Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Journal
- Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Volume
- 6 (1897)
- Issue
- 22 (28.5.1897)
- Date
- 1897-05-28
- Page
- Seite 364 (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Seite 364. Allgemeine Israelitische Wochenschrift. Nr. 22. Schleier sällt über das Gesicht der Braut, der Bräutigam spricht andächtig die diktierte Formel, er drückt den Ring auf den dargereichten Finger, er nippt durstig vom Weine nach einem Hungertage, er sprengt den Kelch in Scherben, daß klirrend die Stücke springen, und ist mit einem Fuß im Cheder, mit dem andern im Ehestand! Es war höchste Zeit; siebzehn Jahre! War doch sein Vater fünfzehn jung, als er unter der Chuppe stand, die Mutter sechzehn geworden, als sie ihn unter dem Herzen trug. Ach, das Geschlecht artet aus! -i- * * Die Jahre gehen schnell dahin und schleifen uns nach. Mendels Eltern sind heimgegangen ins Reich der Schatten, der Furcht und der Erwartung, in jenes Reich, wohin sich die Hoffnung zurückzieht, wenn sie hier ermüdet, wohin die Frömmigkeit ihre Schätze trägt und der Glaube den Lohn für weltliche Entsagung sucht. Betrübt, hilfslos und unbeholfen, aus sein eigenes Unvermögen angewiesen, blieb Mendele zurück; er hatte bisher nie Sorge gekannt, nie an die Gegenwart und Zukunst gedacht, er hatte cs den Eltern überlassen, für ihn zu sorgen und zu arbeiten; jetzt, da sie heimgegangen waren, stand der Söhn planlos da, ohne zu wissen, was er beginnen und unternehmen solle. Er hatte nichts gelernt als den Talmud, und das ist kein Brotstudium, er weiß nichts als diesen, und das nährt nicht den Mann. Doch hat der gute Vater für sein gutes Kind gesorgt und gespart; altes Silbergerät, alte und neue Münzen, Kleider mit Seide und Pelz, Hausgeräte in Kupfer und Messing blieben dem Erben zurück, der die alten Sachen zum Trödler trug und den Erlös in den Kasten schob. Leider kannte er keine Mittel, die toten Klumpen zu beleben und das Erz wachsen zu machen, und er schöpfte seinen täglichen Bedarf aus der gefälligen Truhe, er schöpfte so lange und unverdrossen, bis er eines schönen Wintermorgens vor der offenen Lade stand und hineinsah, ohne nur eines jener zauberstarken Plättchen zu entdecken, die eine so magnetische Kraft besitzen. In der Truhe war kein Geld, im Hause kein Brot, im Ofen kein Holz, der Schnee schlug an die Scheiben, der Wind heulte im Kamine, Mendel, sein Weib und die Kleinen zitterten vor Frost und Hunger — er aber, er sagt kein Wort, daß das Weib geifert, daß die Kinder schreien, der fromme Mann zuckt mit den Achseln, „was Gott thut ist wohl gethan," spricht er und geht. Wohin? In die Klause, wo die Armut und die Frömmigkeit, die Entsagung und das Gottvertrauen wohnen, wo die Pietät die Dürftigen aussucht, wenn sie Wohlthaten in der Stille ausüben will, wohin das gottsürchtende Glück seinen lauten Dank und das Unglück seinen stillen Schmerz trägt, und wo jene ihr Leben hinbeten, die in der Welt nichts zu suchen und nichts zn verlieren haben. * * * Der Gottesdienst ist zu Ende, heim wallten die Beter und still und leer isr's im Gotteshaus, wo eben noch hundert Kehlen laut ihre Morgengebete in den Himmel riesen. Die Lichter sind heruntergebrannt, die den heimgeschiedenen Seelen Tag und stacht brennen, oder nur mit trübem Scheine den Jahrestag ihres Todes feiern. Ständer und Bänke stehen in einander