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Allgemeine Israelitische Wochenschrift · 1897-05-28 · 22 (28.5.1897) · p. Seite 363

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Journal
Allgemeine Israelitische Wochenschrift
Volume
6 (1897)
Issue
22 (28.5.1897)
Date
1897-05-28
Page
Seite 363 (sequence 15)
Language
German
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Nr. 22. Allgemeine Israelitische Wochenschrift. Seite 363. Festtagsputz und die Leute drin ihre Festgewänder, Männer ihre schwarzseidenen Talare, Frauen ihre Atlasschibbes * **) und ihren Perlenschmuck. Ein jedes brachte Kinder mit, welche die Stube mit einem ungeheuren Lärm erfüllen, alles spricht bunt durcheinander, neckt, lacht und lärmt in gehobener Stimmung. Leben wir doch in der Sabbatruhe wie im Opiumräusche, wir vergessen die Sorgen des Lebens, die uns noch gestern umsponnen und morgen uns wieder umstricken werden; wir schwimmen für eine kurze Weile aus den eisigen Fluten ans grüne Gestade; wir werfen die schweißtriefenden Kleider für einen Augenblick ab, salben die Lenden, ölen das Haar. Die bleierne Wirklichkeit wird für einen Tag verabschiedet und der lustige Traum mit seinem rosigen Geschäume, seinen Regenbogenfarben und seinem Blumenduft tritt seine kurze Herrschaft an. Deshalb auch begrüßen wir den Sabbat wie eine liebe Braut, die die Freude im Auge und das Lächeln aus den Lippen trägt, mit Hymnengesang und Lichterglanz. Mit einem Male wird alles still, alles drängt sich an den großen runden Tisch in der Mitte des Zimmers und legt ein Opfer hin, als ob er ein Altar wäre. Sachen und Sächelchen werden gebracht, seidene Schnupf- und Halstücher, voluminöse Gebetbücher mit grünem und gelbem Schnitt, Amsterdamer Bibeln in Pergamentband, sogar eine kleine silberne Uhr und eine Tabatiere von Tulskersilber — Geschenke eines alten Onkels und der Großmama — werden zu Füßen eines fünfjährigen Knaben gelegt, den sein Lehrer („Melamed") auf den Tisch hebt und ihm, während er die seinem Zöglinge gewordenen Geschenke in seinen Händen bewundernd spielen läßt, zurust: „Sag die Drösche, Mendele." „Bereschis boro Elohim" beginnt der Knabe mit Heller Stimme und das Auditorium atmet kaum, man hört nichts als die lauten Worte des Kindes. Mendel hat die Elementarklassen des Hebräischleseus absolviert und mit dem heutigen Tage die Bibel begonnen. Der Beginn dieses Unterrichtes pflegt stets in frommen Judenfamilien festlich begangen zu werden. Die Eltern freuen sich, ihr Kind auf dem Wege des Fortschrittes zu sehen, Kind und Lehrer freuen sich der Geschenke und des Lobes; Verwandte und Bekannte bringen Gaben und erhalten dafür den Hochgenuß der Derascha, süßen Meth, saures Bier, Backereien und Leckereien aller Art. Wie ein Wasser fließt die Derascha von Mendels Lippen. Die überglücklichen Eltern möchten weinen vor Lust und Wonne, den Knabe dastehen zu sehen in seinem blauseidenen Pekeschel, mit dem goldbetreßten Kappel, mit dem Hellen Blick und der Hellen Stimme — ach, die armen Eltern träumen in diesem Augenblicke von einer lichtvollen Zukunft: Mendel wird wachsen an Jahren und Gelehrsamkeit, er wird ein Rabbi sein, um den man sich reißt, vor dessen Weisheit man im Staube kriecht, zu dem man wallfahrtet wie zu jenem Manne in Meseritsch, der Lahme heilt und Blinden die Sehkraft giebt durch die Macht des Gebetes! Als Mendel nun die Derascha „galizischen Finsternis", von der an anderer Stelle der heutigen Nr. die