen davon abwenden mußte. Die Reform ist unfruchtbar gewesen; sie hat auf die großen Heroen keine Nachfolger hervorgebracht. Das war aber nicht Zufall, vielmehr lag dies, wie ich bei anderer Gelegenheit Nachweisen will, im System selbst. Die Reform hat sich selbst aus der: Aussterbeetat gesetzt. Einer nach dem andern starben sie, die alten Wortführer der Reform, die mit Geist und Gemüt an die Arbeit gingen; was jetzt die Reform vertritt, das sind zumeist Männer, aus denen wir keine einzige halbwegs neue Idee hervorpressen könnten, auch wenn wir sie aus die Folter spannen wollten. Und diese Gamaschenreform sollte uns das Judentum „zeitgemäß" umgestalten können? Die Reform ist mit der jüdischen Wissenschaft entstanden; indem