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Allgemeine Israelitische Wochenschrift · 1897-05-28 · 22 (28.5.1897) · p. Seite 367

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Journal
Allgemeine Israelitische Wochenschrift
Volume
6 (1897)
Issue
22 (28.5.1897)
Date
1897-05-28
Page
Seite 367 (sequence 19)
Language
German
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Nr. 22. Allgemeine Israelitische Wochenschrift. Seite 367. Es hieß, daß seit Ben Sira noch nie ein solches Wunderkind existiert hatte." „Aber warum habt Ihr es aufgegeben?" fragte Manasfe. „Es hat mich ausgegeben," antwortete der Rabbi, indem er Gabel und Messer niederlegte, um einen alten Kummer zu erklären. „Ein Wunderkind kann nicht mehr als ein paar Jahre ziehen. Bis zu meinem neunten Jahre ging es noch immer, aber jedes Jahr wurde das Wunder geringer, und als ich dreizehn Jahr alt war, machte meine Barmizwah- Predigt nicht mehr Aufsehen, als die vieler anderer Knaben, denen ich die Reden geschrieben hatte. Ich bemühte mich noch einige Zeit, so knabenhaft als möglich zu bleiben, aber es war verlorene Müh. Mein Alter trug den Sieg über mich davon. Es steht ja geschrieben: „Ich war jung, und jetzt bin ich alt." Vergeblich verfaßte ich die beredtesten Predigten, die je in Grodno gehört wurden, vergeblich hielt ich einen Kursus über die Gefühle ab mit Erklärungen und Beispielen aus dem täglichen Leben — das unbeständige Publikum zog jüngere Kräfte vor. Darum gab ich es endlich aus und verkaufte Schnaps." „Ein Jammer, ein Jammer — nachdem Ihr in der Thora berühmt gewesen seid," rief Jankele. „Was soll man thun? Man bleibt nicht immer ein Knabe," antwortete der Rabbi. „Ja, ich hatte einen Branntweinladen. Das nenne ich Erniedrigung. Aber in Gilead ist immer Balsam. Ich verlor bei dem Geschäft so viel Geld, daß ich nach England auswandern mußte, und hier ward ich, da ich nichts anderes zu thun fand, wieder Prediger." Er goß sich, das Wasser ignorierend, ein Glas Schnaps ein. „Ich habe von dem Schnapsladen nie etwas gehört," sagte Jankele. „Er ist in Eurem früheren Ruhm untergegangen." Der Rabbi leerte sein Glas Schnaps, schnalzte mit den Lippen und griff wieder zu Messer und Gabel. Manasse langte nach der Flasche, die ihm nicht angeboten worden war, und bediente sich reichlich. Der Rabbi entfernte die Flasche unauffällig aus dem Bereiche seiner Hand und blickte dabei Jankele an. „Seid Ihr schon lange in England?" fragte er den Polen. „Roch nicht lange," sagte Jankele. „Leidet Gabriel, der Chasen, noch immer so viel am Rheumatismus?" Jankele blickte traurig drein. „Nein — er ist tot," sagte er. „Lieber Gott! Nun, er war schon ein alter Mann, als ich ihn kannte. Wenn er den Schofar blies, klang es jedes Jahr schnaufiger. Aber wie geht es seinem jüngsten Bruder Samuel?" „Er ist tot," sagte Jankele. „Was, der auch! Er war ja so ein kräftiger Mann. Hat Mendelsohn, der Steinmetz, noch viele Mädchen bekommen?" „Er ist tot," sagte Jankele. „Unsinn," keuchte der Rabbi, Messer und Gabel fallen lassend. „Ich habe ja erst vor ein paar Monaten von ihm gehört." „Er ist tot," sagte Jankele. „Gott steh' mir bei! Mendelsohn tot!" Nach einem Augenblick der Rührung setzte er seine Mahlzeit fort. „Aber seinen Söhnen und Töchtern geht es hoffentlich gut? Der Aelteste, Salomon, war ein sehr frommer Junge, und seine dritte Tochter, Nechamah, versprach eine seltene Schönheit zu werden." „Sie sind tot," sagte Jankele. Diesmal wurde der Rabbi selbst so bleich wie ein Toter und legte automatisch Messer und Gabel nieder. „T—tot," keuchte er entsetzt. „Alle?" „Alle. Die ganze Familie ist weggerafft worden von derselben Cholera-Epidemie." Der Rabbi bedeckte sein Gesicht mit den Händen. „Dann ist also die Frau des Salomon eine Witwe. Hoffentlich hat er ihr genug hinterlaffen, daß sie davon leben kann." „Nein, aber es macht nichts," sagte Jankele. „Doch, es macht sehr viel," ries der Rabbi. „Sie ist tot," sagte Jankele. „Rebekka Schwarz tot!" schrie der Rabbi, denn er hatte einst selbst das Mädchen geliebt und empfand, da er sie nicht geheiratet hatte, noch immer eine gewisse Zärtlichkeit für sie. „Ja, Rebbekka Schwarz," wiederholte Jankele unerbittlich. „Auch an der Cholera?" stammelte der Rabbi. „Nein, an gebrochenem Herzen." Rabbi Pöckelhäring schob schweigend seinen Teller fort und stützte in traurigem Sinnen die Ellbogen aus den Tisch, das Gesicht in seine Handflächen und das Kinn auf die Schnapsflasche. „Aber Ihr eßt ja nicht, Rabbi," sagte Jankele schmeichelnd. „Ich habe den Appetit ganz verloren," sagte der Rabbi. „Aber es ist ja schade, das Essen kalt werden zu lassen! Eßt es lieber!" Der Rabbi schüttelte mürrisch den Kopf. „Dann werde ich es essen," ries Jankele empört. „Ein so gutes, heißes Essen!" „Meinetwegen," sagte der Rabbi matt. Und Jankele begann mit Blitzesschnelle zu essen, indem er nur innehielt, um dem unergründlichen Manasse zuzublinzeln, oder der unerreichbaren Schnapsflasche, auf der das Kinn des Rabbi ruhte, sehnsüchtige Blicke zuzuwerfen. Plötzlich schaute der Rabbi auf; ein Verdacht stieg in ihm auf. „Seid Ihr auch sicher, daß alle diese Leute tot sind?" fragte er. „Mein Blut soll vergossen werden, wie dieser Schnaps, wenn sie es nicht sind," rief Jankele, die Flasche an sich reißend und stürmisch den Branntwein in ein Glas gießend. Der Rabbi versank wieder in sein trübes Sinnen und blieb so sitzen, bis seine Frau eine große Porzellanschüssel mit gekochten Pflaumen und Aepfeln hereinbrachte. Diesmal setzte sie vier Teller auf, und so beendete Jankele sein Mahl in der unangczweifelten Stellung eines Gastes erster Klasse. Der Rabbi hatte sich mittlerweile genügend erholt, um in schwermütigem Schweigen mit zwei Tellern voll Aepsel und Pflaumen zu spielen; aber sein Schweigen brach er nicht, bis sich sein Mund unwillkürlich öffnete, um das Tischgebet zu sprechen.

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