geschoben, die Besucher, die da waren, sind eben so eilig gegangen, als sie eilig kamen, ihre Gebete zu verrichten; denn für alle hat die Zeit einen Wert und eine Flucht. Nur Einer sitzt da, für den sie beides nicht hat, der Einzige, der aus der enteilenden Menge zurückblieb und Aug' und Sinn in ein gewaltiges Buch vergräbt. Die verrinnende Zeit, die entflohenen Beter, Weib und Kind daheim, die Sorgen des Lebens, alles ist vergessen. Was geht ihn, den Klausner, die Welt an, die draußen kocht und braust und siedet wie im Hexenkessel, was gehen ihn die Leute an, die emsig an den Maschinen arbeiten und sie mit ihrem Blut treiben? Sein Herz ist Gott geweiht und sein Geist den Lehren, die Jahrhunderte in diesem Buche, älter und unvergänglicher als die Gräber der Pharaone, ausgehäuft, und die jetzt wie uralte Mumien in den papiernen Katakomben ruhen. Als dieser Mann, gelb wie die Pergamentblätter vor ihm, grau wie der Himmel und welk wie das Blatt im Spätherbste, alt geworden vor der Zeit aus Mangel an Lust, Bewegung und Sonnenschein — als dieser Mann seine Eltern verlor und ihre Hinterlassenheit, als er brot- und hilflos dastand, da hat sich ihm die Thüre dieser Klause geöffnet, in der er einen Tag wie den andern beschaulich und erbaulich, betend und duldend lebt, von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang in trüben und heiteren Tagen, in bitteren und fröhlichen Stunden. Das stets offene Gotteshaus nahm ihn aus mit all' seinem Elend, und die Pietät der täglichen Beter streute ihre Brosamen in die Hand des armen Mannes, der Kadisch sagt für die Toten und Psalmen für die Sterbenden, ein Lächeln hat für den Frohen und ein Trostwort für den Betrübten. Bei allen Anlässen, bei denen der Christ die Glocke zieht und der Jude das Licht anzündet, wird der Klausner gerufen; der Fromme kommt zu ihm und auch der Aufgeklärte, denn in Stunden der Not kehren sich alle Menschen mit gleicher Aengstlichkeit dem Glauben zu. So oft im Schoße einer Familie, eine Krankheit erscheint und ein Leben bedroht, wenn der Arzt resigniert und die Lieben weinen, wird dieser Mann gedungen, Psalmen zu singen und Gebete zu sagen, aus daß die göttliche Gnade das Unglück vom Hause abwende. Und ist der Schlag gefallen, und hat die Knochenhand des Todes ein teures Haupt gemäht, so wird wieder an dem Strange dieser Glocke gezerrt, so muß der Klausner bei der Leiche betend wachen und für die Ruhe der Heimgegangenen Seele den Himmel stürmen. Er betet an der Wiege des neugeborenen Kindes, das kaum die Augen dem Lichte öffnete, wie am Bette des Sterbenden, der sie dem Lichte schließt; mit demselben Gleichmut, mit dem er an die Wiege tritt, steht er am srischgeschauselten Grabe, geht er zum Hochzeitsschmaus wie zur Leichenwacht. Er hat so viel Elend gesehen, er hat so viel Jammer gehört, er war oft Zeuge so vieler Thränen und so vielen Wehs, er sah so viele Menschen zuckend aus dem Leben scheiden, daß sein Herz nichts mehr ist als eine Scholle, in welche die Freude ihre Blumen pflanzen und der Schmerz seine Toten betten kann — daß seine Brust nichts ist als eine Kammer, die sich putzen läßt beim Feste und schwarz umhängen am Trauertag! Die Gebete sind es, die er überall hinträgt, will doch der Mensch leben, verlangen doch die Kinder Brot. Und Zeiten grebt es, in denen die Geschäfte dieses Mannes blühen! Wenn eine Seuche würgend kreist und schnell unter