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Allgemeine Israelitische Wochenschrift · 1897-05-28 · 22 (28.5.1897) · p. Seite 366

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Journal
Allgemeine Israelitische Wochenschrift
Volume
6 (1897)
Issue
22 (28.5.1897)
Date
1897-05-28
Page
Seite 366 (sequence 18)
Language
German
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Seite 366. Allgemeine Israelitische Wochenschrift. Nr. 22. die Stauden und die Bäume in ihrer den Gebeinen Eltern wurzeln. Die tollsten Lärmer werden still angesichts der vielen frisch geschaufelten Hügel, der vielen offenen Gräber, der vielen harrenden Leichen und der vielen Jammergestalten, die ihren teueren Hingeschiedenen zur letzten Ruhestätte weinend nachgestiegen. Der geputzte Bräutigam lächelt nicht mehr und nicht die geschmückte Braut, denn die Wirklichkeit ist schrecklicher als das Bild! Die Chuppe wird aufgespannt und die heilige Handlung beginnt. Wer hier jubeln wollte im Angesichte des Todes und des Schreckens beim besiegelten Bunde zweier Herzen? Die früher so lärmende Menge schweigt, wie der Ort, wie die Gräber zu ihren Füßen; sie drängt sich, von Angst und Ahnung beschlichen, näher aneinander und wissen nicht, die Unglücklichen. daß je dichter der Knäuel, desto größer die Gefahr. Was gäben viele darum, nicht prahlerisch dem Zuge gefolgt zu sein. Die Zeremonie ist jetzt vorüber, die Mutter küßt ihre Tochter und der Vater umarmt seinen Eidam. Doch hilf, Himmel! Ihm ist sehr übel, denn er wankt — sein Gesicht färbt sich fahl — die Augen sinken zusehends ein — ein Kramps bricht den armen Körper zusammen — armer Klausner! Du hast so viele hinaustragen helfen auf dies Feld und ihnen nachgebetet in die offene Gruft, Du hast deine eigene Tochter furchtlos hinausgesührt und Dich nicht gescheuet einen so frohen Tag zwischen Gräbern zu begehen — Dein Geschick hat Dich ereilt, Du starbst wie Du gelebt an heiliger Stätte, aus gemeinschaftlicher Erde, umgeben von menschlicher Hilfe, die nicht Helsen kann, die dort Dich nicht dem Elend und hier nicht dem Tode entreißen konnte. Fahre denn wohl, und wenn lange Jahre hingegangen, wenn deines Kindes Kind groß geworden und wieder die Seuche ihre Opfer würgt, führt dann dein Enkel vielleicht seinen Sohn aus den Friedhof hinaus zur Hochzeitsfeier — denn der Aberglaube stirbt niemals aus! Der König der Schnorrer. Von I. Zangwill. llj Nachdruck untersagt. Das Herz des Schnorrers fing an wild zu klopfen. Er legte eine Hand auf die Lehne des einzigen, noch übrigen Stuhles. „Mit Vergnügen," sagte er ebenso liebenswürdig. „Dann geht nach Hause und eßt Euer Mittagessen," sagte der Rabbi. An Stelle des wilden Herzklopfens trat eine totenähnliche Stockung. Ein Schauer lief über Jankeles Rücken. Er warf einen flehenden Blick auf Manasse, der unergründlich vor sich hinkicherte. „O, wie darf ich Weggehen? Ihr habt ja dann keinen Dritten zum Benschen," sagte er in prophetisch vorwurfsvollem Tone. „Da ich schon einmal da bin, wäre es eine Sünd, nicht zu bleiben." Der Rabbi war, da er in einer gewissen Verbindung mit der Religion stand, in die Enge getrieben; wenn sich eine solche Gelegenheit bot zur frommeren Art des Benschens, die die Anwesenheit dreier Männer erfordert, durfte er sie nicht znrückweisen. „O, es soll mich freuen, wenn-Ihr bleibt." sagte der Rabbi, „aber leider haben wir nur drei Fleischteller." „O, bitte, die Schüssel genügt für mich." „Also gut," sagte der Rabbi. Mit dem früheren wilden Herzklopfen ergriff Jankele den vierten Stuhl und warf dem noch immer kichernden Manasse einen triumphierenden Blick zu. Die Wirtin, die optischen Signale ihres Gatten mißverstehend, erhob sich und fischte aus der Tiefe eines Schrankes Messer und Gabel hervor. Der Wirt — weniger aus Unhöslichkeit, als aus lebenslänglicher Gewohnheit — häufte zuerst seinen eigenen Teller mit künstlich gefärbten Kartoffeln und Fleisch an und teilte dann den Rest zwischen Manasse und der kleinen Frau in ungleiche, ungefähr mit ihrer Größe übereinstimmende Portionen. Schließlich reichte er Jankele die leere Schüssel. „Ihr seht, es ist nichts übrig geblieben," sagte er einfach. „Wir haben nicht einmal einen Gast erwartet." „Wer zuerst kommt, mahlt zuerst," bemerkte Manasse mit einem sphynxartigen Ausdruck, während er über die Speisen Hersiel. Jankele saß erstarrt da; er stierte auf die Schüssel, und sein Gehirn war ebenso leer wie diese. Er hatte verloren. Ein solches Mittagessen war der blanke Hohn — so blank wie die Schüssel. Eine oder zwei Minuten saß er wie im Traume da, während die Musik der Gabel und Messerspöttisch in sein Ohr klang, und der köstliche Geruch seinen hungrigen Gaumen feuchtete. Dann schüttelte er seine Betäubung ab und sein ganzes Wesen spannte sich verzweifelt an, um eine Idee zu suchen. Manasse unterhielt sich mit seinem Wirt über neuhebräische Litteratur. „Wir wollten in Grodno eine Zeitung gründen," sagte der Rabbi, „aber die Kapitalien —" „Seid Ihr denn aus Grodno?" siel Jankele ein. „Ja, ich bin von dort gebürtig, aber schon seit zwanzig Jahren von dort fort," murmelte der Rabbi. Ec hatte den Mund voll und hörte nicht aus, Messer und Gabel zu gebrauchen. „Ah, dann müßt Ihr ja der berühmte Maggid fein, von dem Alle erzählen," rief Jankele enthusiastisch. „Ich selbst kann mich nicht auf Euch erinnern, denn ich war damals ein Bub, aber Alle sagen, heutzutage giebt es keinen solchen Maggid mehr." „In Grodno hatte mein Mann eine Branutweinschenke," siel die Wirtin ein. Eine Viertelminute laug herrschte ein peinliches Schweigen. Zu Jankeles Erleichterung unterbrach es der Rabbi, indem er bemerkte: „Ja, aber der Herr (Ihr werdet verzeihen, wenn ich Euch so neune, aber Euer Name ist mir nicht bekannt) meint zweifellos meinen Ruhm als Maggid - Wunderkind. Mit fünf Jahren predigte ich vor vielen Hunderten, und meine Behandlung der Bibelstellen, die Art und Weise, wie ich sie deutete, daß sie etwas anderes meinten, als sie sagten, entlockte selbst achtzigjährigen Greisen, die von der » frühesten Kindheit an mit der Thora vertraut waren, Thränen.

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