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Allgemeine Israelitische Wochenschrift · 1897-05-28 · 22 (28.5.1897) · p. Seite 365

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Journal
Allgemeine Israelitische Wochenschrift
Volume
6 (1897)
Issue
22 (28.5.1897)
Date
1897-05-28
Page
Seite 365 (sequence 17)
Language
German
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Nr. 22. Allgemeine Israelitische Wochenschrift. Seite 305. den Lebenden aufräumt — dann adieu Klause und Foliant, da giebt's Arbeit, Arbeit! Da zögern die sterbenden nicht und die Totengräber sind schnell. In allen Häusern hört man Klagen und Gebete und überall ist der Mann der Klause der notwendige Gast; seine Arbeit hier gethan, erwartet ihn eine gleich traurige im Nachbarhause. Wo die Seuche, der Arzt und der Jammer über die Schwelle treten, da tritt auch der Klausner ein, ihr steter Begleiter. Geld regnet es so zahlreich wie Thränen; der Mann könnte reich werden, wenn seine Familie weniger groß wäre. Ueberdies hat Reb Mendele eine erwachsene Tochter — Töchter wachsen schnell in den Augen frommer Ellern — eine vierzehnjährige Jungfrau, für die der Vater Heller zu Heller, Pfennig zu Pfennig sammeln muß, um das Kind an den Mann zu bringen. Wer heiratet heutzutage ohne Geld, und wenn es selbst Reb Mendeles Tochter ist? Wie oft hat der arme Vater die Hände zum Himmel erhoben und die Mutter schlaflose Nächte hingeweint, als sie an die alternde Tochter dachten, die noch keinen Mann gesunden! „Sorg' nicht, Gott wird helfen," tröstete zuweilen der glaubensstarke Vater die Frau, als diese die Zukunft schwarz malte, Mirlen alt werden sah ohne Gatten. Und Gott hat geholfen! Eines Tages tritt der Klausner — ein dort selten gewordener Gast — in seine Wohnung. „Chane!" ruft er,, obschon er hart neben seiner Frau steht, „Chane!" „Was willst Du, Mendel?" „Freue Dich, Weib, Mirl wird heiraten!" „Hast Du heute viel Kidusch gemacht') oder in der Lotterie gewonnen?" „Nein, aber Mirl wird doch heiraten." „So sprich denn! Du kannst ja einem das Leben nehmen!" „Kennst Du Reb Jitzchock, den Parneß-Chodesch?" * 2 3 *) „Ja, ja, so rede doch!" „Reb Jitzchock, der Parneß-Chodesch, kömmt heute zum Schachrißgebet, er hat sehr geweint beim Dawnen, denn sein Weib starb ihm an der Cholera und sein Kind liegt krank darnieder, dann bestieg er den Almemor und ries: „Noch würgt die Seuche — unsere Außenwände sind mit Kohlen schwarz bestrichen, an unsere Thüren schrieben wir die Worte: „Nicht zu Haus," 3) die Sünder haben Buße gethan, und Frauen und Kinder tragen Amulette aus der Hand des Meseritscher Rabbi; ein Milotsche starb/) und die Seuche würgt noch immer! Der Rabbi sagt, man soll einen armen Bocher mit einem gleichfalls armen Mädel verheiraten und die Chuppe aus den Friedhof stellen, denn eine Hochzeit zwischen Gräbern beschwichtige Gottes Zorn und die Seuche. Ich werde, fuhr Reb Jitzchock fort, Kleider geben für Braut und Bräutigam, ich werde Geld sammeln für beide, wenn sie ihre Vermählung auf der Trauerstätte begehen wollen." „Nun, was meinst Du, Chane?" 1) Euphemismus für „trinken". 2) Vorsteher 3) Mittel, die der Volkswahn in Galizien und Russisch-Polen anwendet, der Epidemie den Eintritt zu sperren. ‘) Es ist kein gutes Omen für das baldige Aufhören der Seuche, wenn ihr ein Totengräber erliegt. „Was soll ich meinen, Mendel — Du denkst an unsere Mirl leben?" „Ja. Kennst Du den Jischiwa-Bocher5) Zabel?" „Arm wie eine Kirchenmaus, aber fromm und ehrlich." „Reb Jitzchock wird schon für die Kinder sorgen, und die ganze Khille wird beitragen, Kleider sowohl als Geld; das ist nicht mehr unsere Sache." „Freilich, Mirl wird älter. Thu' wie Du verstehst." Im Besitze der Vollmacht seiner Frau, ohne die Tochter zu fragen, die die wenigste Stimme bei Entscheidung ihres Geschickes hat, eilt Mendele zum Parneß Chodesch Reb Jitzchock, der arglose Zabel wird im Triumph geholt, die Verabredung ist schnell und kurz, denn es eilt sehr, und die Verbindung ist geschlossen! * * * Die Sonne brennt heiß am Sonnenhimmel, und die Schnitter mähen auf dem goldigen Felde die sruchtreichen Halme — ohne Sang und Klang; selbst die Sense scheint die Steine zu meiden, um keinen hellen Ton zu geben und wirft die Garben lautlos nieder; selbst der Vogel am Baume hat lange nicht gesungen und das Echo schon lange keine Melodie gelernt. Die Straße, die sich weiß durch die Felder schlängelt und so vieles reges Leben zu tragen pflegte, ist tot; kein Geher und kein Reiter, kein Wagen und keine Rosse. Der schmale Fußsteig allein, der sich aus der nahe liegenden Stadt bis zu dem weiß umrahmten Gottesfeld, wo Leichen gesäet und Hoffnungen geplanzt werden, hinzieht, trägt einiges Leben, — das Leben des Todes! Dunkle Gruppen schreiten schweigend mit schwarzer Last — wieder ein Gast für die Mutter Erde, die so viele heimgebeten! Es klirren keine Geldbüchsen, es fordern keine Rufer zum Geben auf; wer geben kann, giebt jetzt willig genug, und ach, mancher laute Rufer ist stumm geworden! Der Tod geht ohne Gepränge, ohne Gefolge, ohne Nachruf den letzten Gang; die Furcht stäubt die Massen auseinander und der Schrecken hat alle Zeremonien niedergetreten. Urplötzlich bricht ein fremder, wilder Ton ins finstere Schweigen. Die Schnitter halten erschrocken in ihrer Arbeit inne, die stummen Bahrenträger schauen zurück — ein Zug wälzt sich mit wildem Lärm heran, alles folgt, was Fanatismus und Aberglauben im Herzen trägt, was sich betäuben will, alles was begierig ist im Wohnhofe des Todes ein Bild des Lebens zu sehen. Und Musik jubelt drein, als gälte es, die Gestorbenen alle aus dem schweren Schlaf zu wecken. Die Hochzeit ist es, die draußen aus dem Friedhofe gefeiert werden und die verheerende Seuche beschwören soll. Die Braut ist prächtig geschmückt und auch der Bräutigam geputzt, sie lächeln, die Unglücklichen, sie glauben ein gottgefällig Werk zu üben! Jetzt tritt der groteske Zug ins schwarze Thor, offen wie der Rachen eines gefräßigen Ungeheuers — die Musik schweigt, die Spieler hören, obschon weinerhitzt, unwillkürlich aus, an der Schwelle des Todes, wo Verwesung Blumen treibt und b) Ein junger Mensch der in der Klause dem Talmudstudium obliegt.

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