Rede ist. Die gesammelten Schriften Härzberg-Frankels sind, wenn wir nicht irren, bei Wilh. Jacobsohn in Breslau erschienen. **) Eine Art Burnus mit Pelzverbrämung, die jedoch eben so gut in heißen Sommertagen getragen zu werden pflegen. geendet, da wollte der Jubel nicht aufhören, der die Stube erschütterte, und Küsse regneten aus ihn von welken und frischen Lippen. Von diesem Augenblicke an lebt der Knabe ausschließlich dem Bibelstudium. Jede andere Beschäftigung, jede andere Verwendung, jede Zerstreuung, die Spiele und der Frohsinn der Jugend, alles was das Herz erfreur und den Körper kräftigt, ist ans seinem toten Leben gebannt. Die einzige Nahrung, die seinem Geiste gereicht wird, ist die Bibel; er muß an ihrem Urtexte kauen und wieder kauen und jahrelang einzig dabei ausdauern. Später, wenn der Knabe um einige Jahre älter geworden, wird er auf die Labyrintwege des Talmuds geführt, der Lehrer leitet ihn am Ariadnefaden durch die Katakomben der Vergangenheit. Er jagt ihn durch Gebiete, die dem jugendlichen Verstände besser noch geschlossen blieben, er offenbart ihm Dinge, die einem reiferen Alter gehören, und treibt den noch zarten Geist zu Spitzfiudigkeiten, auf deren Höhe es ihm schwindelt. Denselben Weg, den alle übrigen Kinder bigotter Eltern gehen müssen, keuchte auch Mendele rast- und atemlos hinan. Hinter ihm trieb der Lehrer, den Folianten in der einen, die Rute in der anderen Hand; der Vater trieb, die Verwandten trieben und der Junge wurde durch all' die voluminösen Bücher gehetzt, die nur ein ruhiger klarer Geist, ein scharfer Verstand zum Mußestudium machen sollte. Dies unkluge Erziehungs- und Bildungssyftem mordet die Zukunst des Knaben, der seine besten Jahre bei einem Studium verlebt, das er in das praktische Leben nicht mitnehmen und drin nicht verwerten kann, und wenn er dann in jenes Alter tritt, in dem die Sorge zur Arbeit mahnt, so weiß er nichts, vermag er nichts, kann er nichts. Es ist dies ein beschwerlicher, mühseliger Gang, ohne Rast, ohne Stunden der Ruhe und der Erholung, das Chedergehen — ein weiter Weg zu Fuß, wobei die Jugend welk, die Farbe bleich, das Feuer erloschen, der Körper matt wird, fahl und schlottrig; wobei man mit siebzehn Jahren aushört jung zu sein und von der Handooll Jahre gebeugt wird, als ob sie eine Last wäre, nachdem die Kindheit freudlos, ungenossen, ungescherzt hingegangen — eine fahle Sandwüste, ohne Blätter und Blüten, ohne Grün und ohne Frische, ein Himmel ohne Sonnenschein! Siebzehn Jahre! Hurtig, Junge, das Leben ist kurz und die Eltern sind alt, die Bräute wachsen in allen Ecken und Enden, hurtig, suche dir ein Weib, denn es ist nicht gut, daß der Mensch allein sei aus Erden. Siebzehn Jahre und noch nichts für die Zukunft, fürs Familienleben, für häuslichen Unfrieden gethan, als ob die Zeit keine Flügel, die Welt keine Weiber hätte! Die Eltern ruhen nicht und die Schadchen, Muhmen und Basen drängen: Um Gottes willen, der Flaum kriecht schon über Mendels blasses Gesicht! Viel Glück zur Lebensreise, Junge — du bist ein verlorner Mann! Das scheue Auge sucht den Boden und das Blut die bleichen Wangen auf, als Mendel seiner Braut, jung wie er, zitternd, verschämt und willenlos wie er, gegenübersteht. Beider Blicke wurzeln in der Erde; wozu auch einander sehen? Die Eltern haben gewollt und der Himmel hat» beschlossen? Wo ist der Mensch, der Gottes Ratschluß prüfte? — Der

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