Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Journal
- Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Volume
- 6 (1897)
- Issue
- 23 (4.6.1897)
- Date
- 1897-06-04
- Page
- Seite 372 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/4794838-9609198-9609220--1997-9609224- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Seite 372. Allgemeine Israelitische Wochenschrift. Nr. 23. ein Körper kann gesehen, kann gehört werden; die Wirkung des Schalles geht nur vom Körper aus, sie ist seiner, zarter, jene Wellenbewegung, die den Ton sortpflanzt und ihn zu unserm Ohre trägt. Aber die Lust ist so gut ein Körper wie irgend ein fester Gegenstand. Sagen wir nun: Gott ist unkörperlich, so folgt daraus nicht nur seine Unsichtbarkeit, sondern auch seine Unhörbarkeit. Nach irdischer Weise hat Gott am Sinai sich nicht offenbart, denn sich offenbaren heißt sichtbar werden, und nur ein Körper kann in die Erscheinung treten, nicht Gott. Aber wenn wir den Ausdruck in seinem herkömmlichen Sinne nehmen, so hat Gott auch am Sinai nicht gesprochen, denn der reine Geist kann nicht sprechen. Was also ist am Sinai vorgegangen, da Gott weder mit dem Auge wahrgenommeu, noch mit dem Ohre vernommen werden kann? Der Vorgang war natürlich, und dennoch erhaben, würdig der Beginn einer neuen Weltära zu werden. In den Raum von fünfzig Tagen hatten sich gewaltige Ereignisse für die Israeliten zusammengedrängt. Soweit ihre Erinnerung reichte, waren sie und ihre Ahnen Sklaven gewesen; jetzt waren sie Freie; sie hatten die Aegypter am Boden gesehen; sie waren umgeben von den Schauern der Wüste, und mm sahen sie am Sinai den gewaltigen Ausruhr der Elemente; alle diese Ereignisse waren wie eine Pflugschar durch ihre Seele gegangen und hatten sie aufgewühlt, und sie empfänglich gemacht für die Aussaat, die ein Mose in die Furchen ftrentc; und sie erkannten den Gott, der sie erlöst hatte, der, selbst bildlos, Alles gebildet hatte, der ein Gott der Wahrheit, ein Feind der Liige ist, der die Menschen liebt und Rast ihnen gönnt nach arbeitsvollen Tagen, der durch Gesetz und Regel die Menschen zu sittlichen Wesen erzieht. Wie groß steht Mose da, der die Sprache der Statur und der Erfahrung zu deuten verstand, daß die Israeliten aus Blitz und Donner des Sinai die Zehn Worte vernahmen. Wie nahe rückt uns durch diese schlichte Erwägung die Offenbarung des Sinai. Wäre sie ein Wunder, so konnten viele sagen: unsere Väter haben an Gott geglaubt, denn vor ihren Augen hat sich ein Wunder vollzogen, wir würden gleichfalls glauben, wenn wir eines Wunders gewürdigt würden. Jetzt aber lehrt uns Mose und Israel : Blicket nur wie wir mit seelisch erleuchteten Augen hinaus in die Statur, in das Leben der Menschen, zumal in die Geschichte der Volker, und auch euch wird der große Gott offenbar werden, der seine Hand hält über die Nationen und über jeden einzelnen Menschen. „Ein Licht Gottes ist die Seele des Menschen"; die Seele aber bekundet sich nicht nur in der Vernunft, sondern auch im Gemüt; darum sind die Frauen, deren eigentliche Kraft im Gemüte ruht, so unendlich wichtig für die Fassung und Vertiefung der Religion, für die Veredlung des Daseins überhaupt. Es wird neuerdings viel gerechnet, welcher Volksstamm, welches religiöse Bekenntnis, welcher Stand, welcher Berus mehr Anteil am Verbrechen habe als die anderen. Diese Rechnungen sind meistens falsch und die Zahlen sprechen, was der ihnen in den Mund legt, der sie gruppiert. Aber die Thatsache ist unbestreitbar, in allen Landen, in allen Verhältnissen ist das weibliche Geschlecht in ungleich geringerer Zahl als das männliche dem verbrecherischen Triebe unterworfen; wenn das durch die Schwäche bedingt ist, so ist die körperliche Schwäche ein Vorzug. Es läßt sich uicht so leicht durch Zahlen beweisen, daß die Frauen auch für alles Gute und Edle lebhafter entflammt sind; aber die Erfahrung aller Unbefangenen spricht dafür, und vielleicht wäre unser politisches Leben reiner, würdiger, nicht durch so viele häßliche Auswüchse entstellt, wenn die Frauen nicht von diesem Gebiete zurückgedrängt würden. Die Heiligtümer der Religion sind in den Herzen der Frauen am besten behütet. Mose selbst hat am Sinai zuerst sich an die Frauen gewandt; der Talmud führt Gott selbst in folgender Weise redend an: Gott habe zu Mose gesprochen: als ich die Welt erschuf, gab ich dem Menschen ein einziges Gebot, ich richtete es nur an Adam, da kam Eva und übertrat es und zog in ihre Sünde den Adam hinein, darum wende dich, daß die Thora besser geborgen sei, zuerst an die Frauen, damit sie nicht wie Eva zerstören, sondern Fürsprecherinnen der Thora, der Religion und der Tugend würden. Wenn Mose zum gegenwärtigen Geschlechte spräche, so müßte er sich nicht anders als am Sinai zuerst an die Frauen wenden. Die Hände, die Herzen der Frauen, sind nicht zu schwach, wenn sie das Gute wollen. Im Gemüte jeder edlen Frau, im Kopfe jedes verständigen Mannes offenbart sich Gott ständig aufs neue. Das Judentum lehrt nichts, was der Vernunft widerspricht, oder wogegen unser Gemüt sich auflchnt; Mose lehrt uns klar und deutlich, was dunkel jede Menschenseele durchwogt. Wenn ein Lehrer vor seinem Schüler eitlen Gedanken ausspricht, so sagt wohl der Schüler zuweilen: ja, das oder etwas ähnliches habe ich rnir gedacht, ich konnte es llur nicht so klar aussprechen. So ergeht es uns häufig gegenüber den Lehren des Mose. So nlögen denn diese klaren erbaulichen Worte, die Mose am Sinai gesprochen, fort und fort einen Wiederhall finden in der Seele Israels. B. R. Nit „lebendige" lUform. (Eine Erwiderung.) Die totgeglaubte Reform des Judentums hat in Herrn M. aus Frankfurt einen Verteidiger gesunden, der vor allem es unternahm, den Beweis für ihre Lebenskraft zu führen. Nach den Ausführungen des Herrn M. strotzt die Reform vor Gesundheit, und nur weil sie sich ihrer Kraft bewußt sei, sehe sie davon ab, auf die Angriffe von Seiten der Orthodoxie zu reagieren. Das lasse sich auch im numerischen Verhältnisse der Reform zur Orthodoxie Nachweisen; denn während erstere den weitaus größten Teil der deutschen Judenheit beherrsche, bestehe die Orthodoxie lediglich in einigen winzigen Separatgenleinden, die etliche geschäftskundige Familien als Versorgungsstelle für sonst unfähige Mitglieder geschaffen, die sich anderweitig ihr Brot nicht ehrlich verdienen konnten. Die Reform, großmütig wie sie nun einmal sei, überlasse jener Familie gern diese kleine Ausbeute des religiösen Interesses in der Judenheit, vornehm jeden Kampf gegen diese Familienorthodoxie vermeidend. Ich habe bereits einen Teil der Ausführullgen des Herrn M., der die Symptome einer Krankheit mit dieser selbst verwechselt.