Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Journal
- Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Volume
- 6 (1897)
- Issue
- 23 (4.6.1897)
- Date
- 1897-06-04
- Page
- [Seite] (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 23. Jahrgang VI. tU't Berlin, 4. Juni 1897. Nebst einer wissenschaftlichen Beilage „JeschuruiL Redakteur: R. Lev in. Verlag: Siegfried Lronbach, Berlin W. 57. Telephon: Redaktion VII, 4236. * Expedition VI, 796. Treu und frei! Bezugspreis vierteljährlich: Deutschland u. Oesterreich-Ungarn MK. 2,50, alle anderen Länder MK.!Z.— Post-Jeitungsliste Nr. (jO. Die ^Wochenschrift erscheint an jedem Freitag in der Regel 20 Seiten (2 V2 Bogen), der „Jeschirrun" Mitte und Ende jeden Monats mindestens 4 Seiten Bogen) stark. Zu beziehen durch die Post (Zeitungsliste pro 1697 Nr. 110) oder unsere Expedition. Anzeigen werden mit 85 |If. für die einspaltige Petitzeile oder deren Raum berechnet. Bei Wiederholungen oder größeren Aust trägen tritt eine Preisermäßigung ein. Alle Annoncen-Expeditionen sowie unsere Expedition nehmen Anzeigen für dieses Blatt entgegen. Inhalt: Zum Offenbarungsfeste. — Die „lebendige" Reform. — Orthodoxie und Reform im Judentum. — Eine Rabbinerwahl im Posenschen. - Jüdische Wohlthätigkeit in New-Pork. — Wochen- Ehronik: Kalender. — Berlin. — Thorn. — Usch. — Breslau. — Liegnitz. — Frankfurt a. M. — Hamburg. — Aus Hessen. — Hoppstädten. — Offenburg. - Budapest. — Brünn. — Paris. — London. — Petersburg. — Feuilleton: Der König der Schnorrer. (Fortsetzung.) Bon I. Zangwill. — Anzeigen. 3nm '. Wir feiern in den nächsten Tagen das Fest der religiösen Wahrheit. Wie ist sie uns zuteil geworden? Ist sie vom Himmel zu uns nieder gestiegen? Ist sie aus den Tiefen der Menschenseele hervorgebrochen? oder sind sich vielleicht gar diese beiden Flammen von der Höhe und von der Tiefe begegnet, tun vereint in um so stärkerer Lohe zu strahlen? Die Heiden haben die Sage von einem gewaltigen Manne, der hinausgestrebt hat zum Lichte der Sonne und dort die Fackel angezündet, die er dann zu den Menschen gebracht hat, daß sie im Gebrauch des Feuers eine höhere Kultur entfalteten und Herren der Erde wurden. Darob wurde über diesen Heros eine grausame Qual und Strafe verhängt. Die heilige Schrift bringt die Kunde von einem Manne, der zu Gott hinausstieg, von einem Gott, der zu ihm hinabkani, und der Mann hat gleichfalls eine Fackel entzülldet, die die Menschen erleuchtet, und erwärmt, und zu einer höheren Kultur geleitet hat, aber der Gott, den die heilige Schrift verkündet, hat den Edlen nicht gestraft, weil er das Himmelslicht zur Erde getragen hat, sondern ihn dafür gesegnet. Aber ist dieser Bericht der Schrift nur ein Gleichnis oder ein wirkliches Ereignis? Manchem könnte diese ganze Frage eine überflüssige erscheinen. Wenn lvir ein köstliches Gut besitzen, so freuen wir uns, daß wir es haben; können wir ergründen, wie wir zu diesem Besitze gekommen sind, so ist es uns recht, gelingt uns dies nicht, so lassen wir uns in dem Genüsse nicht weiter stören; wie viele hochwichtige Lehren lernen wir in allen Wissenschaften, und wir kennen die Flamen und die Schicksale derer nicht, die diese Weisheit gesunden oder erfunden haben. Was liegt soviel daran? Wir haben die Perlen, die Edelsteine, wir freuen uns ihres milden, reinen Lichtes, mögen sie nun im Osten oder im Westen an die Oberstäche befördert worden sein. So bietet uns die Religion erquickende, beseligende Wahrheit, jene hohe Lehre von dem einzig einen Gotte, die dem Denker Antwort giebt auf seine Fragen, die uns einen Halt und Trost gewährt in schweren Stunden, die uns herausführt aus dem Labyrint des Irrtums, der Sünde, der Not; wir erfahren in kernigen allgemein verständlichen Worten die Grundsätze des sittlichen Lebens, deren Erfüllung sofort die Erde zu einem Paradiese verwandeln würde, wir empfangen die erhebende Kunde, daß der Mensch Geist ist vom Geiste Gottes, unsterblich wie Gott, frei wie Gott: — ist nun der Streit nicht eigentlich müßig, vb wir diese Kenntnis auf natürlichem oder iibernatürlichem Wege empfangen haben! Genug, wir haben sie diese Kenntnis, sie löst unsere Zweifel, sie verklärt unfern Schmerz, sie erhöht unsere Freuden, sie führt uns durch Dornen und Hecken, an steilen! Abhang vorüber zu lieblichen Triften, sie bereitet den Himmel auf Erden, sie ist uns lieb und heilig, ob sie nun durch ein Wunder uns geworden ist oder ob wir sie wie jedes andere Wissen uns erworben haben. Aber wenn wir auch keinem seinen Wunderglauben , streitig machen wollen, besser ist es doch, wenn wir an dem uralten Spruche festhalten nett*: "n n:- .Das Licht Gottes ist die Seele des Menschen." Es giebt keinen andern Weg, durch den Gott sich den Menschen offenbaren konnte, als den der Vernunft; er braucht kein anderes Licht, um uns zum Hort der Wahrheit zu leuchten, als die Seele, die ein Hauch, die ein Strahl Gottes ist. Diese Lehre ist den Wundersüchtigen zuwider, aber sie ist keineswegs schriftwidrig, sie findet einen Halt in manchem talmudischen Ausspruch. Wir können Gott nicht sehen, wir können Gott nicht hören; nur 4002010131